Soziologie

Die alltägliche Normalität der Gewalt

Von Cord Riechelmann
17.03.2015
, 08:59
Die Weltanschauung lernen: „Jungvolk“ in  Berlin unterm Hitlerbild
Lange hat sich die Nachkriegssoziologie weder mit dem Nationalsozialismus noch mit ihrer Rolle in ihm befasst. Ein neuer Sammelband beendet diese seltsame Abstinenz

Das Problem, dass Menschen dem Zeitgeist, den sie eigentlich analysieren wollen, selbst verfallen sind, existiert, seit es Menschen gibt. Denn Menschen lebten und leben immer schon in „geglaubten Gemeinschaften“ (Max Weber), in denen sie sich zu erhalten hoffen. Dass Gemeinschaften trotzdem immer wieder zerfallen und sich neu formieren, lehren die Fakten der Geschichte. Und einer der Gründe für die auf lange Sicht instabile Lage bestimmter menschlicher Gemeinschaften liegt in der Tatsache, dass es keine innere Logik der Stabilität von Gemeinschaften gibt.

Gesellschaften bestehen immer aus Praktiken manchmal ganz kleiner Berechnungen, aus Willenszusammenstößen und Interessenverwicklungen. Gesellschaften sind nie eine Einheit in der Eins, sie sind immer geteilt, gemischt, zusammengesetzt aus Verschiedenem und tragen ein massives Konfliktpotential in sich, dem ihre Mitglieder ungern zu nahe kommen. Der Schriftsteller Thomas Bernhard hat das in einem bösen Kommentar zu einer sehr kleinen Gemeinschaft, der Familie, einmal so ausgedrückt: Obwohl es Milliarden Familien gebe, die alle auf die ähnliche Weise kaputt seien, behaupte jede von ihnen, dass bei ihnen zu Hause alles anders sei als in anderen Familien.

Womit Bernhard ein Wahrheitsproblem angesprochen hat, zu dessen wissenschaftlicher Lösung man in der Moderne unter anderem die Soziologie erfunden hat. Eine Wissenschaft, die von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis heute in der Beobachtung und Analyse menschlicher Gesellschaften äußerst erfolgreich war. In der Bundesrepublik Deutschland hat sie es zum Beispiel in den sechziger und siebziger Jahren sogar zur Leitwissenschaft gebracht, bevor sie von Soziobiologie, Genetik und Neurowissenschaften abgelöst wurde.

Ein intellektueller Kraftakt

Offenbar hat die Soziologie in ihrem Erfolg aber übersehen, dass sie dabei selbst zu einer Bernhardschen Familie geworden ist, bei der alles anders ist als bei allen anderen Wissenschaften. Das jedenfalls ist eines der Ergebnisse des von Michaela Christ und Maja Suderland herausgegebenen Sammelbandes „Soziologie und Nationalsozialismus“. Die Soziologie hat es demnach nicht nur versäumt, den Nationalsozialismus in ihrem Forschungsprogramm so zu verankern, wie es die Wirkmacht der Nazi-Herrschaft erfordert hätte; sie hat es auch nicht vermocht, ihre eigene Rolle im System des Nationalsozialismus, ihre Verstrickung, zu untersuchen. Den Herausgeberinnen des Sammelbandes gelingt es nun, diese Versäumnisse zu benennen, ohne dabei den Eindruck besserwisserischer Überheblichkeit zu erzeugen. Was auch deshalb eine Kunst ist, weil das Vorhaben des Buches sehr ambitioniert ist. Es geht darum, eine soziologische Analyse des Nationalsozialismus mit einer Analyse der Soziologie im Nationalsozialismus so zu verbinden, dass deutlich wird, welche Folgen das für die Nachkriegssoziologie gehabt hat.

Das ist ein intellektueller Kraftakt. Und man wünscht sich danach für alle möglichen Wissenschaftsfelder eine ähnlich umfangreiche Zusammenstellung, weil die Autoren die anhaltende Bedeutung solcher Forschungen sichtbar machen. Der unaufdringliche Gestus der Analysen hat wesentlich mit den beiden Herausgeberinnen zu tun. Christ und Suderland sind Soziologinnen, die noch nicht auf einem Lehrstuhl im kollegialen Höflichkeits- und Konsenssystem der institutionalisierten Professorenschaft fest verankert sind. Im Grunde beleben sie eine Rolle wieder, welche bereits abgeschafft, ehemals aber im Rahmen der Humboldtschen Universität geachtet war: die Rolle des Privatdozenten. Privatdozenten waren einst einer bestimmten professoralen Position zugeordnete Wissenschaftler, deren Aufgabe darin bestand, diesen etablierten Professor von morgens bis abends kritisch zu begleiten, mit der Betonung auf „kritisch“ und nicht auf „begleiten“.

Wie man sich das vorzustellen hat, das zeigt dieser Sammelband in einem Text, der in seiner stilistischen Ruhe erschüttert. „Gewalt in der Moderne“ heißt er, stammt von Michaela Christ und weist im Untertitel „Holocaust und Nationalsozialismus in der soziologischen Gewaltforschung“ auf seinen spezifischen Grund hin. Der Gewaltexzess des Holocaust ist also kein Ausnahmefall der Moderne, er gehört zur Bewegung der Moderne. Wenn die Gewalt des Holocaust aber zur Moderne gehört, kann sie auch nicht durch eine allgemeine anthropologische Konstante erklärt werden, wie es Wolfgang Sofsky in seinem „Traktat über die Gewalt“ getan hat.

Gute Gründe für Zivilisationspessimismus

Sofsky bestreitet darin jeden spezifischen Zusammenhang von Gewalt und Moderne. Gewalt gehört für ihn zum Menschen, tritt immer wieder auf und muss also nicht in ihren spezifischen Formen und Ausprägungen untersucht werden. Sofsky wendet sich damit vehement gegen jeden aufklärerischen Modernitäts- und Zivilisationsoptimismus und hat ein paar gute Gründe auf seiner Seite.

Und zwar vor allem dort, wo es um die Missachtung der alltäglichen Gewalt in fast allen Modernisierungstheorien geht, wie das gerade besonders erfolgreich Steven Pinkers in seinem Bestseller „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ vorgeführt hat. Laut Pinker, der in Harvard Psychologie lehrt, habe die Gewalt trotz der massenhaften Gewaltausbrüche des 20. Jahrhunderts im Verlauf der Menschheitsgeschichte kontinuierlich abgenommen, weil unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle stetig zugenommen habe und wir uns im Stadium des allgemein akzeptierten Gewaltmonopols liberaler moderner Gesellschaften befänden. Eine Diagnose, die Christ nicht teilen kann, nicht nur wegen des merkwürdigen methodischen Vorgehens Pinkers, der die Vernichtung Hunderttausender Menschen innerhalb weniger Stunden mit modernen Waffen mit dem Phänomen der Sklaverei vergleicht, das immerhin 1800 Jahre gedauert hat.

Christ stört an Pinker, dass Gewalt bei ihm als ein Charakteristikum vormoderner Gesellschaften erscheint. Das Gewalt aber zur Normalität der NS-Gesellschaft gehörte, kann dabei gar nicht mehr in den Blick kommen, weil zunehmender Gewaltverzicht das Prinzip ist, welches in Pinkers Vorstellung der Moderne für normal gehalten wird. Michaela Christ lehnt diese Kopplung von gewaltfreier Normalität und Gewalt als vormoderner Handlungsweise mit guten Gründen ab. Gewalt, schreibt sie, sei im Nationalsozialismus kein Mittel der Politik gewesen, sondern Politik eine Form der Gewalt. Und eine Analyse der alltäglichen Gewalterfahrungen von Opfern, Helferinnen, Rettern, Zuarbeiterinnen oder Zuschauern der Gewalt im Nationalsozialismus stehe noch aus.

Aufhören, sich der Gewalt gegenüber blind zu stellen

Im Grunde will sie danach fragen, was aus diesen Erfahrungen in den Körpern und in den Köpfen der Beteiligten geworden ist. Die Mittel für solche Forschungen, die Theorien (wie ein ausgearbeiteter Gewaltbegriff) und die Methoden (wie die Analyse der Denunziationspraxis in einer Hausgemeinschaft im „Dritten Reich“) stehen zur Verfügung. Man brauche, so Christ, weder übermenschliche Fähigkeiten noch spezielle wissenschaftliche Werkzeuge. Man müsse nur aufhören, sich der Gewalt gegenüber blind zu stellen und sie ins Unsagbare zu schieben.

Ohne darauf besonders hinzuweisen, folgt Christ damit einem Vorschlag Michel Foucaults. Foucault hatte einmal angemerkt, dass man von der Machtstruktur der Nazis wenig verstanden habe, solange man nicht berücksichtige, dass die Nazis auch noch dem in der Hierarchie letzten Volksgenossen potentiell das Recht zugestanden, jeden als Ungeziefer benannten Außenstehenden straffrei umzubringen. Eine Ermächtigung, die natürlich nie in irgendeinem Gesetz auftauchte und auch nicht von jedem in die Tat umgesetzt wurde. Die jedoch als Tatmöglichkeit und als Tat immer da war. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt, die als Normalität spezifisch auf den Einflussbereich der Nazis beschränkt blieb. In aller Regel gehen der physischen Gewalt, hier der Ermordung eines als aussätzig bestimmten Menschen, andere Formen der Gewalt voraus und begleiten sie.

Die Fragen, die Christ hier anschließen will, lauten: Wie verändern sich die Lebensbedingungen, die Selbsterfahrung und die Selbstwahrnehmung der Beteiligten in solchen Prozessen? Wie sehen ihre inneren Dynamiken aus? Was macht manche Menschen und Situationen anfälliger für den Gewaltgebrauch als andere? Wobei man angesichts der jüngsten Ereignisse kollektiver Gewalt nur hoffen kann, das die Soziologinnen bald mit ihren Forschungen beginnen können. Einblicke in die Entstehungsprozesse, Dynamiken und Wirkungsweisen massenhafter Gewalt werden dringend benötigt.

Michaela Christ, Maja Suderland (Hg.): „Soziologie und Nationalsozialismus – Positionen, Debatten, Perspektiven“. Suhrkamp, 611 Seiten, 24 Euro

Quelle: F.A.S.
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