Mythos Canossa

Wir sollten die Legende vergessen

Von Johannes Fried
29.01.2009
, 11:51
Die Kirchenruine der Burg Canossa
Was war Canossa? Ein Schlüsselereignis der europäischen Geschichte? Der Moment, in dem sich Staat und Kirche trennten? König Heinrich auf den Knien vor dem Papst? Alles falsch, sagt der Historiker Johannes Fried. Neue Quellenfunde zeichnen ein ganz anderes Bild des Ereignisses Canossa.
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Es war Januar des Jahres 1077 und kalt. Da stand er, der König Heinrich IV., im Schnee, ohne Krone, barhäuptig und barfuß, das härene Büßergewand eng um den Leib geschlungen, die Rechte zur Faust geballt, grimmigen Blicks, ohnmächtig in seinem Zorn, stand vor der Burg Canossa, derweil feindselige Krieger ihm den Eingang verwehrten, von oben herab der Papst Gregor mit dem Finger auf ihn zeigte und die Markgräfin Mathilde mit inniger Bittgeste für den Vetter um Gnade flehte. Wieder und wieder wurde die Szene imaginiert. Das beschriebene Bild hatte der in München tätige Historienmaler Eduard Schwoiser aus Mährisch-Trübau im Jahr 1862 gemalt. Er folgte der Tradition, die seit dem sechzehnten Jahrhundert das Geschick dieses Königs beklagte.

Eindringlich beschrieb der bedeutende Historiker Wilhelm Giesebrecht das Drama in seiner vielgelesenen „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“. In Heinrichs Buße von Canossa erkannten die Deutschen die tiefste Demütigung ihrer Könige, eine unvergessene Katastrophe. „Canossa“ war geradezu ein nationales Trauma.

Motto im Kulturkampf

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Gewiss, man kam darüber hinweg. Ironisch hatte Heinrich Heine schon 1839 den Büßer murmeln lassen: „Du mein liebes, treues Deutschland, / Du wirst auch den Mann gebären, / Der die Schlange meiner Qualen / Niederschmettert mit der Streitaxt.“ In der Tat: „Nach Canossa gehn wir nicht, weder körperlich noch geistig!“ So versicherte der Eiserne Kanzler Bismarck während des Kulturkampfes den Reichstag, als er päpstliche Einmischung in seine Außenpolitik scharf zurückwies. Tageszeitungen und Journale kolportierten den Satz hundertfach; in Stein gemeißelt steht er auf der „Canossa-Säule“, die eifrige Patrioten auf der Harzburg bei Goslar errichteten, dort, wo in gewisser Weise das ganze Elend begonnen hatte, das den „armen König“ Heinrich einst zum Gang nach Canossa zwang, um sich dem Papst zu unterwerfen.

Ein aufrechter Büßerkönig: Heinrichs Canossagang auf dem Gemälde Eduard Schwoisers
Ein aufrechter Büßerkönig: Heinrichs Canossagang auf dem Gemälde Eduard Schwoisers Bild: Stiftung Maximilianeum

„Nicht nach Canossa“ propagierte eine Bismarck gewidmete Medaille. Dieses verpönte Canossa, nach dem „wir“ nicht gehen, war nun der Inbegriff trutziger Stärke des eben gegründeten Deutschen Reiches, jedenfalls seiner Protestanten, während ein katholischer Karikaturist jenen Kanzler vergebens die „Canossa-Säule“ zur Ruhmeshalle schleppen ließ.

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Universalität des Wandels

So erstand in „Canossa“ ein deutscher Gedächtnisort, der trotz sinkender Geschichtskenntnisse bis heute überdauert: Demütigung und Selbstbehauptung, Herausforderung und säkulare Wendemarke in einem. Der Canossagang wurde zum Zeichen einer Neubesinnung der Kirche auf ihre Überordnung über alles Weltliche, zum Symbol der Trennung von Staat und Kirche. Und so findet sich dieser Gedächtnisort als „Wende von Canossa“ noch immer in den historischen Hand- und in den Schulbüchern; so wurde er im Jahr 2006 mit reicher Ausstellung einem breiten Publikum als „Erschütterung der Welt“ vor Augen geführt und kürzlich in aufwendiger Fernsehproduktion in Szene gesetzt, Millionen zur Belehrung leibhaftig ins Haus gesendet mit dem um Gnade flehenden Heinrich im Schnee.

Und doch ist alles falsch. Zwar ist für jenes elfte Jahrhundert durchaus eine Wende, eine Wiederbesinnung der Kirche zu erkennen, auf ihr Wesen nämlich, auf die Notwendigkeit ihrer „Freiheit“ von weltlicher Umklammerung, die Notwendigkeit unabdingbarer Reformen zur Erneuerung der Religion, der Frömmigkeit, des Glaubens. Doch dieser Wandel ergriff die gesamte westliche Kirche und hatte mit Canossa nichts zu schaffen. Allenfalls ließe sich jene Bannung des gesalbten Königs durch den Papst auf der Fastensynode des Jahres 1076, verkündet in einem feierlichen Gebet an den Apostelfürsten Petrus, als Symbol der Wende in Anspruch nehmen; sie wurde von manchen Zeitgenossen tatsächlich so empfunden.

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Eine zu enge Sicht

Doch hieße es, eine zu enge, bloß deutsche Sicht zum Maßstab eines grundstürzenden Wandels zu machen, der ganz Europa erfasste. Folgte doch beispielsweise auch die Kreuzzugsbewegung diesem Neubeginn, die Wende von Rom, vom Lateran, so könnte sie mit Recht heißen, fixiert in den knappen Worten eines päpstlichen Diktats, des berühmten „dictatus papae“ von 1075. Heinrichs Bannlösung auf der Burg der Mathilde folgte hingegen nur den - rituell befolgten - Vorgaben des Kirchenrechts. Wie es dazu kam, ist bislang nicht recht erkannt. Hasserfüllte, dem König unversöhnlich feindselige Geschichtsschreiber, keiner ein Augenzeuge - der Sachse Bruno, der Hesse Lambert, der Schwabe Berthold und andere -, lieferten die Berichte, denen Wissenschaft und Belletristik im Wesentlichen bis heute folgen.

Die von mir entwickelte Memorik führte zur Neubewertung dieser Zeugen. Sie bestimmt deren Wert zuvörderst nach vier Erinnerungstypen: Erinnerung, Gegenerinnerung, Parallelerinnerung und parteiferne Aussagen, auch nach der Nähe oder Ferne der Zeugen zum Geschehen. Die Erinnerung der einen Seite bedarf zur Beurteilung der Gegenerinnerung der Gegenseite; die auf beiden Seiten Beteiligten erinnern sich durchaus anders als die Protagonisten selbst, ergänzen oder korrigieren somit deren Versionen. Unbeteiligte sind gewöhnlich weniger voreingenommen; ihre Aussage ist somit neutral. Einige (bisher vernachlässigte) Quellen wurden entsprechend gewichtet und damit auf-, andere (bislang überbewertete) für die Rekonstruktion des Geschehensverlaufs hingegen abgewertet.

Entscheidende Quellen

So tritt der einzigartige Wert des bislang vernachlässigten Berichts hervor, den der Mailänder Chronist Arnulf - höchstwahrscheinlich ein Augenzeuge des Geschehens auf der Burg von Canossa - lieferte. Ebenso gewinnen einige Angaben in der Lebensbeschreibung der Mathilde von Tuszien an Gewicht, die aus der Feder Donizos flossen, der als Vertrauter der Markgräfin und als Abt des auf der Burg bestehenden Klosters über beste Informationen verfügte. Die königliche Seite schwieg aus begreiflichen Gründen. Typische Erinnerungsfehler bei den redseligeren zeitgenössischen Zeugen wie Überschreibung, Kontamination, zeitliche oder qualitative Inversion treten hinzu. Sie kann der erinnerungskritische Historiker durchschauen und eliminieren.

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Die Kritik ergänzt entscheidend ein älterer Quellenfund, das „Königsberger Fragment“, das viele Historiker übersahen und noch mehr - geblendet vom traditionellen Bild - nicht recht zu deuten wussten. Es bietet den fragmentarisch erhaltenen Bericht eines Bischofs und Teilnehmers jener königsfeindlichen Fürstenversammlung, die Ende Oktober in Trebur (bei Oppenheim am Rhein) tagte, die nur mit Mühe, wohl durch die anwesenden päpstlichen Legaten, davon abgehalten werden konnte, bereits einen neuen, einen Gegenkönig zu wählen. Sie zwang angeblich den gebannten Heinrich, sich binnen Jahr und Tag vom Bann zu lösen, weshalb er mit kleinem Gefolge mitten im Winter über die verschneiten Alpen nach Canossa geeilt sei.

Das Fragment zeigt, dass Heinrichs Gegner damals, Ende Oktober, damit rechneten, den Papst schon am 6. Januar in Augsburg empfangen zu können, und ihn nicht, wie man bislang annahm, zum 2. Februar dorthin einluden. Dieser frühe Termin nötigt, sobald die Reisegeschwindigkeit für Boten und Papst beachtet wird, zur Überprüfung sämtlicher relevanter Zeitangaben, und diese Überprüfung führt zu einem gänzlich anderen Geschehenskonstrukt, als es bisher für gesichert galt. Ein unerwartetes Bild vom Ereignis Canossa tritt nun zutage.

Die Interessen der Fürsten

Januar 1076: Heinrich IV., drohte, unterstützt von den meisten deutschen Bischöfen, dem Papst Gregor VII. mit Absetzung: „Steig herab, steig herab!“, und gemeint war: vom Thron des Apostelfürsten. Wenige Wochen später bannte Gregor auf der römischen Fastensynode den gesalbten König, löste, gestützt auf die geistliche Binde- und Lösegewalt, dessen Vasallen vom Treueid und entzog ihm damit faktisch die Handlungsmacht. Heinrich dachte nicht daran, zu resignieren. Die Konfrontation drohte in offenen Krieg umzuschlagen. Doch immer mehr Bischöfe rückten von ihm und seiner papstfeindlichen Politik ab. Einer nach dem andern verließ die Königspartei. Heinrich sah sich zunehmend isoliert. Die Sachsen rebellierten seit langem, mächtige süddeutsche Fürsten mit Heinrichs einstigem Schwager Rudolf von Rheinfelden, dem Herzog von Schwaben, an der Spitze vereinten sich mit ihnen und trachteten offen nach Heinrichs Sturz.

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Der erkannte seinen Fehler. Beraten von seinem Paten, dem Abt Hugo von Cluny, seiner Kusine, der Markgräfin Mathilde, und seiner Mutter, der Kaiserin Agnes, die damals lange Zeit in Rom weilte, suchte er hinter dem Rücken seiner Feinde seit dem Spätsommer des Jahres 1076, deutlich vor deren Treffen in Trebur, den Frieden mit dem Papst. Seine drei Helfer erwirkten tatsächlich dessen Bereitschaft, um des Friedens willen zu einer Generalversammlung aller Betroffenen - er selbst, der Papst, der König und dessen Gegner - nach Deutschland zu ziehen. Ein solcher Tag setzte die Bannlösung des Königs voraus; die Fürsten hofften, sie zu vereiteln.

Die Route des Papstes

In Augsburg sollte man sich versammeln. In der Tat, der Papst rüstete bereits zur Reise und verkündete, einzigartig in Ton und Geste, vielleicht noch im September des Jahres 1076 den Deutschen sein Kommen: „Ich, wie immer ein Priester, ein Knecht des Apostelfürsten, ich komme entgegen dem Willen und Rat der Römer zu euch, ... bereit, zur Ehre Gottes und zu eurem Seelenheil den Tod zu erleiden.“ Hier sprach der Stellvertreter Christi - die erste Spur jener Christomimese, in der sich fortan immer nachhaltiger das Selbstverständnis des hochmittelalterlichen Papsttums äußern wird. Die Fürsten erklärten sich bereit, Gregor zu Epiphanias in Augsburg zu treffen.

Doch der Papst hatte es nicht so eilig; erst am 8. Januar erwarte er, so ließ er sie wissen, ihr Geleit in Mantua, das ihn durch die Veroneser Klausen über die Alpen führen sollte. Gregor selbst war es offenbar, nicht die Fürsten, der den 2. Februar, das Fest der Ipapanti, der Erstoffenbarung Christi, nach dem alten Festkalender oder Mariä Lichtmess, der „Reinigung“ Mariens, als den Tag jener großen Versammlung festlegte, die gleichsam im Reich für Reinigung sorgen sollte. Doch drei Wochen vor dem 8. Januar, so berichtete Gregor, war er bereits in der Lombardei, wo er Weihnachten feierte.

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Sieg der Vernunft

Augsburg aber lag im Herzogtum von Heinrichs Gegner Rudolf. Dorthin mochte der König nicht als Gebannter reisen. So eilte er ohne Wissen seiner Feinde, doch im Vertrauen auf die Absprachen seiner Freunde mit dem Papst nach Süden. Anfang Januar betrat er vom Mont Cenis her Italien; Gregor war über sein Kommen informiert, er hätte sich leicht einer Begegnung entziehen können; indes, er blieb und erwartete den Bußwilligen. Am 25. Januar, dem Tag der Bekehrung des Apostels Paulus, löste er den König vom Bann. Drei Tage später schlossen Papst und König einen Vertrag, dessen genauer Inhalt nicht überliefert ist; anschließend besuchte Gregor den König in Bianello, einer weiteren Burg der Mathilde, etwa zwanzig Kilometer nördlich von Canossa, wo Heinrich Wohnung genommen hatte.

Deutlicher konnte die Bilateralität des Vertrages nicht sichtbar gemacht werden als durch diese Wechselseitigkeit des Besuchs. Noch ein drittes Treffen war vorgesehen. Es sollte in Mantua, jenem Ort im Zentrum der mathildischen Herrschaft, stattfinden, von dem aus die Fahrt über die Berge angetreten werden sollte. Offenbar plante Heinrich IV. nun, nach dem Vertragsschluss, selbst den Papst nach Augsburg zu geleiten. Es wäre eine unvergleichliche Friedensfahrt geworden. Doch kam es nicht so. Die Gegner des Papstes, lombardische Bischöfe, hintertrieben den Pakt, indem sie Gregors Legaten gefangen nahmen, die den Frieden ins Land tragen sollten; Heinrichs deutsche Gegner taten es ihnen gleich, indem sie Mitte März ohne Zustimmung des Papstes, ja seinen Interessen zuwider Rudolf von Rheinfelden zum (Gegen-)König wählten.

Endloser Bürgerkrieg folgte, das Unheil nahm seinen Lauf. Nicht der päpstliche Bann, sondern die Uneinigkeit seiner Fürsten hatte das Reich der Deutschen an den Rand des Abgrunds getrieben. Canossa hingegen, das Gipfeltreffen auf der Burg der Mathilde, das war der Sieg des Glaubens und der Vernunft über die Gewalt, ein Hoffnungsschimmer. Nach Canossa sollten wir gehen.

Quelle: F.A.Z.
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