Rüdiger Safranski wird 70

Spielzüge der Denker

Von Hannes Hintermeier
31.12.2014
, 09:12
Stilist: Rüdiger Safranski
Ein Jahrzehnt war er gemeinsam mit Peter Sloterdijk Teil des „Philosophischen Quartetts“ im ZDF. Zur Zeit belegt er regelmäßig Plätze auf der Bestsellerliste: Der Schriftsteller Rüdiger Safranski wird siebzig.

Heidegger ist nicht der Lieblingsphilosoph von Franz Beckenbauer. Der heißt Krishnamurti. Aber Beckenbauer war der Lieblingsfußballer des Freiburger Philosophen. Der war als erprobter Linksaußen in Meßkirch durchaus nicht ohne Fachkenntnis und traute sich ein fachliches Urteil zu. Dieses ist uns überliefert, weil Rüdiger Safranski in seiner Biographie „Ein Meister aus Deutschland“ (1994) davon berichtet, wie Heidegger auf einer Zugfahrt dem Intendanten des Freiburger Theaters „die Finessen seines Spiels geradezu augenfällig zu machen versuchte“. Diese Technik kann man auch bei Safranski selbst studieren, denn er hat sich wie keine Zweiter zu eigen gemacht, die Finessen des Denkens augenfällig zu machen.

In die Wiege gelegt war ihm das womöglich nicht, denn zunächst musste er eine Kindheit und Jugend im Südwesten Deutschlands absolvieren. Die Familie war vor den anrückenden Russen geflohen, der Sohn eines ostpreußischen Juristen kam am ersten Tag des letzten Kriegsjahres in Rottweil zur Welt. Erste Berufserfahrung sammelte Safranski nach dem Abitur in einem Heim für schwer erziehbare Kinder, wie man das damals nannte; dann bog er während des Studiums der Philosophie, Germanistik und (Kunst-)Geschichte nach links zum Marxismus ab, wie man das damals machte.

Als die Doktorarbeit über Arbeiterliteratur an der Freien Universität Berlin fertig ist, ist auch die Studentenrevolution Geschichte. Safranski verdingte sich als Redakteur der Kulturzeitschrift „Berliner Hefte“, jobbte in der Erwachsenenbildung und wagte Mitte der Achtziger den Sprung in die Freiberuflichkeit. Sein 1984 vorgelegtes Buch über „E.T.A. Hoffmann – Das Leben eines skeptischen Phantasten“ und „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“ von 1987 verschafften ihm einen Ruf und wiesen einen , wohin die Lebensreise gehen könnte: Nicht an die Universität, nicht in die Habilitation, sondern in die Lesbarkeit, denn der Literaturwissenschaftler eroberte ein Terrain, das verwaist lag; und er tat es mit solchem Geschick, dass auch Fachleute, die immer mal wieder Anlass zur Kritik fanden – etwa am eindimensionalen Ansatz des Epochenüberblicks „Romantik. Eine deutsche Affäre“ (2007) –, letztlich einräumen mussten: Hier schreibt einer dezidiert für die gebildeten Stände, die kein Interesse daran haben, Fachliteratur zur Kenntnis zu nehmen.

Zurückhaltung machte ihn zum Stilisten

Auf die humanistische Ausbildung in Schwaben bauend, in der bildungsbürgerlichen Diskussionskultur des alten West-Berlin beheimatet, schuf sich Safranski die Planstelle des philosophischen Schriftstellers. Mit seiner Gabe, komplizierte Denkbewegungen aufzuschlüsseln, gibt er dem neugierigen Leser das gute Gefühl, nun doch etwas von Entwürfen verstanden zu haben, die sich nicht gleich erschließen. Das gilt besonders für die Auseinandersetzung mit Philosophen („Nietzsche. Biographie seines Denkens“, 2000), aber auch für seine Dichter-Bücher („Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus“, 2004; „Goethe – Kunstwerk des Lebens“, 2013) wie auch für seine Streitschrift „Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?“ (2003).

Safranski ist ein feiner Stilist. Dazu gehört auch Zurückhaltung in den Disziplinen Psychologisierung, Belehrung und Fußnoten. Die Mühen wurden belohnt, zahlreiche Preise haben in ihm einen idealen Träger gefunden; zehn Jahre lang galt Safranski im ZDF zusammen mit Peter Sloterdijk im „Philosophischen Quartett“ als fernsehtauglich, dann kam mit Richard David Precht die vom Intendanten befohlene Wachablösung.

Für den Autor Safranski gilt, was er selbst über Nietzsche schrieb: Er sucht den Schlüssel für „das Betriebsgeheimnis der Kulturen“. Und dann bringt er, wie jener, „das Drama des Denkbaren und des Lebbaren auf die Bühne“. Seine Leser danken es ihm regelmäßig mit einem Platz auf den Bestsellerlisten und – wie zuletzt im Fall der Goethe-Biographie – mit sechsstelligen Auflagenzahlen. Am Neujahrstag wird Rüdiger Safranski siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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