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Keine Frage des Fressens

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Zweimal hat Emmanuel Fremiet (1824 bis 1910) die Skulptur eines Gorillas geschaffen, der eine junge Frau davonträgt. Zweimal war der Skandal perfekt, obwohl rund dreißig Jahre zwischen der Ausführung der ersten und zweiten Gruppe aus Gips lagen. Der Künstler erhielt nur einen Hungerlohn für seine Arbeit und galt seitdem als unseriös, obwohl es ihm, wie er immer wieder versicherte, nur um die genaue naturalistische Wiedergabe von Bestie und Frau ging. Schließlich war Fremiet Tierpräparator und hatte auch menschliche Leichen kosmetisch hergerichtet und ihre Lippen zu einem letzten Lächeln geformt. Um 1840 trat er in das Atelier von Francois Rude ein. Das kämpfende und vor Vitalität sprühende Tier wurde das Hauptthema von Fremiets Kunst. 1875 berief ihn das Naturhistorische Museum in Paris als Zeichenlehrer.

Fremiet hatte 1853 das Thema der Schlacht zwischen Mensch und Tier für sich entdeckt. Zuerst versuchte er es mit der Plastik "Bär und Gladiator", die akzeptiert wurde, 1859 ging er einen Schritt weiter: ein Gorilla, der im Lauf und mit gefletschten Zähnen eine angstbetäubte junge Frau an seine Brust drückt. Vorsichtshalber gab der Bildhauer dem Opfer negroide Züge und fügte einen entsprechenden Kopfputz und Ohrringe hinzu: "Es war eine ,negresse', deshalb konnte mir verziehen werden." Doch die Jury im Pariser Salon lehnte das Werk als Beleidigung des öffentlichen Anstands ab. Nadar zeichnete daraufhin eine Karikatur der Skulptur im "Journal amusant" mit dem Untertitel: "Meine Damen und Herren, hier sehen Sie Monsieur Fremiets berüchtigten Gorilla. Er trägt die kleine Dame in den Dschungel, um sie zu essen. Monsieur Fremiet konnte nicht mitteilen, mit welcher Soße, und die Jury nutzte dies als Vorwand, um das interessante Stück zurückzuweisen."

Der unschuldige Gorilla

Baudelaire dagegen gab sich indigniert: Fremiet sei vom natürlichen Wege abgekommen, da er nach dem Überraschungseffekt suche. Ganz bewusst zeige der Bildhauer kein Krokodil oder einen Tiger, der ebenfalls eine Frau verschlingen könnte: "Seien Sie versichert, es ist keine Frage des Fressens, sondern noch schlimmer! Nun ist der Affe allein, der gigantische Affe . . ., der bekanntlich Appetit auf menschliche Frauen hat . . . Er trägt sie davon. Wird sie in der Lage sein, ihm zu widerstehen? Das ist die Frage, die das ganze weibliche Publikum bewegen wird." Baudelaire sollte recht behalten: Die Gruppe wurde auf Intervention eines Gönners doch noch ausgestellt, nämlich in einer Nische am Eingang des Salons und mit einem Vorhang zugehängt. Die Damen der Pariser Gesellschaft - die Neuigkeit hatte sich schon längst herumgesprochen - kamen in Scharen.

Fremiets Kunstwerk war auch deshalb ein Wagnis, weil die Zoologie in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts den Gorilla als eigene Spezies erkannt und intensiv zu erforschen begonnen hatte (Marek Zgorniak, "Fremiet's Gorillas: Why do they carry off women?", in: artibus et historiae 54, 2006). Die biologische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Affe weckte dabei ebenso große Emotionen wie die Annahme einer äffischen Intelligenz. Jahrelang wogte eine erhitzte Debatte darüber, wie groß der Unterschied zwischen dem menschlichen Gehirn und dem Denkapparat des Gorillas sei.

Die Anthropologische Gesellschaft in Paris veröffentliche 1868 die Ergebnisse ihrer Untersuchungen: Das Hirn des Gorillas habe mit durchschnittlich 550 Gramm sechzig Prozent des Gewichts des kleinsten menschlichen Gehirns, wie es bei Buschmännern und australischen Eingeborenen vorkomme. Es erreiche jedoch nur vierzig Prozent des Gehirnvolumens eines Mitteleuropäers. Gegenüber Cuvier und Byron, deren Gehirne jeweils mehr als 1800 Gramm gewogen hätten, schneide der Gorilla - mit nur dreißig Prozent - noch schlechter ab. Außerdem wurde vermutet, dass das Gewicht des Hirns im Alter abnehme, deshalb seien junge männliche Gorillas zahm und intelligent, während sie später wild und bösartig würden.

Ein Jahr später kam die entscheidende Nachricht, die die Vergewaltigung von Frauen durch den Primaten ad absurdum führte. In einem Vortrag legte Paul Broca dar, dass nicht nur die zeitlich begrenzte Libido des Gorillas hinderlich sei, sondern insbesondere die Form seines Penis, die vom männlichen Geschlechtsteil stark abweiche. Trotzdem hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Affen auf Frauen Jagd machten, vor allem Negerinnen anfielen, die sich zu weit allein in den Dschungel trauten. Doch nicht jede dieser Begegnungen ende tödlich. Oftmals kehrten die Entführten, wenn auch manchmal nach Jahren, wohlbehalten zu ihrem Stamm zurück, wie Eingeborene sich zu erinnern glaubten.

Als Fremiet in den achtziger Jahren seine zweite Gruppe modellierte, hatte sich jedoch allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass Gorillas den Menschen mieden und Pflanzen fraßen. Die drastische Skulptur, die Fremiet diesmal entwarf, lebt von dem Kontrast des herkulischen, stark behaarten Körpers der Bestie und des nackten, ungeschützten Leibes einer weißen Frau. Sie ist nicht ohnmächtig, sondern wehrt sich vergeblich. Um die Gruppe salonfähig zu machen, gab Fremiet dem Affen einen großen Stein in die Linke, während ein Pfeil aus seiner Schulter ragt - ein Anachronismus, denn Gorillas wurden Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit Gewehren gejagt. Dadurch hält Fremiet jedoch den Ausgang des Kampfes mit einem imaginären Verfolger in der Schwebe und steigert die Spannung.

Unliebsames Erkennen

Das Untier scheint einer fernen Zeit entsprungen. Die Plastik ist damit zur traditionellen Raubgruppe geworden. Warum sollte ein Gorilla nicht eine Frau entführen, wenn auf den Gemälden der amerikanischen Südstaaten Indianer Jagd auf weiße Mädchen machten? Fremiets "Gorilla" mit dem naturwissenschaftlichen Beinamen "Troglodytes gorilla (Sav.) aus Gabun" erhielt vom Salon 1887 eine Ehrenmedaille und errang schließlich noch eine Goldmedaille erster Klasse. Doch auch diesmal blieb der Skandal nicht aus, wenn auch aus anderen Gründen: Ein Bankier, der die Ausstellung besuchte, glaubte in der Nackten seine Ehefrau wiederzuerkennen. Diese Anekdote wurde auch auf der Dritten Internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München erzählt, wo die Gruppe am Eingang zusammen mit einer Statue des General Moltke zu Pferde präsentiert wurde.

Das Pariser Kulturministerium lehnte es jedoch ab, den "Gorilla" in die Sammlung nationaler Kunstwerke aufzunehmen: Die Plastik entspreche nicht dem Erkenntnisstand der Naturwissenschaften. Nur durch die Intervention des Malers Gerome und nach endlosem Palaver wurde sie unter der Bedingung angekauft, dass niemals Abgüsse gefertigt würden. Nach einer Odyssee endete der "Gorilla" 1895 im Museum der Schönen Künste in Nantes. Doch das Exil in der Provinz hatte auch einen Vorteil: 1898 wurde ein Guss gefertigt. Der Bronze-Gorilla fand seinen Platz im Robert Allerton Park in Urbana-Campaign, im Staat Illinois. Sein Nachfahre heißt King Kong. BETTINA ERCHE

Quelle:
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