Islam und Terror

Warum nur in Gottes Namen?

Von Jens Alber
13.01.2015
, 09:32
Islamische Vielfalt: Muslime beten auf der World Muslim Congregation in Bangladesch
Zu sagen, der Islam sei friedliebend, damit ist es nicht getan. Denn die Täter von Paris hatten einen religiösen Bezug. Aber es kam noch etwas hinzu. Zur Anatomie einer mörderischen Frömmigkeit.

Kaum erfolgt irgendwo eine neue, islamistisch begründete Greueltat, treten Vertreter des politischen Establishments auf den Plan, um zu beschwichtigen, das habe mit der Religion des Islams nichts zu tun. Auf der anderen Seite sieht Umfragen zufolge die Mehrheit der Bürger den Islam inzwischen als Bedrohung, während Pegida Zehntausende auf die Straßen bringt, um gegen die angeblich drohende Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren. Hier tut sich in der Wahrnehmung der Wirklichkeit eine besorgniserregende Lücke zwischen Wählern und Gewählten auf, die es mit Vernunft und Augenmaß zu schließen gälte.

Drei wesentliche Einsichten können dabei helfen. Erstens: Natürlich ist nicht zu leugnen, dass Anschläge heute ganz überproportional von Leuten begangen werden, die ihre Taten selbst mit ihrem islamischen Glauben begründen. Zwar gibt es gelegentlich auch Anschläge von christlichen oder auch jüdischen Fundamentalisten; aber das Gros – von Madrid, London über New York bis nun wiederholt Paris, ganz zu schweigen von IS und Boko Haram – geht auf das Konto von Islamisten. Und die berufen sich auf die Religion als Legitimation ihrer Taten, und deshalb wäre es wenig sinnvoll, den religiösen Hintergrund zu leugnen oder auszublenden.

Es ist allerdings genauer zu fragen, wo die Brücke zwischen der Religion und den Anschlägen zu suchen ist. Man kann dafür zunächst nach einschlägigen Stellen im Koran forschen. Nun ist es richtig, dass sich dabei manches finden lässt, was sich als Aufforderung zum Glaubenskrieg interpretieren lässt (Sure 2,191; 4,89; 9,111) oder als Ablehnung der Gleichstellung von Frauen (Sure 2,228; 4,11; 4,34) oder von Homosexuellen (Sure 26,165–166; 7,80-81; 4,16). Dennoch führt diese Suche nicht weit. Zum einen sucht man bestimmte Strafgebote für den Fall der Blasphemie oder bildlicher Darstellungen des Propheten im Koran vergeblich; sie sind dem Koran gänzlich fremd.

Vergleichbare Formulierungen in der Bibel

Zum anderen zeigt sich, dass sich in der Bibel sehr ähnliche, zum Teil sogar schärfere Formulierungen finden, wenn es um den Kampf gegen Ungläubige (3.Mose 26,7–8; 4.Mose 33,52; 5.Mose 20,10–18; Josua 10,40; Esther 8,11), die Verteidigung des Patriarchats (Epheserbrief 5,22–23; Kolosserbrief 3,18; 1.Petrusbrief 3:1) oder die Verdammung von Homosexuellen geht (3.Mose 18,22, 20,13; 1.Korintherbrief 6,9), während sich überdies dort auch explizite Blasphemieverbote finden (2.Mose 20,4-7, 22,27; 3. Mose 24,16). Dennoch haben die Bibellehren heute offensichtlich keine ähnlich wirksame Mobilisierungswirkung für politische Wirrköpfe wie der Islam und sein Koran.

Woran liegt das? Naheliegend ist die Vermutung, dass dafür Jahrhunderte von Aufklärung und Säkularisierung im Westen verantwortlich sind, die es im Orient so nicht gab und die im Westen bewirkten, dass religiösen Forderungen heute allgemein mit größerer Skepsis begegnet wird. Entscheidend ist aber wohl, dass Islam und Christentum sich in der Gegenwart hinsichtlich eines wesentlichen Faktors fast gänzlich unterscheiden, nämlich bezüglich ihrer Einbettung in sozioökonomische und politische Gegebenheiten.

Während die Gesellschaften des christlichen Westens einen hohen Lebensstandard genießen und in Freiheit unter dem Schutz von Demokratie und Menschenrechten leben, erfolgt das Leben eines Großteils der Muslime unter den Bedingungen des Krieges, der wirtschaftlichen Rückständigkeit und der politischen Unterdrückung in autoritären Regimes. Wie entscheidend die politische Einbettung einer Religion ist, zeigt sich daran, dass die in islamischen Ländern recht häufigen Verbote von Blasphemie und Apostasie (Religionswechsel) nicht im Koran gründen, sondern meistens erst relativ jungen und politischen Ursprungs sind. Die besonders scharfen pakistanischen Strafbestimmungen stammen zum Beispiel aus den Jahren 1980 bis 1986 unter der Militärdiktatur von General Zia-ul-Haq.

Enormes Spektrum an muslimischen Gesellschaften

Den Forschungen des amerikanischen Pew Research Centers zufolge haben heute sämtliche 23 Länder der Welt, die den Religionswechsel unter Strafe stellen, eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Das bedeutet andererseits aber auch, dass die Mehrheit, nämlich 26 von insgesamt 49 Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, keine derartigen Strafbestimmungen hat. Die zweite Einsicht ist daher, dass die religiöse Bindung muslimischer Täter wohl deshalb besondere Brisanz und Unversöhnlichkeit erlangt, weil sich die Religiosität in explosiver Mischung mit einem Leben in faktischer oder wahrgenommener Rückständigkeit und der Einbettung in intolerante autoritäre Regime verbindet, die überdies nicht selten in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind. Darin sollte man insbesondere eine Verpflichtung unserer Außenpolitiker sehen, sich entschlossener für eine Politik der Menschenrechte in islamischen Partnerländern einzusetzen, die Intoleranz bekämpft und für Religionsfreiheit eintritt.

Die dritte Einsicht käme in einem Abrücken von der vereinfachenden Gegenüberstellung von „Abendland“ und „dem Islam“ zum Ausdruck und erkennte die Vielfalt der Erscheinungsformen des Islams in Zeit und Raum an. Historisch war der Islam nämlich einmal keineswegs Inbegriff der Modernitätsfeindlichkeit, sondern Träger von weitgehender Toleranz – besonders im Vergleich zum Christentum gegenüber Juden – und wissenschaftlichem Fortschritt, so etwa am Hofe des Staufers Friedrich II. im frühen dreizehnten Jahrhundert. Aktuell ist unser westliches Bild des Islams zu monolithisch und zu einseitig von seinem Erscheinungsbild im Nahen Osten geprägt. Tatsächlich lebt das Gros der Muslime aber in asiatischen Ländern wie Indonesien, Malaysia, Pakistan, Bangladesch und Indien. Daher gibt es unter Muslimen, über den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten hinaus, erhebliche kulturelle Unterschiede, auch hinsichtlich der Einstellungen zu Demokratie und Menschenrechten. Dies dokumentieren die weltweiten Untersuchungen des Pew Research Centers.

So unterscheiden sich insbesondere die Muslime in den ehemaligen Mitgliedstaaten der Sowjetunion deutlich von den Muslimen im Nahen Osten. 88 Prozent der Muslime Ägyptens, aber nur sechzehn Prozent derjenigen in Indonesien, acht Prozent der türkischen Muslime und gar nur ein Prozent der islamischen Kasachen befürworten zum Beispiel bei Glaubenswechsel die Todesstrafe. Hinsichtlich der Einstellung zur Scharia und zu Frauenrechten sind die gemessenen Unterschiede ähnlich groß. So untersagt Saudi-Arabien Frauen zwar das eigenständige Autofahren, aber einige islamische Länder hatten schon weibliche Regierungschefs, und die Praxis der weiblichen Beschneidung scheint weniger eine religiös gebotene Norm des Islams als eine kulturelle Sitte afrikanischer Länder zu sein, die in der asiatischen muslimischen Welt kaum vorkommt.

Einbettung in einen politisch-gesellschaftlichen Kontext

Die Vielfalt der islamischen Welt sollte durchaus Koalitions-Chancen für westliche Politiker und aufgeschlossene Vertreter der Muslime eröffnen. Es wäre deshalb realitätsfern, den religiösen Hintergrund islamistischer Täter zu leugnen. Es sind aber weniger die religiösen Schriften des Islam als vielmehr die gegenwärtige Einbettung der Muslime in einen politisch-gesellschaftlichen Kontext, der dazu beiträgt, ihren religiösen Überzeugungen eine brisante subjektive Legitimationskraft für radikale politische Aktionen zu verleihen.

Die Politik hierzulande hat deshalb gemeinsam mit den muslimischen Gemeinden die Aufgabe, der Radikalisierung vorzubeugen und sie zu unterbinden. Hierbei sollten zwei Grundsätze gelten. Erstens: Wir stehen im Westen keinem monolithischen Islam gegenüber, sondern einer Minderheit von gewaltbereiten Islamisten, die es in Zusammenarbeit mit der Mehrheit der Muslime zu bekämpfen gilt. Zweitens: Zuwanderer sind uns als potentielle Bereicherung willkommen, solange sie die Gesetze des Landes und ihre Mitbürger unabhängig von deren Glauben respektieren.

In den Vereinigten Staaten haben auf jüdischer Seite Organisationen wie J-Street mittlerweile erfolgreich deutlich gemacht, dass es zwischen den Polen des Antisemitismus und der bedingungslosen Bejahung der israelischen Netanjahu-Politik durchaus eine vernünftige Zwischenposition gibt. Es wäre schön, wenn nun auch in Deutschland vermittelt werden könnte, dass es zwischen dem absurden Leugnen des religiösen Hintergrunds islamistischer Anschläge und den ausländerfeindlichen Aktionen von Pegida und AfD eine ähnlich realistische Mittelposition zu entwickeln gilt.

Daran mitzuwirken, sind insbesondere auch die Organisationen wohlmeinender Muslime aufgefordert, die gut beraten wären, wenn sie die wachsenden Terror-Ängste der Mehrheitsgesellschaft ernst nehmen würden. Statt stereotyp jeglichen Zusammenhang mit der Religion zu leugnen, wäre differenzierter zu klären, wo und wie die Verbindungslinien zwischen religiösem Glauben und politischem Radikalismus verlaufen.

Der Autor ist emeritierter Soziologe und Politologe. Von 2002 bis 2011 war er Direktor der Abteilung Ungleichheit und soziale Integration am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Soziologie an der Freien Universität.

Quelle: F.A.Z.
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