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Karin Hausens Pionierarbeit

Der kleine Unterschied wurde immer größer

Von Barbara Stollberg-Rilinger
 - 15:51

Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben, und drinnen waltet die züchtige Hausfrau – die goldenen Worte aus dem bürgerlichen Zitatenschatz kennt auch, wer das Lied von der Glocke nicht mehr auswendig gelernt hat. Weit über die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus war es noch eine Selbstverständlichkeit: Die Natur selbst hat Mann und Frau ihre polar entgegengesetzten Rollen vorgeschrieben.

Deshalb kam es für eine Studentin der Geschichtswissenschaft im Jahr 1976 einem Offenbarungserlebnis gleich, in einem Aufsatz der jungen Historikerin Karin Hausen zu lesen, dass die komplementäre Natur von Mann und Frau mitnichten eine natürliche, überzeitliche und unüberwindliche Gegebenheit ist, sondern dass „die Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ historisch in der Sattelzeit um 1800 zu lokalisieren ist und als „Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ erklärt werden kann.

Kultur versus Natur

Die neue Lehre von den gegensätzlichen Geschlechtscharakteren ließ lange Assoziationsketten wuchern. Verstand versus Gefühl, Erwerben versus Erhalten, „laute Begierde“ versus „stille Sehnsucht“ oder auch schlicht: Kultur versus Natur. Mann und Frau fanden danach ihre höchste humane Bestimmung in der komplementären Ausbildung ihrer Geschlechtscharaktere; weiche Männer und harte Weiber standen folglich auf einer niederen Stufe des Menschseins.

Es liegt nahe, schreibt Karin Hausen, dass dieses System von Aussagen zuerst einmal zur Abwehr neuartiger Gleichstellungsforderungen diente. Auch Liberale wie Carl Theodor Welcker warnten vor der „Verfolgung einer abstracten Gleichheitsregel“, welche die Gesetze und Schranken der Natur ignoriere. Allerdings bemerkten schon die Zeitgenossen um 1800, „dass das Weib erst in den gebildeten Ständen der jüngeren Zeit zur vollen Entfaltung seiner natürlichen Bestimmung gelange“. In früheren Epochen und fremden Weltgegenden, aber auch unter Bauern, Handwerkern und Lohnarbeitern seien die Geschlechter einander ähnlicher, blieben also einer niederen Stufe der Humanität verhaftet. Die Stimme der Natur, so hieß es, spreche eben nicht ganz so leicht verständlich für alle.

Das Bürgertum setzt den Trend

Der Clou von Karin Hausens Aufsatz liegt darin, dass sie dieses System von Aussagen mit dem gesellschaftlichen Strukturwandel der Sattelzeit in Verbindung bringt. Die polaren Geschlechtscharaktere existierten demnach nicht nur als normative Erwartungen, sondern auch als empirische Verhaltensmuster. Denn sie entsprachen der standesspezifischen sozialen Realität im gehobenen Bildungs- und Beamtenbürgertum.

Je mehr sich der Staatsdienst professionalisierte, desto mehr entfernte sich die Erwerbsarbeit vieler bürgerlicher Männer von der unbezahlten Familienarbeit ihrer Frauen. Und erst als sich ein spezifisch bürokratischer Rationalitätsstil herausbildete, der Sachlichkeit ohne Ansehen der Person als höchsten Wert installierte, wurde es überhaupt sinnvoll, Emotionalität als eigenständigen Wert davon abzugrenzen.

Die Attraktion der Hausfrauenrolle

Das liebevolle Heim als Reich der Frau und Zuflucht des vom kompetitiven Erwerbsleben geplagten Mannes – das war auch für die bürgerlichen Frauen selbst ein attraktives Rollenangebot. Da Erziehung, Bildung und Alltagsleben von Männern und Frauen sich tatsächlich immer weiter auseinanderentwickelten, so Karin Hausens Argument, wurden die Aussagen über die polaren Geschlechtscharaktere im Lauf der Zeit immer wahrer. Und da die bürgerliche Elite die Diskurshoheit innehatte, strahlten diese Verhaltensmuster auch in andere soziale Schichten aus.

Karin Hausens Aufsatz war für die deutsche Historikerzunft ungefähr das, was Alice Schwarzers nahezu gleichzeitig erschienenes Buch vom „Kleinen Unterschied“ für die breite Öffentlichkeit war: ein Schlüsseltext von immenser Wirkung, der zum richtigen Zeitpunkt erschien, auf fruchtbaren Boden fiel und rasch zum Klassiker wurde. Selbstverständlich blieb Kritik nicht aus, auch von Seiten der Frauenforschung. Beim genaueren Hinsehen ist bekanntlich immer alles viel komplizierter, und nicht alle historischen Phänomene fügen sich nahtlos ineinander.

So gab es auch in bürgerlichen Familien des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts noch das klassische vormoderne Arbeitspaar, nicht zuletzt im protestantischen Pfarrhaus. Und es finden sich auch Gegenbeispiele von „sanfter Männlichkeit und selbständiger Weiblichkeit“. Doch dem Kernanliegen hat die Kritik wenig anhaben können.

Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte

Denn Karin Hausens Verdienst ist ein grundsätzliches. Ihr ging es darum, Ideen, Normen und Verhaltensmuster zu wirtschaftlichen und politischen Makrostrukturen in Beziehung zu setzen. Damit schaltete sie von Frauen- auf Geschlechtergeschichte um. Die früheren feministischen Bemühungen, auch Frauen einen Platz in der Geschichte zu erkämpfen, hatten immer noch etwas Altbackenes an sich gehabt, denn sie hatten das hergebrachte Bild des Geschlechterverhältnisses im Kern nicht angetastet. Sicher war es verdienstvoll, einzelne „Frauen, die Geschichte machten“, zutage zu fördern. Doch diese Frauen blieben eben doch die Ausnahmen, die zwangsläufig immer nur die Regel bestätigten.

Die Regel hat der Mediävist Heinrich Finke mit erfreulicher Deutlichkeit einmal so auf den Punkt gebracht: „Weltgeschichte ist Menschheitsgeschichte, das heißt Geschichte des Mannes“, schrieb er 1913, „nur als Akzidens tritt die Frau hinzu.“ Kein Wunder, denn die klassische, national-konservative, staatsfromme Geschichtswissenschaft des neunzehnten und weithin auch noch des zwanzigsten Jahrhunderts beruhte ja selbst auf dem Geschlechterverhältnis, das Karin Hausen beschrieben hat. Um die traditionelle Großerzählung zu verändern, reichte es nicht, einzelnen Frauen einen Platz darin zu verschaffen. Vielmehr musste erst die „Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte“ erfunden werden.

Neuerdings heißt es „Genderwahn“

Dazu hat der Aufsatz von Karin Hausen einen kaum zu überschätzenden Beitrag geleistet. Er hat das Bild nicht nur der Geschlechterverhältnisse der Moderne, sondern vielleicht mehr noch der Vormoderne verändert. Plötzlich wurden historische Phänomene sichtbar, die zwar in den Quellen immer schon vor aller Augen dagelegen hatten, aber nicht zur Kenntnis genommen worden waren, weil sie nicht ins Bild passten.

Zum Beispiel, dass die soziale Identität einer Person, ob Mann oder Frau, mindestens ebenso sehr, wenn nicht stärker von ihrer sozialen Herkunft, ihrer Familienzugehörigkeit, ihrem Hausstand bestimmt wurde als von ihrem Geschlecht. Dass eine soziale und politische Ordnung, die wesentlich auf familialer Reproduktion beruhte, den Frauen einen grundsätzlich anderen Handlungsspielraum eröffnete als die konstitutionelle Ordnung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Dass die Möglichkeiten, mit den Geschlechterrollen zu spielen, in der Vormoderne wesentlich vielfältiger waren als im neunzehnten Jahrhundert. Dass man unter Umständen vom physischen Geschlecht einer Person sogar abstrahieren konnte, so dass eine Frau qua Rechtsfiktion als Mann gelten konnte und umgekehrt, wenn die dynastische Räson es erforderte – und so fort.

Der Aufsatz von Karin Hausen, die am 18. März ihren achtzigsten Geburtstag feiert, hat nach mehr als vierzig Jahren nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil. Einsichten wie ihre fallen bekanntlich neuerdings unter das Etikett „Genderwahn“. Diejenigen, die so reden, würden sich wundern, wenn sie diesen Aufsatz läsen: ein Muster an Präzision und Sachlichkeit, ein wissenschaftliches Vorbild für Historiker jedweden Geschlechts, immer noch.

Quelle: F.A.Z.
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