Guttenwahn

Zwei Wochen deutsches Psychodrama

Von Nils Minkmar
06.03.2011
, 15:28
Intellektuelle und soziale Einsamkeit: Karl-Theodor zu Guttenberg
Es mussten nur die drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg knirschend aufeinandertreffen - und schon vernebelte sich die öffentliche Diskussion. Erschreckend, wie instabil die deutsche Normalität ist.
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In der französischen Bourgeoisie kennt man die „bouffée délirante aiguë“, eine zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns, die diskret in idyllisch gelegenen Spezialkliniken auskuriert wird. Danach geht selbstverständlich alles weiter wie immer. So etwas hatten wir gerade: Politik, Medien, Öffentlichkeit - zwei Wochen währte unsere BDA. Und noch immer erscheinen, wenn man die Augen schließt, eine dunkle Gelfrisur und diese Brille.

Manche leiden länger: Gestern noch forderte Ernst Elitz im Fanzine Guttenbergs, der „Bild“-Zeitung, Gerechtigkeit für sein Idol, weil ja auch Ostdeutsche den Doktortitel führen, die über Marxismus promoviert haben, also „in Parteigewäsch“, wie Elitz wusste. Da wurde kurzerhand die moralische Benchmark für den einstigen Erneuerer der Wahrhaftigkeit bürgerlicher Politik auf das Level von Stasi-Unis gesenkt, als würde der Verweis auf den einen Missstand den anderen aufheben. Weiter fordert Elitz das Ende der innerparteilichen Intrige als Mittel der Politik - und warum nicht noch ein Pony für seine Tochter? Ganz offensichtlich laboriert der Mann noch am Guttenbergsyndrom herum.

Ohne die Wahnvorstellungen, die durch die psychisch schwer zu kompensierende Kollision der drei deutschen Heiligtümer Dissertation, Bayreuth und Karl-Theodor zu Guttenberg ausgelöst wurden, wäre die Sache schnell zu beenden gewesen. Guttenberg hat sich das Gerüst selbst gezimmert, in dem er nun verschwunden ist. Niemand konnte ihn retten, niemand hätte es vermocht, ihn zu stürzen. Es gab keine Krise mehr zu managen: Wer Guttenplag gelesen hatte und Deutschland kennt, wusste, dass Guttenbergs politische Karriere beendet ist. Man konnte nur zusehen.

Vorhaltungen wie aus einer amerikanischen Vorabendserie

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Und doch wuchs sich der nach den Worten Norbert Lammerts „deprimierend eindeutige“ Fall der plagiierten Dissertation zu einem wochenlangen Psychodrama aus. Dabei fiel auf, wie ratlos die Personen an der Spitze agieren, wie selbstbezüglich ihnen jede Kommunikation gerät, als würden sie nur zu Spiegelbildern und imaginierten Adressaten sprechen können und Taktiken und Strategien anwenden, die nur noch ihnen selbst einleuchten. Die Theorie der Kanzlerin zu den zwei Körpern des Karl-Theodor, also Doktor Guttenberg und Mister Minister, kann man nur als Symptom lesen. Sie hatte die Qualität der Statements von Bagdad Bob, Saddams letztem Sprecher, der den Untergang jener amerikanischen Truppen verkündete, die ihm gerade sein Ministerium wegbombten. Der Titel ist Teil des Namens, und der garantiert seit der frühen Neuzeit die Identität der Person mit sich selbst. Er bildet somit die Basis der persönlichen Ehre, und die lässt sich nicht teilen.

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In der Demokratie ist die Sprache das wichtigste Mittel der politischen Willensbildung, daher ist das Gesetzgebungsorgan nach dem Akt des Sprechens benannt. Es besteht also Grund zur Sorge, wenn die Abgeordneten, vor allem die der Opposition, ihren Auftrag zur Kontrolle der Exekutive schon deshalb nicht erfüllen können, weil ihnen schlicht kein gerader Satz gelingt. Wenige, präzise Fragen hätten gereicht: Welche Fehler haben Sie gemacht? Wie haben Sie die Arbeit geschrieben? Haben Sie, als Sie das erste druckfrische Exemplar in Händen hielten, den ersten Satz gelesen? Stattdessen gab es bescheuerte Anredespielchen und moralische Vorhaltungen wie aus einer amerikanischen Vorabendserie.

Doch auch viele Journalisten verzagten gleich zu Beginn. In der ersten „Hart aber fair“-Sendung zum Thema, als sich noch kaum ein normaler Arbeitnehmer mit der Sache befasst haben konnte, jubilierte Frank Plasberg geradezu über die Impotenz der investigativen Journalisten, die gegen einen Guttenberg und Infratest-Dimap nichts vermögen. Dabei hatten die Bundesbürger - ob repräsentativ ausgewählt oder nicht - in diesem Fall nichts zu entscheiden, Guttenberg stand ja nicht zur Wahl, also hat sich die Frage nur für das Umfrageinstitut gestellt, sonst aber nirgends. Überdies handelte es sich im Fall seines Prüfungsbetrugs um eine objektive moralische Verfehlung, die nicht Gegenstand einer Abstimmung zu sein hat. Schwer nachzuvollziehen war auch die Linie der an den Universitäten so präsenten Wochenzeitung „Die Zeit“, die einen vollendeten Promotionsbetrug unter der Willy-Millowitsch-Kategorie „Wir sind alle kleine Sünderlein“ verbuchen wollte, vergleichbar dem im Leitzordner versteckten Eierlikör. Es war überhaupt viel publizistischer Selbsthass zu spüren und eine Art Depression, als ob die eigene Überzeugung doch nichts zähle angesichts der guten Werte des Ministers. Als Leser erkannte man: Große Nähe zu großen Tieren weitet nicht den Horizont.

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Warum redet in der deutschen Politik niemand wie ein Erwachsener?

Die große Popularität Guttenbergs schüchterte Journalisten ein. Seine Beliebtheit hat ihn isoliert. Am dunkelsten war es daher in den beiden Wochen der hellen Aufregung bei ihm selbst. Seine Auftritte zeugten vor allem von großer intellektueller, vielleicht auch sozialer Einsamkeit. Nur im suggestiven Selbstgespräch konnte er gehofft haben, durch den spontihaften Verweis auf seine Überlastung „als junger Familienvater“ glaubwürdig zu bleiben, oder gar im Amt. Damit hat er sich den lebenslangen Zorn der Doktoranden zugezogen, denn alle versuchen die „Quadratur des Kreises“, würden aber nie eine synthetisch hergestellte Dissertation einreichen. Viele brechen die Promotion lieber ab.

Kompliziert wird es in Guttenbergs Sicht, weil er sich optimal und systemkonform verhalten hat - nur eben im falschen System. Guttenbergs Vorgehensweise ist in der Wissenschaft verwerflich, in der hohen Politik allerdings vorbildlich: Da ist das kunstfertige Nutzen fremden Wissens und der Ideen der anderen kein Plagiat, sondern Tugend. Für die Erfüllung seiner öffentlichen Rolle braucht jeder Politiker gute Autoren und Mitarbeiter, die in keiner Fußnote genannt werden. Die bedeutendsten Staatsmänner ließen ihre Bücher und Reden - nach ausführlichen Gesprächen - durch Personen ihres Vertrauens schreiben. Vor wenigen Wochen verstarb in Washington hochbetagt und hochgeehrt Ted Sorensen, Kennedys Redenschreiber. Mitterrand hatte Jacques Attali, Willy Brandt hatte Klaus Harpprecht - wechselseitige Erfolgsgeschichten sind damit verbunden. Doch die Mittel, die einem gewählten Politiker zur Verfügung stehen, müssen fürs allgemeine Wohl verwendet werden, eine Dissertation zählt nicht dazu. Wer diese Linie überfährt, diese Kategorienunterschiede verkennt, untergräbt das Leistungsprinzip und verfälscht die Chancengleichheit. Diesen Makel einen schlichten Fehler zu nennen und auf die Gnade des Bekenntnisses zu hoffen, nachdem die Schuld nachgewiesen wurde, das alles unterläuft nur einem, dem keiner mehr die Wahrheit sagt.

Es bleibt die Frage, die der Bayreuther Professor Oliver Lepsius stellte, der einem in diesen verrückten Wochen vorkommen konnte wie ein - eben wie ein Staatsrechtsprofessor auf einer LSD-Party. Lepsius leicht abwandelnd könnte man fragen: Wenn schon in diesem Fall niemand ein klares Wort wagt, wie verhält es sich dann in wichtigeren Fragen? Warum redet in der deutschen Politik niemand wie ein Erwachsener zu uns Erwachsenen?

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Denn das war in den beiden letzten Wochen, diesen los wochos des Wahnsinns, besonders auffällig: wie opak die Benutzeroberfläche zu wirken hat. Entweder geht es völlig in Ordnung, einen falschen Doktor im Kabinett zu haben, oder es ist eben direkt ein Nachfolger da und Themawechsel. Und die Opposition bietet auch keine weiterführenden oder riskanten Gedanken, bloß die Behauptung, alles werde anders, besser, billiger, wenn sie endlich dürfen. Bloß kein Zaudern und keine Suche und Reflexion, so scheint man in Berlin zu meinen, das erinnert die Leute an Weimar und dann gute Nacht.

Nikolaus Blome, der Chef der Berliner „Bild“-Büros, hat in seinem neuen, lesenswerten Buch „Der kleine Wählerhasser“ eine unheilvolle Dialektik beschrieben: Die Wähler sind enttäuscht, weil die Politiker nichts verändern, also wenden sie sich von den Wahlen und dem politischen Alltag ab. Demgegenüber wissen die Politikprofis, dass Reformfreude zu Wahlverlust führt. Sie haben dann Erfolg, wenn sie Kontinuität versprechen, egal wie - „Wegen neuer Schulden hat noch keiner eine Wahl verloren“, zitiert Blome eine Politikerweisheit. Karl-Theodor zu Guttenberg kommt auch darin vor, und obwohl Blome in den letzten Wochen so etwas wie Guttenbergs Anwalt in den Talkshows der Republik war, ist es ein skeptisches Porträt, unter anderem nennt er ihn „einen Spieler“ und jemanden, dem es gelingt, als ein sympathischer Seiteneinsteiger zu wirken, obwohl er nie einen anderen Beruf ausübte als den des Politikers. Guttenberg sollte das Buch in Berlin vorstellen, nun hat er abgesagt. Für die Rolle des Erneuerers fällt er dauerhaft aus, doch es muss sich etwas ändern. Diese Unfähigkeit, einen Skandal zu erkennen und entsprechend zu behandeln, die ideologisch gefestigte Verherrlichung des Status quo werden langsam unheimlich. Landet am kommenden Montag um neun ein Raumschiff im Tiergarten, so wäre es „längst erwartet“ worden und ein im interplanetaren Grenzverkehr „völlig normaler Vorgang“ und im Übrigen eine Angelegenheit des Berliner Senats, Grünflächenamt. So legt sich eine Depression über das Land, ein Burnout durch Langeweile; es wächst aber auch die Skepsis gegenüber einer nationalen Politik, die immer weniger im Griff hat. Je öfter die deutsche Normalität beschworen wird, desto mehr entgleitet sie und kehrt auch nicht zurück. Es findet bloß niemand die Worte, diese Lage zu beschreiben.

Man fühlt sich ins Westdeutschland des Jahres 1989 zurückversetzt, als die einen das Bicentenaire der Französischen Revolution feierten und die anderen daran werkelten, Kohl zu stürzen. Heute wie damals denkt man: Das Leben, die Geschichte sind woanders.

Quelle: F.A.S.
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