Super-Recognizer

Sie nannten ihn „Orakel“

Von Christina Hucklenbroich
03.03.2016
, 14:14
Von der Überwachungskamera festgehalten: Angriff auf einen Mann im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße. Der Täter wurde identifiziert.
Die Kölner Polizei leiht sich „Super-Recognizer“ von Scotland Yard, um die Übergriffe der Silvesternacht aufzuklären. Kognitionsforscher wissen über diese Menschen, die Gesichter überall wiedererkennen, noch viel zu wenig.

Für den Londoner Polizisten Gary Collins ist heute, mit fast fünfzig, endlich klar, wie er das, was ihn von anderen unterscheidet, nennen sollte. Er spricht jetzt offen von seiner „Gabe“, von einem Talent. Das war nicht immer so: Collins war ein schlechter Schüler. Dass er sich das Gesicht jedes Passanten merken konnte und denjenigen dann in jeder neuen Situation wiedererkannte, hielt er als Junge nicht für etwas Besonderes. „Als Kind weiß man nicht, dass man eine Begabung hat, man glaubt, dass jeder wie man selbst ist“, sagte der Polizist vor einem halben Jahr der „New York Times“, die ihn und seine herausragende Fähigkeit porträtierte.

Collins ist ein „Super-Recognizer“, jemand, der sich Gesichter auf Anhieb merken kann und sie dann auch nach Jahren noch wiedererkennt. Im Polizeidienst in London wird seine Fähigkeit bewusst genutzt, er arbeitet in einer Abteilung, die für die Identifizierung von Straftätern, etwa anhand von Aufnahmen von Überwachungskameras, zuständig ist. Das Phänomen Super-Recognizing geht seit Januar auch durch die deutschen Medien, weil sich die Kölner Polizei von Scotland Yards Super-Recognizern Unterstützung geholt hat, um die Übergriffe in der Silvesternacht aufklären zu können.

Die Briten sichten Videoaufnahmen aus Köln, etwa von Handys, in denen Menschenmengen zu sehen sind. Gesichter von Personen, die in diesen Filmen sichtbar kriminelle Handlungen begehen, werden dann mit Datenbanken von bekannten Straftätern abgeglichen. Teilweise flanieren die britischen Super-Recognizer auch durch die Straßen Kölns, weil sie hoffen, hier spontan auf Menschen aus den Videos zu treffen – deren Gesichter sie dann sofort wiedererkennen würden. Auch in den Reihen der Kölner Polizei habe man einige Kollegen „ausgeguckt“, bei denen man der Meinung sei, sie hätten diese Fähigkeit, sagte der Leiter der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ einem Fernsehsender. Ob es sich um echte Ausnahmeerscheinungen wie Gary Collins handelt, ist damit allerdings noch nicht klar.

Freunde nennen ihn „Yoda“, „das Orakel“ oder „Rain Man“

In seinem Freundeskreis gilt seine Fähigkeit als so außergewöhnlich, dass Collins „Yoda“, „das Orakel“ oder sogar „Rain Man“ genannt wird – eine Anspielung auf den Kinofilm mit Dustin Hoffman, der darin einen Autisten mit extremer Inselbegabung darstellt. Ob das Super-Recognizing aber tatsächlich eine Spezialbegabung oder etwas anderes ist – Wissenschaftler wollen und können sich in dieser Hinsicht noch gar nicht festlegen. „Ich denke, dass wir uns die Fähigkeit der Gesichtserkennung als Kontinuum vorstellen müssen“, sagt die Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Universität Fribourg in der Schweiz. „Super-Recognizer würden sich dann am oberen Ende des Spektrums befinden, die am unteren Ende wären Menschen mit Gesichtsblindheit.“ Mit solchen Menschen, die unter angeborener oder durch Hirnschädigungen erworbener „Prosopagnosie“ leiden, beschäftigt sich Frau Ramon als Wissenschaftlerin. Die Gesichtsblinden haben Schwierigkeiten, Menschen anhand von deren Gesichtern wiederzuerkennen, selbst bei Familienangehörigen; sie müssen sich oft an Frisuren oder anderen Merkmalen orientieren.

Über das Gegenteil – „Super-Recognizing“ – spricht Ramon nur vorsichtig. „Seit 2009 sind fünf wissenschaftliche Artikel zu dem Thema erschienen – drei davon erst in den vergangenen Monaten“, erklärt sie. „Das heißt: Wir wissen viel zu wenig darüber.“ Die erste Veröffentlichung zum Thema Super-Recognizer stammt aus Harvard. Im April 2009 veröffentlichten Richard Russell und Ken Nakayama von der Harvard University und Brad Duchaine vom University College London eine Studie im Fachmagazin „Psychonomic Bulletin&Review“, für die sie vier Menschen untersucht hatten, die zuvor an sie herangetreten waren und überzeugend von sich behauptet hatten, dass sie sich besser als andere Gesichter merken könnten. Tatsächlich schnitten die vier Probanden in verschiedenen Tests zur Gesichtserkennung – etwa einem, in dem man Kinderfotos von Prominenten den Erwachsenen zuordnen muss – weit besser ab als eine Gruppe von „normalen“ Kontrollpersonen.

Die Forschung ist auf Selbstdiagnosen angewiesen

Forschung über das Phänomen Super-Recognizing läuft üblicherweise so ab wie in dem Beispiel aus Harvard: „Die Super-Recognizer diagnostizieren sich selbst und gehen dann auf Wissenschaftler zu“, sagt Meike Ramon. Das Problem hierbei sei, dass diese Einschätzung auf der Wiedererkennung von Personen basiert, denen man bereits begegnet ist. „Wir sind generell vor allem sehr gut im Erkennen von persönlich bekannten Gesichtern, solchen, mit denen wir im Alltag interagiert haben. Mit unbekannten Gesichtern sieht es anders aus – hier sind Fehler häufig vorprogrammiert“, erklärt Ramon. „So kann es sogar zu falschen juristischen Urteilen kommen, wenn Menschen etwa bei Gegenüberstellungen glauben, jemanden zu erkennen.“

Im Internet kursieren inzwischen Tests, mit denen jeder feststellen können soll, ob er wirklich ein Super-Recognizer ist. Deren Manko ist, dass die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt. „Ein valides Testinstrument muss an einer großen Zahl positiver Probanden validiert werden, um zuverlässig zu sein“, sagt Frau Ramon. „Das aber kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht passiert sein.“ Auch den Zahlen zum Vorkommen der Fähigkeit in der Bevölkerung, die immer wieder in den Medien genannt werden, steht sie mit Skepsis gegenüber. Zwei Prozent der Bevölkerung sollen mit der Super-Recognizer-Fähigkeit ausgestattet sein. „Im Zuge der Flüchtlingsdebatte und der Vorfälle in Köln werden die wenigen Daten eben jetzt sehr schnell populärwissenschaftlich aufbereitet, und es werden Ad-hoc-Vermutungen geäußert“, kritisiert Ramon.

Eine Begabung, die möglicherweise vererbt werden kann?

Sie selbst befasst sich derzeit mit den neurobiologischen Hintergründen des Super-Recognizing. In einer gerade beendeten Studie untersuchte sie professionelle Gedächtnissportler, die sich in der Disziplin Gesichtserkennung ausgezeichnet haben, im Magnetresonanztomographen und maß ihren Hippocampus. Im Ergebnis unterschieden sich die Maße des Gehirnteils nicht von denen der Probanden ohne die spezielle Fähigkeit. Ebenso zeigten sie keine Unterschiede in ihren Augenbewegungsmustern, während sie Gesichter betrachteten oder lernten. Eine andere offene Fragen sei, so Ramon, ob Super-Recognizer Informationen in Gesichtern anders visuell verarbeiten oder anders im Gedächtnis konsolidieren als andere Menschen.

Der britische Konstabler Gary Collins glaubt immerhin, dass er seine Begabung möglicherweise an seinen elfjährigen Sohn vererbt hat, der schon jetzt ähnliche Fähigkeiten zeigt. Aber auch Gary Collins’ eigener Werdegang lässt einige Rückschlüsse auf sein generelles Begabungsspektrum zu. In der Schule glänzte er nur im Zeichnen, später studierte er Design und ging erst mit Ende zwanzig zur Polizei.

Für Sicherheitsexperten sei der Einsatz von menschlichen Spezialbegabungen eher ein kleiner Randbereich, sagt der Soziologe Stefan Kaufmann von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der sich auf Sicherheitsforschung spezialisiert hat. „Es geht derzeit fast immer um technische Entwicklungen.“ Kaufmann verfolgt die aktuellen Forschungsprojekte, die, wie er sagt, sich oft noch stark von dem unterscheiden, was zur selben Zeit bei der Polizei zum Einsatz kommt. „Im Moment geht die Entwicklung zum Beispiel dahin, Geräte, die biologische, chemische oder nukleare Substanzen detektieren können, mobiler zu gestalten.“

Gesichtserkennungssoftware funktioniert bisher schlecht

Was immer noch nicht so ganz funktioniere, sei die Gesichtserkennung mittels Software, räumt Kaufmann ein. Wo es nicht in erster Linie um Gesichter geht, macht aber die Technik, die Menschen überwacht, große Fortschritte. Kaufmann berichtet von Sensoren im Boden, die Schrittmuster erkennen, und dem großen Bereich der Prädiktionslogik: Auf einigen großen Flughäfen wird schon anhand von Verhaltensmustern überprüft, ob Individuen verdächtig sind.

So beeindruckend diese Technologien sind – die vielen Medienberichte über Spezialkräfte wie Gary Collins, der mehr als 800 Verdächtige identifizierte, zeigen, dass die menschliche Spitzenbegabung das größte Faszinosum bleibt. Und das selbst für die Leidtragenden: Gary Collins erlebte einmal, wie ein gerade Festgenommener im Polizeiwagen fragte: „Wer hat mich identifiziert? Wer ist dieser Gary Collins?“ Collins hob die Hand. Der Delinquent antwortete: „Mann, jeder im Knast redet über dich.“

Quelle: F.A.Z.
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