Politik und Dauerkrise

Wer fürchtet noch Kritik?

Von Caspar Hirschi
13.06.2015
, 09:48
Erleuchtend nackt: Jules Lefebvre „Die Wahrheit“, von 1870
Moral statt Sinn für politische Realitäten, das war für den Historiker Reinhart Koselleck die Ursache der modernen Dauerkrise. Was sagt uns seine These heute?

„Die Kritik ist der Tod des Königs.“ Reinhart Koselleck konnte die Macht der Kritik, um mit Karl Kraus zu sprechen, nicht hoch genug überschätzen. In „Kritik und Krise“, seiner Dissertation von 1954, erscheint sie als zerstörerische Gewalt, angetrieben von hehren Absichten und wohlfeilen Selbstlügen der Aufklärer. Sie steht am Ursprung der „Pathogenese der bürgerlichen Welt“ - und hat mehr als nur den König auf dem Gewissen.

Koselleck gibt der Kritik, angelehnt an Carl Schmitts staatstheoretische Sprache, die Hauptschuld am modernen „Bürgerkrieg“, das heißt an der angeblichen Dauerkrise, die den europäischen Staat seit der Französischen Revolution im Griff habe. Seine Geschichte der Kritik im achtzehnten Jahrhundert ist eine Genealogie der Nachkriegszeit - der „gegenwärtigen Weltkrise, bestimmt durch die polare Spannung der Weltmächte Amerika und Russland“, wie er schreibt.

Liberalismus, Kommunismus und Faschismus erhalten eine gemeinsame Ursache und eine gemeinsame Wirkung. Sie sind Kindeskinder der aufklärerischen Kritik und haben Europas Bürgerkrieg zu einem Weltbürgerkrieg ausgeweitet.

Feder als Waffe

Kosellecks „Kritik und Krise“ liest sich sechzig Jahre danach selbst wie ein historisches Zeugnis aus einem kritischen Zeitalter. So negativ die Konsequenzen der Kritik nämlich dargestellt sind, sie selbst erscheint als ungeheure Macht. Bei Koselleck erhebt die Kritik Menschen, die weder über politische Erfahrung noch über institutionelle Autorität verfügen, zu Richtern über die Machtträger im Staat.

Diese Menschen sind Gelehrte, und ihre Waffe ist die Feder. Koselleck beschreibt die Autoren der Aufklärung als neue Gegenmacht zum Staat. Sie unterwerfen Könige und Minister ihrem moralischen Urteil. Fatal daran ist in seinen Augen, dass ihre Moral dem politischen Handeln fremd ist. Ihre Werte lassen sich gar nicht in die politische Praxis umsetzen. Stattdessen setzen sie eine utopische Energie frei, die den westlichen Staat in eine permanente Krise stürzt.

Warum wirkt diese Darstellung im Jahr 2014 wie aus einer anderen Zeit? An Kosellecks Krisendiagnose kann es kaum liegen, denn mit der Bankenkrise nach 2007 und mit der Staatsschuldenkrise seit 2009 haben sich alle Stabilitätsillusionen über die spätmoderne Demokratie, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes besser den je gedeihen konnten, verflüchtigt. Der Grund für die Unzeitgemäßheit des Buches ist vielmehr in der Irrelevanz der Kritik und in der Inexistenz des utopischen Denkens vor und nach dem Ausbruch der Krise zu suchen.

Diskussionen hinter verschlossenen Türen

Zwar gab es schon in den Boomzeiten vor 2007 viel Polemik gegen die Löhne und Gewinne in der Finanzindustrie, aber sie war gekennzeichnet von einer politischen Zahnlosigkeit, die den kritisierten Personen und Institutionen nichts anhaben konnte. Die Instabilität der Finanzindustrie mochte eine Menge Ursachen haben, die medial vorgetragene Moralkritik am Gebaren ihrer Exponenten gehörte nicht dazu.

Noch eklatanter war die Plan- und Machtlosigkeit der öffentlichen Kritik nach dem Ausbruch der Krise. Protestbewegungen wie Occupy Wall Street scheiterten schon daran, dass sie keine praktikable Reformidee, geschweige denn eine attraktive Utopie anzubieten hatten. Die Aktionen, die sie vor den Eingangsportalen der Bankenpaläste durchführten, beschränkten sich auf moralische Gemeinplätze und symbolische Unmutsbekundungen. Es war in erster Linie eine Demonstration von uninspirierter Harmlosigkeit.

Die entscheidenden Reformdiskussionen wurden seit 2007, wenn sie denn überhaupt stattgefunden haben, nicht in der Öffentlichkeit, sondern hinter verschlossenen Türen geführt, und zwar in denselben Institutionen, die bereits vor der Krise die Finanzpolitik bestimmt haben.

Im hier und heute

Zwar wäre es zu einfach, die Krisenbewältiger mit den Krisenverursachern gleichzusetzen. Aber jene, die für die Stabilität des Finanzsystems vor der Krise verantwortlich waren, sind es auch nach der Krise geblieben. Das gilt für die Regulierungsbehörden, Zentralbanken, Ratingagenturen und Großbanken, und es gilt, wenn man die Bildungshintergründe und Berufswege betrachtet, ebenfalls für die Personenkreise an den Spitzen dieser Organisationen.

Im Namen der Komplexität der Krise hat sich eine internationale Kabinettspolitik entwickelt, deren Entscheidungsträger nur insoweit auf eine öffentliche Kommunikation angewiesen sind, als sie die Märkte von der Richtigkeit ihres Tuns und Lassens überzeugen müssen. Wenn sich Koselleck tatsächlich eine Politik gewünscht hat, die von den moralischen Fesseln der öffentlichen Kritik befreit sein soll: Hier und heute hätte er sie!

Dass sich „Kritik und Krise“ mittlerweile wie ein historisches Dokument liest, liegt allerdings nicht allein an Kosellecks Hochstilisierung der Kritik zum Monstrum moderner Machtausübung. Noch stärker dürfte ins Gewicht fallen, dass sich Koselleck auf die Schultern derjenigen setzt, denen er den Boden unter den Füßen wegziehen will. Er macht sich zum Aufklärer der Aufklärer, zum Kritiker der Kritik. Sein Buch ist ein Angriff mit den Waffen des Gegners.

Zur Verblendung des Entlarvers selbst

In bester aufklärerischer Manier verbindet er die epistemische Kritik mit einem moralischen Verdikt. Er behauptet, die Aufklärung sei „proportional zu ihrem Prozeß der Entlarvung politisch verblindet“, weil ihre Exponenten die „Entfesselung des Bürgerkrieges“ nur als „Erfüllung moralischer Postulate“ wahrgenommen hätten. Für den Wechsel von der epistemischen zur moralischen Ebene genügt der Tausch eines Buchstabens: Aus „verblindet“ wird „verblendet“.

Die stete Entlarvung der anderen habe „zur Verblendung des Entlarvers selbst“ geführt. Von da aus ist der Weg nicht mehr weit zum moralischen Todesurteil für jeden Gelehrten, jenem der „prinzipiellen Verlogenheit“, die der Preis gewesen sei für die überbordende Anmaßung und unterentwickelte Einsicht der Aufklärer. Am deutlichsten tritt das epistemisch-moralische Doppelargument in der Formulierung hervor, die Kritik sei zur Hypokrisie „verdummt“.

Das Austeilen mit den Waffen der Angegriffenen geht bei Koselleck über die Ausführungen zur Kritik hinaus. Sein historisches Langzeitargument lautet, der aufklärerische Moralismus habe sich mangels Praxistauglichkeit eine politische Ersatzbühne in der Geschichtsphilosophie geschaffen: „Aus der Kritik entspringt die Geschichtsphilosophie, die Kritik ist der Vorbote der Krise.“

Entlarvung durch Dialektik

An der Geschichtsphilosophie macht Koselleck die „utopische Zukunftsplanung“ fest, von der aus die moderne Zerstörungspolitik bis in den Kalten Krieg ihren Lauf genommen habe. Die Geschichtsphilosophie steht für die Steigerung eines realitätsfernen Denkens, das dadurch noch verheerender auf die Realität zurückgewirkt habe.

Freilich hat sie auch auf Kosellecks eigenes Denken zurückgewirkt. Seine Entwicklungstheorie ist ein Musterbeispiel an geschichtsphilosophischer Dialektik, im Großen wie im Kleinen. Der Absolutismus erscheint in seiner vermeintlichen Säkularität, Stabilität und Amoralität als Antithese zu den Religionskriegen, die Aufklärung in ihrer vermeintlichen Bürgerlichkeit, Unstetigkeit und Verlogenheit als Antithese zum Absolutismus.

Die Aufklärung selbst wirkt wie ein einziges Geflecht aus dialektischen Paarbeziehungen. Koselleck spricht von einer Antithetik zwischen „Geheimnis und Aufklärung“, „Entlarvung und Mystifikation“, „Moral und Politik“, „Mensch und Fürst“ und „Staat und Gesellschaft“. Die dialektischen Gegenüberstellungen erfüllen abermals eine entlarvende Funktion, kann Koselleck mit ihnen doch jedes Ideal der aufklärerischen Sprache in dessen Gegenteil verkehren.

Studierstubenphantasien

Für Koselleck war die Kritik unvereinbar mit den Bedürfnissen der Realpolitik. Offenbar hat er sich den idealen Realpolitiker wie einen Feldherrn vorgestellt, der seine Truppen unter kühler Prüfung aller Optionen und in souveräner Nichtbeachtung außermilitärischer Gesichtspunkte zum größtmöglichen Erfolg führt. Politik in seinem Verständnis ist etwas, das in Strategieräumen gemacht werden muss, in tatfreudiger Abfolge von mündlichen Beratungen und Befehlen. Feder, Tinte und Papier haben an diesen Orten nichts zu suchen, es sei denn, sie fangen die politischen Früchte der freien Entscheidungsgewalt für die Nachwelt ein.

Die Ironie von Kosellecks Vorstellung ist, dass eine Politik solcher Art nur dort existiert, wo Feder und Papier das alleinige Sagen haben. Sie ist eine Studierstubenphantasie von antiintellektuellen Intellektuellen, die sich die Politik als muskulös-maskuline Gegenwelt zu ihrer eigenen, vermeintlich verweiblichten Existenz imaginieren. Das Konzept der „Realpolitik“ entstammt einem Idealismus reinsten Wassers.

Herleitung aus der Philologie

Politisches Handeln war in der Geschichte der letzten dreihundert Jahre mehr denn je auf die Aneignung und Anwendung herrschaftsdienlichen Wissens ausgerichtet. In diesem Kontext ist der Aufstieg der Kritik zu einem Merkmal moderner Politik zu sehen. Grundlegend für ihren politischen Erfolg wurde die Verknüpfung der Prüfung mit dem Anspruch auf Verbesserung. Das eigentliche Ziel der Kritik war die Korrektur.

Dass die Verknüpfung von Kritik und Korrektur vom achtzehnten Jahrhundert an im Bereich des politischen Handelns praktikabel erschien, lag wesentlich an ihrer Herleitung aus der Philologie. Hier hatte sich das Verfahren zuerst im Editions- und dann im Rezensionswesen etabliert und das Versprechen eines Wissenswachstums durch Wissensreinigung eingelöst.

In der Philologie wurzelte auch die Vorstellung, dass Kritik dann besonders nützlich sei, wenn sie öffentlich geübt werde. Für diese Vorstellung war die Analogie mit dem Gericht als öffentlichem und offiziellem Wahrheitsfindungsverfahren wegweisend. Texte wurden „Zeugen“, Kritiker „Advokaten“, die Öffentlichkeit „Richterin“.

Durch die Mitte

Das Konzept der öffentlichen Kritik musste den Herrschaftseliten des Ancien Régime nicht von außen aufgenötigt werden. Es war ihnen schon früh in moderatem Maße willkommen, sei es, um wertvolles Wissen zu generieren, sei es, um politische Gegner zu diffamieren.

Entsprechend drehten sich im achtzehnten Jahrhundert die meisten Auseinandersetzungen über Kritik nicht darum, ob sie grundsätzlich erlaubt sei oder nicht, sondern darum, wie weit sie gehen dürfe. Die Fronten verliefen dabei nicht zwischen den Machteliten und Kritikern, sondern mitten durch beide Gruppen hindurch.

Die aufklärerische Kritik konnte sich nur entfalten, weil Akteure aus dem Staatsapparat und dem Hofadel Kritiker protegierten und ihre Publikationen tolerierten. Viele Autoren, gerade jene aus dem Umfeld der „Encyclopédie“, verschleierten die Staatspatronage, die sie genossen, gern, um sich als unabhängige Gegenmacht zur Staatsmacht inszenieren zu können.

Für damals und heute

Koselleck ist dieser Selbstdarstellung auf den Leim gegangen, hat er doch in seinem Bemühen, die aufklärerischen Kritiker der Verblendung zu überführen, ihrem Rollenverständnis keine realitätsgerechtere Beschreibung entgegengestellt, sondern bloß die positive Wertung durch eine negative ersetzt.

Öffentliche Kritik kann dann Einfluss auf den Gang der politischen Ereignisse ausüben, wenn ihre Autoren von den Herrschaftseliten zugleich gefördert und gelesen werden, ohne ihnen deswegen nach dem Mund reden zu müssen. Diese Möglichkeitsbedingung galt fürs achtzehnte Jahrhundert, und sie dürfte noch im 21. Jahrhundert ihre Geltung haben. Die heutige Wirkungslosigkeit der Kritik sagt daher nicht nur etwas über den Zustand der geistigen, sondern auch der politischen Elite aus.

Caspar Hirschi lehrt Geschichte an der Universität St. Gallen.

Quelle: F.A.Z.
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