Keilschriften

Zehntausend Freunde Mesopotamiens

Von Xaver Oehmen
15.06.2011
, 19:40
Altpersischen Keilschriften vom Berg Elwend
Achtundzwanzig Bände umfasst das nunmehr abgeschlossene Wörterbuch der assyrischen Sprache - und im Internet überschlagen sich die Kommentare. Was fasziniert die Menschen am Zweistromland?

Mesopotamien. Das Zweistromland. Euphrat und Tigris, die uralte Kulturlandschaft, in der sich vor Jahrtausenden der Übergang von einer nomadischen Lebensweise zu Ackerbau und Viehzucht vollzog, in der mit den Sumerern die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte entstand. Die vorderasiatische Region in den heutigen Staaten Syrien und Irak, in der sich die frühesten Zeugnisse städtischen Wohnens finden lassen. Das zwanzigste Jahrhundert hat uns mit den Bildern von brennenden Ölfeldern in das dritte Jahrtausend unserer Zeitrechnung entlassen, wir sehen vor uns noch die stürzende Statue von Saddam Hussein, kurzer Moment eines ersehnten Friedens, der nicht kommen will. Und während heute das Assad-Regime gewaltsam gegen Oppositionelle vorgeht und seine Bürger für unmündig erklärt, vergessen wir in diesem grausamen Nachrichtenfeuer, dass dieses Land zwischen den zwei großen Flüssen eine Wiege der Menschheit ist, der Schoß unserer schriftlichen Kommunikation.

Neunzig Jahre lang haben Wissenschaftler aus aller Welt gegen dieses Vergessen angeforscht. Die meisten von ihnen haben das Ergebnis ihrer Arbeit nicht mehr feiern können. Diese Arbeit, begonnen 1921, ein Jahr bevor Howard Carter das Grab des Tutanchamun öffnete, ist nun abgeschlossen. Am Institut für Orientalistik der Universität von Chicago ist dieser Tage das „Chicago Assyrian Dictionary“ fertig gestellt worden. Mehrere Millionen Karteikarten, Generationen von Wissenschaftlern, mediale und technische Revolutionen, neun Jahrzehnte und schließlich 10.000 Seiten, anders gesagt: 21 Bände in 28 Teilbänden für das Akkadische, die älteste semitische Sprache samt dialektalen Variationen, in der seit mehr als zweitausend Jahren kein Wort mehr gesprochen, geschweige denn geschrieben wurde. Denn die Schrift, vorgefunden auf Ton- und Steintafeln, zählt zu den Keilschriften, die nur aus horizontalen, vertikalen und diagonalen Keilen bestehen.

Mehr Laufkundschaft denn wissenschaftliches Publikum

Das Wörterbuch erfasst einen Zeitraum von 2600 Jahren bis in das Jahr 100 n.Chr. Das entstandene Werk ist dabei mehr eine Enzyklopädie als ein Glossar und enthält ebenso Gedichte wie Rezepte, administrative wie auch astronomische Aufzeichnungen. Die Wissenschaftler arbeiteten in Museen in London und Bagdad ebenso wie in der syrischen Wüste, um die Keilschrifttexte zu übersetzen und den kulturellen und historischen Kontext zu erläutern. Und so fragen wir uns, interessiert denn das irgendjemanden außerhalb der Assyriologie, der Altorientalistik oder der Mesopotamien-Forschung?

O ja. Denn die Nachrichtenseite von Yahoo, auf der ein Text der Associated Press zu diesem Projekt zu lesen ist, wurde bis heute fast 10.000 Mal auf Facebook weitergegeben, bei Twitter verzeichnet diese Nachricht immerhin noch knappe 250 ReTweets. Aber das Erstaunlichste daran ist: Unter dem Text finden sich fast achthundert Kommentare. Nun, das ist für das hype- und klicksüchtige LadyGaga-Internet freilich nicht sehr viel. Doch in Anbetracht der 21 Lexikon-Bände zu mesopotamischen Keilschriften überrascht die Anzahl der Kommentare, die in knapp drei Tagen entstanden, doch. Zumal die Kommentare nicht bei den großen amerikanischen Wissenschaftsblogs oder Zeitungen eingingen, sondern auf der Website eines Unternehmens, dass sich schon seit längerem auf dem absteigenden Ast befindet. Also eher Laufkundschaft denn wissenschaftliches Publikum. Aber warum wird so etwas überhaupt kommentiert?

Tausend Jahre alte Keilschriften und virtuelle Textualität

Auffällig ist, dass die Kommentare weit über das übliche Online-Gebrabbel hinausgehen. Das zeigt schon die ungewöhnliche korrekte Orthographie und Interpunktion der Kommentare. Hier schreibt nicht der durchschnittliche Youtube-Nutzer. Und entsprechend vielfältig sind die Kommentare: Viele Respektbekundungen an die Universität lassen sich ebenso lesen wie Gratulationen oder Nachfragen, wann das Wörterbuch für das Kindle zu haben ist, ob der Google Translator mit den Keilschriften zurechtkäme, man tut Dankbarkeit kund, ein derart verschüttetes Wissen zugänglich zu machen, es finden sich längere Reflexionen darüber, was die heutige Gesellschaft für Erkenntnisse aus den Keilschriften und dem Lexikon ziehen könne. Aber es gibt auch Spott für die lange Arbeitsspanne, amerikanophobe Vermutungen, dass es dem Englischen wie dem Akkadischen ergehen wird, Syrer artikulieren ihren Stolz.

In der Nachricht über das „Chicago Assyrian Dictionary“ verschränken sich so zwei Zeitordnungen: zum einen die jahrzehntelange Arbeit an einem Wörterbuch, das mehrere tausend Jahre alte Keilschriften verzeichnet, zum anderen die rasende Aktualität des Internets, im dem die Gegenwart kaum noch minütlichen Bestand hat. Ein Wörterbuch, dass in die Universitätsbibliotheken dieser Welt Eingang finden und dort für das Vielfache der Entstehungszeit seinen Platz einnehmen wird, steht in denkbar stärkstem Kontrast zur virtuellen Textualität des weltweiten Netzes, in der ein simpler Stromausfall den Datenaustausch stoppen und die Displays dunkel werden lässt.

Gegen den Verlust des Menschheitsgedächtnisses

Vielleicht führt dieses Projekt am dräuend verkündigten Ende des Buchzeitalters aber auch etwas ganz anderes vor Augen: die historische und systematische Würde geisteswissenschaftlicher Forschung. In Zeiten projektgebundener Antragswissenschaft, in der die Ergebnisse am besten schon vor Beginn des eigentlichen Projekts festzustehen haben, in der ein Open-Access-Zugang sofortigen Zugriff auf jeden halbgedachten Gedanken ermöglichen soll, erscheint ein solches Wörterbuch als wissenschaftliche Leistung aus einem nicht nur sprichwörtlich anderen Zeitalter.

Und die geforderte Verbundforschung - hat sie nicht mit dem „Chicago Assyrian Dictionary“ ein grandioses Exempel statuiert? Ist das nicht die internationale, transdisziplinäre Zusammenarbeit, von der die Wissenschaftsmanager so gerne träumen? Schließlich zeigt das „Chicago Assyrian Dictionary“ auch: Das Buch als Speichermedium und der Buchdruck als Sicherung gegen den Verlust des Menschheitsgedächtnisses haben noch nicht ausgedient. Nachhaltiger und eindrucksvoller können der stroboskophaften Vergesslichkeit des Internets Nachdenklichkeit, Tiefgang, historische und thematische Beständigkeit nicht entgegengesetzt werden. Die 21 Bände dieses Wörterbuchs stehen für einen materiellen Fortbestand, den bislang keine Festplatte dieser Welt garantieren kann. Vielleicht geht auch das in die Freude über ihre Fertigstellung ein.

Quelle: F.A.Z.
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