Geschlechterrollen im Wandel

Küssen kann man nicht alleine

Von Jenny Friedrich-Freksa
17.01.2012
, 17:00
An ihren Strickjacken und den Hornbrillen sollt ihr sie erkennen. Die Geschlechterrollen ändern sich und sorgen für Verwirrung - auch unterhalb der Oberfläche.
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Ein Mann, eine Frau, eine Bar. Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Es fehlt: der Kuss. Schuld ist: der Mann. Er ist jung, und er trägt an vielem schwer: an seiner Baumwollstrickjacke, seiner Hornbrille und vor allem an sich selbst. Ständig hat er Bedenken, sogar dann, wenn eigentlich „der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte“, schreibt Nina Pauer in ihrem Text „Die Schmerzensmänner“ in der „Zeit“. „Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich“ sind viele junge Männer, findet Pauer, ihr Bemühen, sich von alten Rollenbildern zu lösen, habe „groteske Züge“ angenommen.

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Obwohl doch alles so schön sein könnte: Wir leben in gleichberechtigten Beziehungen, „als Partner wissen beide ihre Gefühle zu reflektieren und auf Augenhöhe zu kommunizieren“. Nur der kleine Rest ist verlorengegangen, stellt Pauer fest, das, „was das Geschlechtsneutrale aus dem Team-Gedanken vertreibt ... Anziehungskraft kommt erst durch Unterschied“. Richtig. Und sie kommt auch selten aus dem Kopf allein. Jede Frau, die schon einmal sinnlich unterfordert mit einem hyperreflektierenden Mann in der Bar saß, wird Nina Pauer sofort zustimmen. Fordernder müssten die Männer wieder sein, zielstrebiger, wie früher halt. Männlich.

Latzhosen als Merkmal der Differenz

Das wäre schön, das wäre einfach, vor allem für die Frauen. In vier Fünfteln aller Lebenssituationen - ob bei der Arbeit, im Beziehungsgespräch oder beim Bäcker - treffen sie Männer „auf Augenhöhe“, aber dann, plötzlich, nachts in der Bar, säße da ein echter Kerl, einer, der weiß, was zu tun ist.

Es ist ein rückwärtsgewandter Gedanke. Nicht nur, weil sich Frauen seit Jahrhunderten selbst hinüberbeugen und den „entscheidenden move“ machen. Sondern auch, weil man in Betracht ziehen sollte, dass die Männer in den Baumwollstrickjacken etwas ausprobieren, was Frauen vor vierzig Jahren in lila Latzhosen versuchten: anders zu sein. Viele Männer dürften sich damals nach Zeiten zurückgesehnt haben, in denen sie mit Föhnwelle das Abendbrot bereithielt. Dafür gab er ihr dann einen Kuss.

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Vom dominanten westlichen Männertyp

Die Frauen in den Latzhosen waren Avantgarde. Sie wurden erst mal belächelt, für ihr Äußeres, für ihre Gedanken, für die ganze Art, wie sie waren. Sie waren vor allem: nicht weiblich. Einige Jahre später dachten viele Menschen das, was die Latzhosen-Frauen vorgedacht hatten. Da zogen diese die Latzhose wieder aus. Manche trugen plötzlich hohe Schuhe, andere nicht, es war egal. Es gab viele Möglichkeiten, eine Frau zu sein.

Es gibt auch viele Möglichkeiten, ein Mann zu sein. In allen Kulturen existieren verschiedene Männlichkeitsentwürfe, die miteinander konkurrieren. Doch fast immer fungiert ein Entwurf als Leitidee. „Hegemoniale Männlichkeit“ nennt sie die Männerforscherin Raewyn Connell von der Universität Sydney. Im westlichen Kulturkreis sieht der dominante Männertyp so aus: heterosexuell, berufsorientiert, bestimmend, körperlich fit, emotional kontrolliert und in der Lage, eine Familie zu ernähren. Es ist ein mächtiges Bild.

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Strickjacken als Emanzipationsmerkmal

Vor diesem Hintergrund ist der umständliche junge Mann, den Nina Pauer beschreibt, eine interessante Erscheinung. Zunächst könnte man meinen, es handele sich um eines dieser Berlin-Mitte-Phänomene, das gefühlte 0,2 Prozent der Bevölkerung betrifft. Wahrscheinlich geht es auf einem Feuerwehrfest vor den Toren der Stadt tatsächlich etwas retrosexueller zu. Aber wahr ist auch, dass es den Baumwolljackenmann auch anderswo gibt. In Japan heißt er „Pflanzenfresser“, und trotz dieses harmlosen Namens ist er ein Radikaler. Er verzichtet äußerlich auf eine männliche Erscheinung und wirkt eher feminin, oft mit braungefärbten Haaren und Kleidung, die alle Muskeln bedeckt.

Auch innerlich hat sich der Pflanzenfresser von allem entfernt, wofür sich Männer doch eigentlich interessieren sollten: Sex, Karriere, Saufen. Und bei uns? Tragen die jungen Männer einfach nur Baumwollstrickjacken, oder ist es Emanzipation? Werden wir bald „japanische Verhältnisse“ haben, mit einer wachsenden Population „unmännlicher Männer“? Oder ist doch alles ganz anders?

Ralf Bönt hat vor einiger Zeit in der „Süddeutschen Zeitung“ in einem Beitrag darüber geschrieben, wie sowohl der traditionelle Feminismus als auch die modernen Medien Männer vor allem darstellen: bedrohlich. Ob pädophile Priester, Kachelmann oder Strauss-Kahn - die Nachrichten sind voll von Männern, die ihren Körper respektive ihre Sexualität nicht im Griff haben. Neue Bilder von Männlichkeit wird es nur geben, wenn jemand den Mut findet, sie auszuprobieren. Wenn also etwa Männer ihre Kinder herzen und in Kauf nehmen, dass jemand sie dafür schief ansieht. Wenn sie sich anders verhalten, auch auf die Gefahr hin, dass man sie befremdlich findet. Man sollte sich den Baumwolljackenträger als mutigen Mann vorstellen.

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Frauen werden es wohl noch eine Weile aushalten müssen, mit Hornbrillen zu flirten. Währenddessen könnten sie sich noch einen Drink bestellen und selbst zur Tat schreiten - oder sich den grübelnden Männern anschließen und ihre eigenen Erwartungen hinterfragen: Warum küssen sie nicht selbst zuerst?

Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch

Vielleicht ist es so, dass es Frauen außerordentlich irritiert, wenn Männer nicht mehr so gut berechenbar sind. Und vielleicht verlieren die Frauen auch gerade ein angestammtes Terrain: die emotionale Deutungshoheit. Bis vor kurzem war es Frauensache, Gespräche über Gefühle zu eröffnen. Und viele halten sich auf diesem Gebiet auch für weitaus kompetenter als Männer. Von Augenhöhe keine Rede. Und jetzt kommen da so neue Typen daher und sprechen ungefragt über ihre Empfindungen - was doch einst der Lohn jahrelanger Beziehungsarbeit war!

Die Möglichkeiten, was man als Mann oder Frau alles sein kann, haben sich vervielfacht. Die Forscherin Raewyn Connell, die die Ideale von Männlichkeit in unterschiedlichen Kulturen untersucht, schreibt: „Eine Gemeinsamkeit gibt es bei allen Unterschieden dennoch zwischen den Männern in der Welt: Seit 200 Jahren knüpft die kapitalistische Ideologie die Geschlechtsidentität von Männern an Lohnarbeit.“ Frauen sind da freier. Sie dürfen auch Mutti oder Model sein, um gesellschaftlich beachtet zu werden. Aber eigentlich geht alles. Für beide Geschlechter gilt: Es gibt keine feste Rolle mehr.

Probleme auf dem Weg zur absoluten Autonomie

Die Individualisierung erschwert aber gleichzeitig das Zusammenkommen von Mann und Frau. Im neuen Buch „Warum Liebe weh tut“ der Soziologin Eva Illouz ist die Autonomie des modernen Individuums eines der zentralen Themen. Autonomie, das bedeutet heute: sich selbst zu erfinden, als Mann oder als Frau. Ab zwei Personen stößt die Autonomie an ihre Grenzen, aber das tut ihrer Popularität keinen Abbruch. „Das Ideal der Autonomie triumphiert über alles“, sagt Eva Illouz, „sogar darüber, zuzugeben: Ich brauche etwas. Individualität basiert heute darauf, dass wir verneinen, abhängig und bedürftig zu sein.“ Bedürftigkeit gilt als Schwäche, in fast allen Lebenslagen, und schwach zu sein als nicht gerade anziehend. Deshalb muss das Selbst ständig gestärkt werden, die einen versuchen es mit Baumwolljacken, die anderen mit Grobstrick. Kompliziert wird es dann, wenn einer etwas will, das ihm nur ein anderer geben kann - und sei es nur ein Kuss. Denn dafür müssen die autonomen Befindlichkeiten schon sehr genau zusammenpassen. Es ist jedes Mal ein Wunder.

Jenny Friedrich-Freksa leitet die Zeitschrift „Kulturaustausch“, die im Januar ein „Männerheft“ ist.

Quelle: F.A.Z.
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