Gesellschaft

Wollen wir unser Preußen wiederhaben?

15.02.2002
, 17:44
Mit einem Pinsel säubert eine Museums-Mitarbeiterin einen preussischen Gardehelm
Brandenburgs Sozialminister, Alwin Ziel (SPD), will das Bundesland Berlin-Brandenburg jetzt "Preußen" nennen. Eine Umfrage.

Der preußische Sozialminister, Verzeihung, der brandenburgische Sozialminister Alwin Ziel (SPD) schlug gestern vor, das mit der geplanten Fusion von Berlin und Brandenburg entstehende neue Bundesland „Preußen“ zu nennen.

Ziel sagte, trotz der Finanzkrise in Berlin könne die Fusion der beiden Länder noch in diesem Jahrzehnt gelingen. Er widersprach damit Innenminister Schönbohm (CDU), der sich nach Bekanntwerden des neuen Berliner Haushaltsdefizits skeptisch geäußert hatte. Ziel sagte weiter, das neue Bundesland müsse nicht unbedingt Berlin-Brandenburg heißen: „Ich würde nicht davor zurückschrecken, wenn es Preußen hieße.“

Ein Satz, der ein kleines Beben auslöste. Die Kollegen der "Berliner Seiten" der F.A.Z. haben Preußenkenner unterschiedlicher Provenienz gefragt, was sie von dem Vorschlag halten: Die Stimmen reichen von Freude bis Entsetzen.

Julian Nida-Rümelin (Staatsminister für Angelegenheiten der Kultur und Medien)
Ich finde, dass damit ein falscher Anspruch verbunden ist. Der Zusammenschluß von Berlin und Brandenburg wird etwas genuin anderes sein als Preußen. Dies zeigt sich schon allein an den veränderten territorialen Grenzen, die ja auch keiner in Frage stellen will. Darüberhinaus könnte der Name Preußen falsche Assoziationen in Deutschland und im Ausland wecken. An der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist erkennbar, wie sich eine Formation aus Bund und Ländern zusammengefunden hat, um Verantwortung für den Fortbestand des kulturellen Besitzes zu übernehmen, der von Preußen geblieben ist. Auch von daher sehe ich keinen Grund zu einer Wiederbelebung des Namens Preußen.

Wolf Jobst Siedler (Autor)
Ich halte dies für eine reizende romantische Idee, die aber weder etwas von Geschichte noch von Realität versteht. Wenn man zwei Hungerleider zusammenschließt, wird daraus kein modernes Preußen.

Hans Magnus Enzensberger (Schriftsteller)
Ich finde diese Idee auf Anhieb nachvollziehbar. Man könnte es auch „Kleinpreußen“ nennen, zurück zu den Anfängen sozusagen. Und aus Münchner Sicht kann ich die Berliner und Brandenburger beruhigen: Hier gibt es keine Sorgen mehr vor einem wiedererwachenden Preußen, eher Bedauern und ein gewisses Mitgefühl für die notleidende Stadt und das notleidende Land im Norden. Interessant wäre natürlich auch die Frage: Was sagt der Alliierte Kontrollrat dazu? Aber der hat ja keine Adresse mehr in Berlin und kann somit leider gar nicht mehr befragt werden.

Graf Carl-Eduard von Bismarck (CDU-Bundestagskandidat)
Dieser Vorschlag ist überhaupt nicht absurd. Brandenburg war das Kernland des preußischen Staates, auch andere deutsche Bundesländer haben historische Namen übernommen. Das heutige Hessen deckt sich zum Beispiel nicht mit dem historischen Hessen. Als Marke hat Preußen zumindest einen internationalen Klang, was man von Brandenburg nicht sagen kann.

Prinz Ferfried von Hohenzollern
Durch tendenziöse Geschichtsschreibung wurde der Name Preußen zum Synonym für alles Unangenehme in der deutschen Geschichte. Dabei steht Preußen für eine Reihe von Tugenden wie Disziplin, Fleiß und Fortschrittlichkeit, die in der Region Berlin-Brandenburg dank der dort Regierenden heutzutage sehr dünn gesät sind. Vielleicht würde die Umbenennung eines fusionierten Landes Berlin-Brandenburg in Preußen tatsächlich dazu beitragen, diese Tugenden wieder ein wenig zu verbreiten. Ein fabelhafter Vorschlag!

Christoph Stölzl (Vizepräsident des Abgeordnetenhauses und war Berliner Kultursenator)
Diese Idee finde ich sehr gut. Das ist die Klammer, die Berlin endlich sinnvoll mit seinem Umland verbindet und vor allem auch die Klammer zur preußischen Vergangenheit herstellt: Zur Vergangenheit von Berlin und von Brandenburg. Es geht eben nicht, daß man auf der einen Seite die schönen Errungenschaften der preußischen Vergangenheit für sich reklamiert, auf der anderen Seite aber der Name tabu ist. Ich halte diesen Vorschlag von Alwin Ziel für eine geradezu salomonische Lösung.

Klaus-Dieter Lehmann (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz)
Preußen hat nun einmal eine abgeschlossene Geschichte von Glanz und Untergang. Ich weiß nicht, was den Sozialminister geleitet hat - falsch verstandene Identitätssuche? Ich bin der Auffassung, daß sich die Region mit einem Bindestrich-Namen zu begnügen hat. Alles andere wäre ahistorisch.

Ralph Giordano (Historiker)
Zunächst einmal finden Sie mich überrascht. Aber ich weiß nicht, ob erfreut oder nicht. Der Name Preußen hat ja einen schauerlichen und zugleich einen fabelhaften Ruf. Preußen steht für Tugenden und aufklärerische Ideen, aber spielt auch in der Geschichte des deutschen Imperialismus eine unrühmliche Rolle. Nicht umsonst ist Preußen 1947 von den Alliierten abgeschafft worden. Ich bezweifle, daß es eine gute Idee ist, diesen Staat zu revitalisieren.

Leopold von Bredow (Botschafter a.D.)
Das alte Preußen ist untergegangen und war sehr viel größer als das jetzige Land Brandenburg. Der Vorschlag ist sicher gutgemeint, aber historisch wäre die Benennung Berlin-Brandenburgs als Preußen nicht akkurat. Daher sollte man bei Brandenburg bleiben. Im übrigen fühle ich mich als Brandenburger.

Katja Lange-Müller (Schriftstellerin)

Bloß nicht, das wäre ein Rückfall in die Barbarei des Deutschen Ritterordens, der die wendischen Pruzzen ausgerottet und ihres Namens beraubt hat. Einmal reicht!

Monika Maron (Schriftstellerin)
Ich finde das nicht empörend. Irgendwie muß das Land heißen, und 'Brandenburg' wollen wir auf gar keinen Fall.

Peter Gauweiler (CSU-Politiker)

Dieser Vorschlag Herrn Ziels ist überhaupt nicht so abwegig, wie er auf den ersten Moment wirken mag. Preußen ist ja, nicht zuletzt durch das Werk Sebastian Haffners, längst rehabilitiert worden. Die Auflösung Preußens durch die Alliierten hätte auch jeden anderen deutschen Staat treffen können. Preußen war ein aufgeklärter, fortschrittlicher Rechtsstaat. Nicht umsonst sagte Franz Josef Strauß stets: „Im Zweifel müssen wir Bayern die letzten Preußen sein!“ Damit berief er sich nicht etwa auf Imperialismus oder ähnliches, sondern auf die stolzen preußischen Tugenden, die zum Beispiel bei den Widerstandskämpfern des 20. Juli sehr ausgeprägt waren.

Adolf Endler (Schriftsteller)
Ich würde diesen Vorschlag nicht unterstützen. Ich habe mich mit Preußen beschäftigt, auch mit Friedrich dem Großen, und war schon in DDR-Zeiten der Meinung, es sei besser, Unter den Linden, dort, wo das Denkmal des Preußenkönigs steht, ein anderes aufzustellen. Für Klopstock, den großen Gegner der preußischen Tugenden (Sekundärtugenden). Ziels Vorschlag ist eine Fortsetzung des DDR-Preußentums.

Werner Schulz (MdB Bündnis 90/Grüne)
Es ist absurd, aber typisch für Alwin Ziel. Er hat seine Aschermittwochknaller erst am Donnerstag gezündet.

Philipp Schulze-Wethmar (Studentenverbindung Rheno-Borussia)
Die Zeiten, in denen dieses Land existieren durfte, sind vorbei. Den Staat Preußen gibt es seit 55 Jahren nicht mehr, es macht doch keinen Sinn, ihn wieder aus dem Boden zu stampfen. Außerdem wäre es eine Provokation für das Ausland, schließlich wollten die Alliierten diese „Keimzelle des Militarismus“ endgültig zerstören.

Thomas Köstlin (amtierender Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg)
Ich halte den Vorschlag international für gewagt. Trotz guter Seiten gab es auch viele dunkle. Preußen ist mehr als Berlin und Brandenburg. Für ein neues Land braucht man einen zeitgemäßen Namen.

Etienne François (Professor für Geschichte an der Technischen Universität Berlin und an der Panthéon-Sorbonne in Paris)
Ein Bundesland Preußen, das finde ich rührend. Aber ich glaube nicht, daß es in unserer Macht steht, Tote zum Leben zu erwecken. Als Historiker kann ich mich nicht damit abfinden, daß jemand Brandenburg und Berlin als Preußen ausgeben will. Man spricht erst seit dem 18. Jahrhundert von Preußen, und wenn man die damaligen Ausmaße des Landes mit Berlin-Brandenburg vergleicht, muß man feststellen: das war eine andere Schuhgröße. Preußen ohne Halle, ohne Königsberg, ohne Köln und Bonn ist einfach nicht mehr Preußen, sondern eine Anmaßung.

Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung)
Ich stimme dem nur zu, wenn Nordrhein-Westfalen in das gemeinsame Bundesland integriert wird. Ansonsten müßte man das Gebilde Mini-Preußen oder Preußen minus nennen.

Günter Rexrodt (Vorsitzender der FDP-Berlin)
Nein, viele würden das in den falschen Hals bekommen. Allerdings bin ich dafür, daß in dem neuen Bundesland die preußischen Tugenden wie Bescheidenheit und Pflichterfüllung gepflegt werden. Sein Name sollte Berlin-Brandenburg sein, obwohl ich Doppelnamen hasse und ich sie mir auch nicht merken kann; in diesem Fall wäre das dann aber anders.

Jörg Schönbohm (Innenminister von Brandenburg)

Von der Diskussion halte ich nichts, sie lenkt von den eigentlichen Fragen der Fusion ab. Wir müssen erst sehen, unter welchen Bedingungen sie zustande kommt, erst dann kann man sich um den Namen kümmern.

Gregor Gysi
Der Vorschlag liegt historisch-politisch schwer daneben. In Berlin haben wir zur Zeit andere Sorgen als Namensgebungsakte für Kinder, deren Geburt noch nicht in Sicht ist.

Eberhard Diepgen (Landesvorsitzender CDU)
Für ein Bundesland Berlin-Brandenburg ist der Name Preußen doch wohl eine Schuhnummer zu groß.

Georg Ringsgwandl (Bayerischer Poet)
Herr Ziel schlägt dies vor, weil er möcht', daß er von a paar konservativen Wählern Sympathien einheimst. Damit reiht er sich nahtlos in die lange Reihe von nichtswürdigen Schleimern und Opportunisten unter den Politikern ein. Nenntsashoit Preußen! I hob nix dagegen.

André Schmitz (Chef der Senatskanzlei und Beauftragter Berlins für die Länderfusion)
Grundsätzlich finde ich es sinnvoll, wenn sich Berliner und Brandenburger wieder unvoreingenommen mit ihrer gemeinsamen Geschichte beschäftigen, wozu Preußen gehört. Aber Preußen ist untergegangen und nicht wiederbelebbar. Ich würde den Namen Brandenburg vorschlagen.

Viktor Koslikin (Presseattaché der russischen Botschaft)
Wie können Sie es wagen, mich am Tag des Heiligen Valentin in eine solche innerdeutsche Angelegenheit zu verwickeln. Preußen! Die Vorgeschichte kennen Sie doch. Ich kann Ihnen dazu wirklich nichts sagen.

Ingo Schulze (Schriftsteller)
Das ist keine gute Idee, und es ist sachlich meiner Ansicht nach falsch. Preußen ist mehr ein Prinzip, eine Funktionsweise und weniger ein Begriff für ein Territorium.

Hans-Jürgen Syberberg
(Filmemacher und Regisseur)

Ich komme aus Pommern und fühle mich ausgeschlossen. Viele fühlen sich ausgeschlossen, deshalb geht es nicht, daß Berlin und Brandenburg sich Preußen nennen. Preußen war eine historische Topographie, die man nicht per Beschluß wieder herstellen kann. Was Ziel im Kopf hat, ist ja nur die Vorform des preußischen Staates, der ohne die östlichen Gebiete nie geworden wäre, was er war. Wenn man Preußen wiederhaben will, müßte man Polen und Rußland dazubitten. Wenn man im europäischen Sinne die preußischen Provinzen Polens und Rußlands dafür gewinnen könnte, den verlorenen Kulturorganismus wiederherzustellen, wäre ich sofort dafür.

Jens Reich (Biomediziner in Berlin-Buch)
Dieses Brandenburg, wie es uns heute gegenübertritt, ist nicht das Kernland von Preußen, sondern das Kernland des alten Kurfürstentums Brandenburg und damit geographisch und auch kulturhistorisch identisch. Herr Ziel sollte sich einmal historische Landkarten ansehen, dann wüßte er, daß er Minister in Brandenburg und nicht in Preußen ist.
Jens Reich ist Biomediziner in Berlin-Buch.

Quelle: Berliner Seiten F.A.Z.
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