100 Jahre Frankfurter Goethe-Universität

Durchaus studiert mit heißem Bemüh’n

Von Jürgen Kaube
18.10.2014
, 11:57
Prachtbau - und alles ohne einen staatlichen Pfennig: Frankfurts Johann Wolfgang Goethe-Universität, um 1920
Als Frankfurter Bürger die Goethe-Universität ins Leben riefen, brach der erste Weltkrieg aus. Heute ist sie Stiftungsuniversität. Dazwischen liegt eine bewegte und eindrucksvolle Geschichte. Ein akademischer Strauß zum Hundertsten.

Wäre es heute in Deutschland noch möglich, eine Universität wie die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität zu gründen? Die Frage ist nicht ganz fair, denn man hätte sie schon fünf Jahre nach ihrer Eröffnung so nicht mehr gründen können. Als die Frankfurter Universität vor einhundert Jahren, am 18. Oktober 1914, ihre Türen öffnete, ging die Epoche gerade jäh zu Ende, der sie ihre Möglichkeit verdankte. Der Kaiser musste der Festversammlung fernbleiben, er hatte gerade einen Weltkrieg mit ausgelöst. Dieser machte damals alle Erwartungen des deutschen und europäischen Bürgertums zunichte, die tragende Schicht der gesellschaftlichen Entwicklung zu sein. War das auch vor 1914 vielleicht nur noch eine Illusion, so konnte sie danach jedenfalls niemand mehr haben.

Die Frankfurter Universität entstand 1914, wie kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Hamburger Universität, als eine Bürgergründung. Die Formel „Besitz und Bildung“, die für das Bürgertum gefunden wurde und mitunter auch die Möglichkeit „Besitz oder Bildung“ einschloss, ist dafür angemessen. Oberbürgermeister Franz Adickes und der Gründer der Metallgesellschaft, Wilhelm Merton, waren die maßgeblichen Akteure. Die Anfangsgründe des Universitätsklinikums lagen im Carolinum, einer karitativ ausgelegten Zahnklinik, die von Hannah Luise von Rothschild gegründet worden war.

Entscheidende Finanzmittel kamen aus dem Erbe des Frankfurter Buchhändlers Jügel und von der Bankierswitwe Franziska Speyer, die vor allem die Forschungen des Pharmakologen Paul Ehrlich unterstützte. Merton, Rothschild, Speyer - man muss diese Namen nur aufrufen, um einen weiteren Grund dafür zu nennen, dass eine solche Universitätsgründung später nicht mehr möglich war. Bis 1918 konnte das jüdische Bürgertum in Deutschland glauben, integrierter Teil der hiesigen Stadtgesellschaften zu sein. Dass die Goethe-Universität nach 1945 eine derjenigen war, die unter den Professoren vergleichsweise viele Rückkehrer aus der Emigration und Überlebende des Judenmords anzuziehen vermochte, ist ein schwaches Echo davon.

Amerikanische Anfänge

Schon unter ihren Forschern und Lehrern vor der Katastrophe waren bedeutende jüdische und aus jüdischen Familien stammende Gelehrte, nicht selten Pioniere in ihren Disziplinen. Das gilt für Paul Ehrlich genauso wie für Franz Oppenheimer, den Soziologen, und seinen Nachfolger, Karl Mannheim. Die jungen Philosophen rund um das 1924 ebenfalls mäzenatisch eingerichtete Institut für Sozialforschung haben den Ruf der Universität fast ein halbes Jahrhundert lang geprägt.

Der Historiker Ernst Kantorowicz hingegen hatte seinen Lehrstuhl kaum bestiegen, als ihn die Nationalsozialisten in die Emigration trieben. Auch die erste in Frankfurt habilitierte Frau, die Bakteriologin Emmy Klieneberger-Nobel, stammte aus einer assimilierten Familie und musste 1933 aus Deutschland fliehen. Dass mit dem ausgesucht dummen und widerlichen Pädagogen Ernst Krieck der erste Nationalsozialist in einem deutschen Rektorenamt ausgerechnet an der Universität Frankfurt installiert wurde, die seit 1932 den Namen Goethes trug, war insofern auch ein Kommentar zu ihrer Gründung.

Es steckte, von heute aus gesehen, etwas Amerikanisches in den Anfängen dieser Universität, nicht nur der Stifter halber, die zur Gabe wirklich großer Summen bereit waren, wie zuletzt die Bankfamilie Kassel. Von Beginn war die Universität auch neuen Fächern gegenüber aufgeschlossen. Unter den ersten Studenten, 618 an der Zahl, war ein Sechstel Frauen. Ihnen allen standen fünfzig Professoren gegenüber - ein Betreuungsquotient von 12,4 (heute beträgt er hier, wie andernorts, im Durchschnitt gut 60).

Eine Riege origineller Juristen

Ein „Harvard am Main“, wie es der erfolgreiche Präsident Werner Müller-Esterl, der jetzt aus dem Amt scheidet, einmal in Aussicht stellte, wird zwar auf sich warten lassen. Dass die Universität insbesondere seit dem Umzug großer Fachbereiche auf den Campus Westend und in die Gebäude der ehemaligen I.G.-Farben-Zentrale auch nach außen etwas hermacht, kann aber niemand bestreiten. Und die für manche, denen das „und“ zwischen Besitz und Bildung nicht einleuchtet, fast schon zu enge Kooperation des „House of Finance“ mit den Banken und Kanzleien nebenan bekräftigt den amerikanischen Eindruck.

Wie sich die Zeiten ändern: Die Prominenz der Frankfurter Universität während der nicht zuletzt antiamerikanischen Demonstrationsepoche von 1968, als sich selbst ihr berühmtester Professor, Jürgen Habermas, auf einmal rechts von den Studenten wiederfand, war lange eine Hypothek. In ihr arbeiteten aber auch danach erstrangige, vor allem eigensinnige Hochschullehrer. Man denke nur an den klassischen Ökonomen Bertram Schefold, den vermutlich gebildetsten deutschen Wirtschaftswissenschaftler überhaupt. Oder an den Komparatisten Ralph-Rainer Wuthenow, den Kryptographen Claus-Peter Schnorr, den Soziologen Ulrich Oevermann, der praktisch auf eigene Faust eine ganze Schule gründete.

Oder an den Betriebswirt Reinhard H. Schmidt, der seinem Fach, der Finanztheorie, den Sinn für institutionelle Klugheit gegenüber reiner Marktmathematik wiedergegeben hat. Von der Riege origineller Juristen ganz zu schweigen, die hier wirkten. Man muss für sie nur den Namen Rudolf Wiethölters nennen - denn das hatte Frankfurt lange auch: Theorievertrauen bis zum Äußersten, in einem Milieu nahe Suhrkamp, in dem solche Haltung nie isoliert war.

Vertonung von Kleingedrucktem

Das ist eine ziemlich subjektive Auswahl; die Naturwissenschaftler, die im Nordwesten der Stadt inzwischen einen eigenen Campus haben, auf dem sich Max-Planck-Direktoren und Leibniz-Preisträger grüßen, mögen verzeihen. Der im Jahr 2008 unter dem Präsidenten Steinberg vollzogene Übergang zu einer Stiftungsuniversität mit großen Spielräumen gegenüber dem Hochschulgesetz hat auch ihnen geholfen. Wir haben es in der Goethe-Universität mit einer der interessantesten Entwicklungen eines einzelnen Hauses in Deutschland zu tun. Nicht zuletzt mit einer gelungenen und, wenn man so will, bürgerlichen Reintegration von Universität und Stadt.

Zum heutigen Jubiläumsakt in der Paulskirche hat die Goethe-Universität beim Komponisten Moritz Eggers eine Festmusik bestellt. Hieß es bei Johannes Brahms einst noch „Gaudeamus igitur“, so soll der Text der neuen akademischen Festouvertüre dem Vernehmen nach unter anderem aus den Nutzungsbedingungen von Google stammen. Das ist natürlich witzig, wenn auch nicht sehr selbstironisch. Unter dem angekündigten Titel der Komposition „Ich akzeptiere die Nutzungsbedingungen“ hätte man sich genauso gut die Vertonung von akademischem Kleingedruckten vorstellen können.

Insofern schlagen wir vor, dass auf einer der anschließenden Partys das Präsidium der Johann Wolfgang Goethe-Universität zusammen mit Studentenvertretern zur Melodie von „Fraa Rauscher aus de Klappergass“ den Text der Bologna-Erklärung von 1999 oder des derzeit gültigen Modul-Handbuchs für das Philosophiestudium in Frankfurt zum Vortrag bringt. So oder so: Hundert Jahre sind ein Anlass zum Singen. Wir gratulieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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