Statistik-Test

Die Liebeskurve der Worte

Von Guillaume Paoli
21.12.2014
, 13:11
Hier steigt die Zuneigungskurve ganz offensichtlich: Rachel McAdams und Channing Tatum im Film „Für immer Liebe“
Allen Vorwürfen gegen Google zum Trotz: Der Ngram Viewer ist umwerfend. In Millisekunden ermittelt er, wie oft ein Wort in den Büchern der vergangenen Jahrhunderte verwendet wurde. Wir machen den Test auf „Liebe“, „Angst“ und „Ich“.

Um die Liebe ist es schlecht bestellt. Das ist keine subjektive Behauptung, sondern das Ergebnis einer Suche mit dem Ngram Viewer: Allen Vorwürfen gegen Google zum Trotz muss man zugeben, dass diese Funktion wirklich umwerfend ist. Um die chronologische Häufigkeit eines Wortes zu ermitteln, gibt man es nur ein, dann scannt Ngram das Corpus der Millionen Bücher, die in Googlebooks gespeichert sind - und das in Millisekunden!

Wir erfahren, wie oft eine bestimmte Vokabel in einem bestimmten Jahr gedruckt wurde. So entrollt sich eine faszinierende Geschichte der geschriebenen Sprache, eine detaillierte Temperaturkurve der Begriffe, die manch eine Überraschung bereithält. Das ist nicht nur ein nützliches Werkzeug für Sprachwissenschaftler. Jeder kann sich mühelos mit der Genealogie des eigenen Wortschatzes vergnügen.

Wenn wir uns also auf diese Weise auf die Suche nach Liebe begeben, erfahren wir, dass diese seit der Hochzeit der Romantik tendenziell, aber dramatisch abgenommen hat. In zweihundert Jahren ist die Benutzung des Wortes um zwei Drittel gesunken. Selbstverständlich zeigt eine feinere Analyse gewisse Gegentrends in der Liebeskurve. Um die Gründerzeit liegt sie am Boden, ab 1905 zeichnet sich ein deutlicher Anstieg ab - was möglicherweise dem Expressionismus zu verdanken ist.

Bild: F.A.Z.

Trotz eines Absackens während des Ersten Weltkrieges setzt sich die Aufwärtstendenz bis 1921 fort. Dann aber bleibt die Liebe von der Krise nicht verschont. Jahrelang werden nur noch miserable Werte verzeichnet. Doch wie es halt mit der Liebe ist, geht es dann irgendwann wieder hoch, und zwar ausgerechnet zwischen 1936 und 1945! Das zeigt, wie unzuverlässig das geschriebene Wort sein kann, um eine Epoche zu beurteilen. Es wird gelogen wie gedruckt. Oder eben danach verlangt, was nicht vorhanden ist.

So wird auch das Verb „schlafen“ im Bombenjahr 1943 außerordentlich viel verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg trauen sich dann offenbar immer weniger Autoren, das L-Wort nur aufzuschreiben. „Liebe“ wird karg. Ihr historischer Tiefstand wird 1974 erreicht, seitdem stagniert sie kläglich. Währenddessen ist „Sex“ exponentiell gestiegen, was wohl niemanden überraschen wird.

Da Ngram mit allen Sprachen funktioniert, ist auch ein internationaler Vergleich möglich. Wie ist es in englischsprachigen Büchern mit „love“ bestellt? Obwohl dort auch ein Abwärtstrend bemerkbar ist, verläuft er weniger dramatisch als in Deutschland. Seit dem Punkjahr 1977 (und nicht, wie anzunehmen wäre, seit der Beatles-Zeit) wird „love“ wieder häufiger wenn nicht ausgedrückt, dann immerhin gedruckt.

Ihrerseits fährt die französische „amour“-Kurve wie die Achterbahn ständig rauf und runter durch die Jahrzehnte, eine Unbeständigkeit, die jeglicher Interpretation die Stirn bietet. Wie zu erwarten, zeigt hingegen die italienische „amore“ eine bemerkenswerte Konstanz, die sich von den Irrungen und Wirrungen der Weltgeschichte nicht beeindrucken lässt.

Natürlich sagt uns die Frequenz eines Wortes nichts über ihre tatsächliche Verwendung. Wenn zum Beispiel „Volksgemeinschaft“ heute so häufig gedruckt wird wie 1939, heißt das nicht, dass die völkische Ideologie nach wie vor en vogue ist: Zu diesem Thema sind einfach viele historische Arbeiten erschienen. Nichtsdestotrotz ist es aufschlussreich, wie eine Vokabel, ganz gleich in welchem Kontext, aus dem allgemeinen Wortschatz verschwinden kann.

Bild: F.A.Z.

Zum Beispiel „Ehre“. Es ist doch verwunderlich, wie selten noch von ihr die Rede ist oder darüber geschrieben wird. Schließlich hatten alle bisherigen Kulturen einen starken Begriff davon. Für Menschen der Vergangenheit war Ehre ein zentraler Wert, ihr innigster, teuer erworbener Besitz. Nun wird das Wort nur noch in furchterregenden Kombinationen wie „Ehrenmord“ verwendet. Wir haben die Ehre verloren. Dank Ngram ist diese erschütternde Tatsache nun statistisch belegt.

Und wie ist es mit der berühmten German „Angst“? Wir sehen, dass sie im Laufe des 19. Jahrhunderts stets abbaut. 1900 bleibt nur noch ein Sechstel der Angstmenge von 1800 übrig. Danach lässt sich leicht beobachten, wie sukzessive Hochwerte der Angst mit Weltkriegen und Wirtschaftskrise harmonieren. Es überrascht auch nicht, dass in den Wirtschaftswunderjahren eine gewisse Beruhigung eintritt.

Die dramatische Kehrtwende setzt in den frühen Sechzigern an. Im Jahr der autofreien Sonntage 1973 wird der Angstpegel von 1944 wieder erreicht. Die Flut ist seitdem kontinuierlich gestiegen. Trotz einer kleinen Abwärtsdrift in den jüngeren Jahren bleibt die Frequenz von „Angst“ heute deutlich höher als sie in den schrecklichsten Perioden des vergangenen Jahrhunderts war. Wobei die vielen Schriften, die der angeblich neurotischen Stimmung der Deutschen abschwören und sie verhöhnen wollen, für einen guten Teil dieser inflationären Nutzung sorgen.

Bild: F.A.Z.

Besonders interessant ist die Fluktuation von Wörtern, von denen wir annehmen würden, dass sie ein unersetzlicher Bestandteil unserer Sprache seien. Zum Beispiel Personalpronomen. Anders als das ziemlich stabile „Du“ zeigt die Ich-Kurve merkwürdige Variationen. Tendenziell abnehmend erlebt „ich“ um 1920 ein kurzzeitiges Hoch, ehe es mit Hitlers Machtergreifung auf einen historischen Tiefstand fällt. Im sprachtechnisch abnormen Zweiten Weltkrieg gerät das Ich wieder an die Front, kulminieren wird es jedoch in der existentialistischen Nachkriegszeit. Danach ist aber ein deutlicher Ich-Verlust bemerkbar.

1974 sind so wenig Ichs in der Schriftlandschaft unterwegs wie sonst nie. Bald bricht jedoch eine neue selbstbezogene Epoche an. Die erste Person steigt entschieden empor, wobei seit dreißig Jahren eine gewisse Stagnation der Ego-Werte unleugbar ist. Mit „Wir“ verhält es sich jedoch ganz anders. Da scheint der historische Niedergang unaufhaltsam. So wenig Wir wie heute gab es noch nie. Die Interpretation dieses Phänomen sei Ihnen überlassen.

Quelle: F.A.S.
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