Griechenland

Die europäische Simulation

Von Mark Siemons
05.07.2015
, 15:13
Die „besonders ausgeklügelte“ Ökonomie dieses Videospiels ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, aber in den theoretischen Beiträgen von Varoufakis über „Team Fortress 2“ dann doch
Wie sich Syriza und ihr Cheftheoretiker Giannis Varoufakis den Umbau des Kontinents vorstellen und warum sie so viel Wert auf die Verwendung des Worts „Simulation“ legen.

Wie aber soll Europa sein, wenn es nach Syriza ginge und nicht gemäß dem Regiment der „Institutionen“, deren Forderungen die griechische Regierung abzulehnen empfiehlt? In einem Text, den Giannis Varoufakis einmal für ein New Yorker Kunstmagazin geschrieben hat, bevor er Finanzminister wurde, nimmt er den Film „Die zwei Leben der Veronika“ des polnischen Regisseurs Krzystof Kieślowski als Folie. Die französisch-polnische Koproduktion erzählte 1990 die Geschichte einer Französin und einer Polin, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen und deren getrennte Schicksale auf eine etwas mystische Weise parallel verlaufen, bis dahin, dass, während die eine mitten in einem Konzert in Krakau stirbt, die andere in Paris von einer unerklärlichen Trauer überwältigt wird. Für Varoufakis symbolisiert das „die Solidarität und die kulturell-spirituelle Verbindung“, die in Europa, das gerade erst seine Teilung überwunden hatte, zwischen dem Westen, dem Osten und auch dem Süden bestanden habe.

Damals habe ein solcher Film aus Osteuropa einen perfekten Resonanzboden auch in Paris, London oder Stuttgart gehabt. Heute sei ein solches Synchron-Erlebnis nicht mehr denkbar: „Die Ironie unseres gegenwärtigen Augenblicks ist, dass die Beseitigung der Grenzen und der Triumph des Gemeinsamen Markts Europas Kulturgüter entwertet und fragmentiert haben.“ Ja, mehr noch, die Entgrenzung von Markt und zentralisierter Bürokratie zugleich habe nicht nur der Kultur ihren potentiell subversiven Eigenwert genommen, so dass sie nur noch als Ware in Frage kommt, sie habe auch die Völker gegeneinander aufgebracht, bis „eine stolze Nation nach der anderen einem fiskalischen Waterboarding unterzogen“ wurde.

Europa muss wieder „zivilisiert“ werden

Das politische Ziel, das Varoufakis aus dieser Kulturkritik ableitet, ist: Europa muss wieder „zivilisiert“ werden. In anderen Texten gebraucht er noch weiter gehende Formulierungen: „In diesem titanischen Kampf für Europas Integrität und Seele werden die Kräfte der Vernunft und des Humanismus den wachsenden Autoritarismus niederringen müssen.“ Und wie geht das? In dem Kultur-Artikel schrieb Varoufakis, der mächtige europäische Markt brauche ein ebenso mächtiges Gegenüber in Gestalt eines „gigantischen demokratischen Staats“.

Doch in anderen, mehr politischen Texten hat er diese Forderung wesentlich modifiziert. Einen europäischen Großstaat, eine Föderation, bezeichnete er da als „weder möglich noch erstrebenswert“. Die entscheidende, in den meisten Wiedergaben seiner Ideen jedoch unterschlagene Vokabel für sein europäisches Alternativprogramm lautet: „Simulation“. Es gelte, „einen Zentralstaat ohne Staatenbund und ohne weiteren Verlust staatlicher Souveränität zu simulieren“. Konkret schlägt er vor, mit Hilfe schon vorhandener Institutionen vier Kernbereiche der politischen Ökonomie zu europäisieren, einer Zentralverwaltung zu unterstellen: den Bankensektor, einen Teil der öffentlichen Schulden, die Kapitalanlagen und die Hunger- und Armutsbekämpfungsprogramme. In einem solchen Verfahren liege das „Potential für die Simulation eines europäischen New Deal, ohne dass es eines Bundesschatzamts, irgendwelcher fiskalischer Transaktionen oder einer neuen Institution bedürfte.“

Warum legt der Syriza-Chefdenker so viel Wert auf die Verwendung des Worts „Simulation“? Vordergründig liegt die Antwort nahe: weil er als Ökonom ein Spieltheoretiker und auch -praktiker ist. Seine Doktorarbeit schrieb er über ein Thema der Spieltheorie, und eine seiner letzten Arbeitsstellen vor dem Ministeramt war ein Engagement bei dem amerikanischen Videospielhersteller Valve, wo er vor allem mit der Analyse virtueller Währungen befasst war.

In theoretischen Beiträgen äußerte er sich anerkennend über die „besonders ausgeklügelte“ Ökonomie des Spiels „Team Fortress 2“: Die Spieler könnten dort der Einführung einer Währung aus dem Weg gehen, indem sie allein auf der Grundlage einer „doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse“ operierten – was den realen Wirtschaften nie über eine längere Zeit hinweg gelungen sei. So können Simulationen die Begrenzungen und Engpässe der Realität überwinden und rückwirkend auch die Realität selbst wieder in Bewegung bringen. Während die ökonomische Theorie seit den sechziger Jahren in einer Sackgasse gelandet sei, so hatte Varoufakis in anderem Zusammenhang geäußert, werde „die Zukunft im Experimentieren und Simulieren liegen – und die Videospiel-Communities geben uns die Möglichkeit, all das zu tun“.

Der Simulationspraktiker Varoufakis

Doch im Fall Europas verbindet sich die Neigung zum Spiel auch mit einer politischen Analyse. Es ist nämlich nicht nur der Zentralstaat, den Varoufakis zur Zeit für unrealistisch hält, sondern auch der Versuch, „den europäischen Kapitalismus durch ein anderes, vernünftigeres System zu ersetzen“. Ein Sturz der Eurozone und des Kapitalismus werde jetzt bloß die äußerste xenophobe und gewaltbereite Rechte nach oben spülen. Vor allem aber sei die Linke schlichtweg nicht in der Lage, die entstehende Lücke „mit einem funktionierenden sozialistischen System zu überbrücken“.

Eben diese Ausweglosigkeit treibt die gewöhnliche Linke in das Phlegma, das deren Selbstkritiker wie Slavoj Žižek so sehr beklagen. Nicht so den Simulationspraktiker Varoufakis. Der bekennende Marxist nimmt das marxistische Verfahren für sich in Anspruch, die Analyse der den Verhältnissen innewohnenden Widersprüche für sich produktiv zu machen. Und das bedeutet, da ein Außen in mehrfacher Hinsicht als nicht möglich erscheint, aus dem Inneren des Bestehenden selbst dessen Gegenteil herauszuholen. Das Ergebnis ist eine Simulation auf verschiedenen Ebenen. Um Europas Zivilisation zu retten und „die menschlichen Opfer dieser Krise möglichst gering zu halten“, geht der Kapitalismuskritiker, wie er selber formuliert, „Bündnisse mit dem Teufel“ ein und tritt an, den Kapitalismus und die EU zu retten, die sonst so in sich zusammenfallen könnten wie einst die Sowjetunion. Dies macht er, indem er so tut, als hätten Markt und Bürokratie in Europa ein starkes Gegenüber, das sie in der Balance zu halten vermag: Ausgerechnet die Institutionen, von denen er meint, dass sie mit ihrer Austeritätspolitik derzeit zur Demütigung peripherer Nationen benutzt werden, sollen künftig die Solidarität und den Handlungsspielraum aller beteiligten Länder gewährleisten. Und das versuchte er den einschlägigen Gremien anzutragen, indem er so tat, als gebe es unter ihnen einen herrschaftsfreien Diskurs, als rede er als Gleicher zu Gleichen. Für Deutschland sieht er die Rolle des Hegemons vor, der den Rest des Kontinents zu den anstehenden Reformen hinführt.

Wie man weiß, sind alle diese Pläne nicht aufgegangen. Nicht nur, dass die zuständigen Institutionen weit davon entfernt sind, auf Varoufakis’ Vorschläge einzugehen; die Ideen schafften es noch nicht einmal, in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert zu werden. Das heutige Referendum erscheint da wie ein weiteres Als-ob: als Zuspitzung des Experiments, ob sich Europas Strukturen von der Peripherie her ändern lassen. Das ist unwahrscheinlich. Die große Versuchsanlage, als die die griechischen Rebellen Europa zu betrachten scheinen, steht bisher nur unbeachtet in den Hinterzimmern der Mächtigen herum, nicht auf den Marktplätzen des Kontinents, wo sie auf ihre ökonomische Tauglichkeit und politische Tragfähigkeit hin überprüft werden könnte.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Siemons, Mark
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot