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Geschlechterselektion

Nicht ohne eine Tochter

Von Melanie Mühl
Aktualisiert am 25.10.2012
 - 10:36
Am 16. April 1982 hat das erste deutsche Retortenbaby das Licht der Welt erblickt. Die Wünsche der Eltern für ihr Ungeborenes haben seitdem zugenommen
An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Inzwischen aber gibt es immer mehr Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes vorher festlegen wollen. Wohin führt das?

Augustbaby“ ist untröstlich, denn sie erwartet das falsche Kind. Sie hat bereits drei Kinder, allesamt gesund, allesamt Jungs, die sie liebt, obwohl sie sich nie einen Sohn gewünscht hat, sondern immer nur eine Tochter. Eben, schreibt „Augustbaby“ auf ingender.com, habe sie erfahren, dass auch ihr viertes Kind ein Sohn sein werde, der ebenso wie die drei anderen Söhne in Zukunft vor ihr herumtollen und sie stets daran erinnern wird, dass ihr Mädchenwunsch unerfüllt bleibt. Für „Augustbaby“ scheint das eine Tragödie. Ihr Herz, schreibt sie, sei gebrochen.

Mary Johnson wünscht sich wie „Augustbaby“ ein Mädchen, was vor allem daran liegt, dass ihr Mann einige Jahre älter ist als die Neununddreißigjährige und das Paar befürchtet, ein temperamentvoller Junge könnte den Vater physisch und psychisch überfordern. Würden sie darüber nachdenken, sich ein Haustier anzuschaffen, wäre es jedenfalls eher ein Goldfisch als ein Jack Russell. Um absolut sicherzugehen, dass ihr die Hebamme am Ende nicht womöglich doch einen Sohn in die Arme legt, sucht Mary Johnson Hilfe bei Jeffrey Steinberg, einem der renommiertesten amerikanischen Reproduktionsmediziner und Arzt an den Fertility Institutes in Los Angeles und New York. Er garantiert seinen Kunden ein Baby mit dem gewünschten Geschlecht.

Das Verfahren nennt sich „Sex Selection“ und ist in Amerika ein Millionengeschäft. In Deutschland ist es, wie in den meisten anderen Ländern, verboten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Israel, wobei dort im Gegensatz zu Amerika die Erlaubnis an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, über deren Einhaltung eine Kommission wacht. Zum Beispiel muss eine Familie mit Mädchenwunsch bereits mehrere Söhne großziehen, um einen positiven Bescheid zu erhalten.

Der Assistent Gottes

“Sex Selection“ funktioniert im Grunde nach demselben Prinzip wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) - mit dem Unterschied, dass die durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryonen, bevor sie in die Gebärmutter eingesetzt werden, nicht nur auf Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Glasknochenkrankheit, sondern eben auch auf ihre Chromosomenzusammensetzung hin untersucht werden. Unter dem Neonlicht-Mikroskop leuchten die weiblichen Zellen rosarot und die männlichen hellblau. „Für viele Patienten gehört es zum Lifestyle, die Familie geschlechtlich auszubalancieren. Zu mir kommen Frauen, die fünf Söhne haben und sich sehnlichst wünschen, die eigene Tochter modisch einzukleiden - so, wie ihre Mütter sie einst eingekleidet haben“, sagt Jeffrey Steinberg.

Mittlerweile herrscht ein regelrechter PID-Tourismus. Seine Kunden kommen zu sechzig Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Asien und Europa, erzählt Steinberg im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir hatten sogar schon Leute vom Nordpol!“ Die Vorlieben unterscheiden sich: Chinesen und Inder wünschen in mehr als neunzig Prozent der Fälle Jungen, Kanadier zu 58 Prozent Mädchen, und bei den deutschen Kunden betrage das Verhältnis fünfzig zu fünfzig. Der Reproduktionsmediziner sorgt im Jahr für etwa 420 Babys mit Wunschgeschlecht.

Dabei scheint Steinberg nicht der Ansicht, dass er Gott spielt; er arbeite, sagt er, nur Hand in Hand mit ihm, gewissermaßen als sein Assistent. Für Menschen wie Mary Johnson umweht Steinberg wohl tatsächlich ein Hauch Göttlichkeit. Vor wenigen Jahren bot er seinen Kunden sogar an, nach Haar- und Lieblingsaugenfarbe auszuwählen. „Wir hatten die Technik so weit entwickelt und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Ergebnis - zum Beispiel blonde Haare und braune Augen - vorhersagen können „, sagt Steinberg.

Der Machbarkeit foglt die Akzeptanz

Die Nachfrage sei groß gewesen, „doch religiöse Gruppen baten uns, es nicht zu tun“. Er zog das Angebot zurück. Die Zeit sei noch nicht reif dafür. Aber wer weiß, wie sehr sich die ethischen Maßstäbe in wenigen Jahrzehnten verschoben haben werden. Schon heute ist es in Amerika beispielsweise zulässig, dass gehörlose Eltern mit Hilfe der PID ein garantiert gehörloses Kind zur Welt bringen. Wer davon noch nie etwas gehört hat, schaut einen an, als erzähle man eine Horrorgeschichte.

Erinnern wir uns kurz an das Jahr 1978, als in Großbritannien das erste Retortenbaby geboren wurde. Die Empörung war enorm, von Designerbabys war die Rede, von Reagenzglaskindern ohne Seele. Auf solche Gedanken käme heute kein Mensch mehr. Der technologischen Machbarkeit folgt die gesellschaftliche Akzeptanz.

Es wäre anmaßend zu beurteilen, wie tief das Leid derjenigen ist, die einfach keine Tochter oder keinen Jungen zur Welt bringen und bereit sind, 20 000 Dollar für ihr Wunschkind auszugeben. Den Depressiven tröstet nicht, dass sein Nachbar krebskrank ist. Der Schmerz des Einzelnen kennt keinen Vergleich.

Die Enttäuschung minimieren

Eine Verfasserin mit dem Pseudonym 2Boys4Me zum Beispiel schreibt, sie sei den Anblick von Jungsspielzeug, Jungsklamotten und -zimmereinrichtungen einfach leid, sie ertrage das nicht mehr. Alle, wirklich alle um sie herum hätten mindestens eine Tochter. Ein Leben ohne Tochter scheint für sie absolut unvorstellbar.

Nun könnte man argumentieren, dass die Natur sich ohnehin nichts denke bei der Chromosomenkombination und der Zufall regiere - weshalb also sollte man ihr die Entscheidung überlassen, wenn man sie doch selbst nach eigenen Vorlieben und Sehnsüchten treffen kann, zumal man niemandem einen Schaden zufügt? Das ist die eine Seite.

Die andere ist, dass der Entscheidung für ein Mädchen oder einen Jungen die Entscheidung vorausgeht, überhaupt eine Geschlechtsauswahl treffen zu wollen. Der Trugschluss, der sich dahinter verbirgt, ist gefährlich: Es ist der Glaube, dass man durch die getroffene Entscheidung das Risiko einer Enttäuschung minimieren, ja, dass man es sogar ganz ausschalten könnte. Als wäre es bei Kindererziehung möglich, das Unvorhersehbare vorhersehbar und kontrollierbar zu machen.

Diktierter Lebenslauf

Immer wieder stößt man in Foren auf Frauen, die davon träumen, mit einer prinzessinnenhaften Tochter gleichzeitig eine neue beste Freundin mitgeliefert zu bekommen. In einem Beitrag von DRadio Wissen begründeten unlängst die Eltern zweier Mädchen ihren Wunsch nach einem Jungen damit, dass die Töchter nach der Heirat fortziehen würden, während ein Sohn das Geschäft des Vaters übernehmen und sich im Alter um sie kümmern werde - als wäre das bereits heute eine ausgemachte Sache.

Den Lebenslauf ihres Sohnes haben die Eltern also schon geschrieben. Ihre Liebe knüpfen sie auf diese Weise unbewusst an bestimmte Voraussetzungen - am Ende ist das Geschlecht nur das erste Glied in einer langen Kette von Erwartungen. Bedingungslose Liebe ist das Gegenteil davon.

Denn was passiert, wenn der Junge gar nicht in die Fußstapfen des Vaters treten möchte? Oder das Mädchen, das Mary Johnson und ihr Ehemann bekommen, hyperaktiv ist? Was geschieht, wenn es während der ersten Jahre nachts unentwegt schreit? Wenn es nicht nur den altersmüden Vater, sondern die komplette Familie in den Wahnsinn treibt? Wenn es sich nicht genderstereotypisch entwickelt oder bald schwer erkrankt und stirbt? Werden sich die Ehepaare nicht ihr Hirn zermartern und ewig mit ihrer Wahl hadern?

Im Moment der Entscheidung steigt das Enttäuschungspotential ins Unendliche. Solange die Natur für Fakten sorgt, muss man sich keine Vorwürfe machen und kann zumindest einen Teil der quälenden Gedanken von sich schieben. Nimmt man der Natur diese Aufgabe aber ab, ist das anders. Das „Schicksal“ fällt, als Erklärung oder Trost, dann aus. Im schlimmsten Fall nagt der Gedanke des Hätte-ich-nur ein Leben lang.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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