Zum Tod von Hardy Krüger

Einer unter Millionen

Von Claudius Seidl
20.01.2022
, 16:08
Hardy Krüger, Schauspieler in einer Szene des Durbridge-Krimis „Das Messer"
Video
Der Schauspieler, Autor und Regisseur Hardy Krüger ist gestorben. Er war mehr als nur ein Weltstar. Er war ein guter Mensch und ein anständiger Deutscher.
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Wer Hardy Krüger im Kino sah, vor allem in den nachdenklicheren Rollen; wer ihm später zuhörte, wenn er im Fernsehen von der Welt, wie er sie gesehen hatte, erzählte; wer seine Bücher las oder in den vielen Hörspielen, die er aufnahm, nur auf seine Stimme achtete – der konnte dabei nicht nur sehr viel über Hardy Krüger erfahren. Er lernte im Glücksfall auch etwas über sich selbst, über die eigene geistige und politische Herkunft – jedenfalls dann, wenn er oder sie von jenen Großvätern und Urgroßvätern abstammte, unter denen Hardy Krüger, geboren 1928 in Berlin, im Wedding, aufgewachsen war. Jenen Deutschen, die ihn erst in ein Nazi-Eliteinternat steckten und, als er sechzehn war, noch einzogen in die Waffen-SS. Jenen Deutschen also, denen Hardy Krüger widerstanden hat, was allein schon immer Grund genug war, ihn zu bewundern und zu verehren.

Es muss einer kein guter Mensch sein, damit er ein guter Schauspieler wird, und in der Geschichte dieser Kunst gehören Figuren wie Gustaf Gründgens und Heinrich George zu den interessanteren. Und vielleicht ist man ja nur im Nachhinein klüger, wenn man heute glaubt, in ihrem Spiel, ihren Filmen außer ihrem Können auch den Opportunismus und die moralische Indifferenz zu erkennen. Aber dass deren Gegenteil, ein anständiger Charakter nämlich und eine stabile Moral, im Kino geradezu zum Handwerkszeug eines Schauspielers werden können, glaubt man in jeder Szene, in der Hardy Krüger spielt, deutlich zu erkennen: Man gibt sein Herz nicht an der Garderobe ab, bevor man ein Filmset betritt, und die Bilder sind viel zu groß, die Kamera kommt viel zu nahe, als dass man eine Rolle allein mit Mimikry, Als-ob und gut trainierten Emotionssimulationen bewältigen könnte.

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Solche Blondheit, solche Geradlinigkeit

Und genau deshalb war Hardy Krüger im deutschen Nachkriegsfilm eine singuläre und zugleich widersprüchliche Figur. Die meisten dieser Filme waren ja nicht deshalb so flau und fast schon steril, weil Regisseure oder Kameraleute plötzlich ihr Handwerk verlernt hätten. Es lag an den Geschichten, die sie sich nicht zu erzählen trauten. Vor allem lag es aber an den Menschen, die sie bevölkerten. Es waren Männer, immer Männer, denen es nur aus einem Grund an Tiefe und an Stärke mangelte: Weil sie nichts so sehr zu fürchten hatten wie die Frage, wo sie vor zehn, fünfzehn Jahren gewesen waren. Und was sie dort getan und gesehen hatten.

Hardy Krüger war ein Held, er brauchte vor solchen Fragen keine Angst zu haben. Er war fünfzehn, als er für seinen ersten Film nicht gecastet, sondern geradezu rekrutiert wurde, aus der Ordensburg Sonthofen heraus, wohin die Eltern, überzeugte Nazis, ihren Sohn Eberhard geschickt hatten. Er sah jünger aus, und er schien mit seiner Blondheit und Geradlinigkeit perfekt hineinzupassen in das Jugenddrama „Junge Adler“, einen Film, dessen Zweck es war, Propaganda zu machen für die Hitlerjugend und den gnadenlosen nationalsozialistischen Drill.

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Das Drehbuch hatte Herbert Reinecker geschrieben, inszeniert wurde der Film von Alfred Weidenmann – das waren zwei Männer, die das Gegenteil von Hardy Krüger verkörperten. Sie machten nach dem Krieg einfach weiter, als hätten sie nichts gewusst, nichts gesehen, nichts gehört: von „Alibi“ (dem Drama, in dem Krüger eine mitreißende Rolle spielte) bis zur endlosen Serie „Derrick“.

Hardy Krüger, so hat er es später erzählt, hörte aber Hans Söhnker zu (dem Schauspieler, an den sich nur die Älteren erinnern werden), und Söhnker habe ihn mit der Wahrheit über den Nationalsozialismus konfrontiert. Dass das keine jener Geschichten war, mit denen so viele Deutsche dann später ihren Lebenslauf beschönigten, das erwies sich ein Jahr später, im Frühjahr 1945, als Hardy Krüger, sechzehnjährig, noch eingezogen wurde zur Waffen-SS. Er weigerte sich, auf amerikanische Soldaten zu schießen. Und wurde dafür zum Tod verurteilt. Es sei sein jugendliches, fast noch kindliches Aussehen gewesen, weshalb er dann doch begnadigt wurde, vermutete später Hardy Krüger, der immer klug genug war, seine Wirkung und sein Image auch zu reflektieren.

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Der Rest ist Schweigen

Und so stand dem Publikum in den Fünfzigerjahren dieser junge Mann vor Augen, ein Schauspieler, der ein stabiles Rückgrat mit in seine Rollen brachte und der sich deshalb eine andere Präsenz, eine lässigere Körperlichkeit, ein offeneres Lächeln leisten konnte als die steifen Figuren um ihn herum. Und der doch durch die meisten seiner Rollen auch eine gewisse Fremdheit, einen Hang zum Zögern, eine manchmal fast aufreizende Nachdenklichkeit trug. 1959, in Helmut Käutners „Hamlet“-Aktualisierung „Der Rest ist Schweigen“, spielte er John H. Claudius, den Erben einer Industriellendynastie, der nach dem Studium in Amerika zurück ins Ruhrgebiet kommt. Und dem man in jeder Szene glaubt, dass er nicht nur wegen der von Shakespeare geborgten Intrigen in diesem Land und unter diesen Leuten nicht mehr heimisch werden kann.

Das war Krügers eine Seite; die andere zeigte er 1961 in „Zwei unter Millionen“, einem der schönsten deutschen Nachkriegsfilme, von Victor Vicas und Wieland Liebske inszeniert, einer zarten, sehr welthaltigen, in den Straßen und Häusern Berlins nouvellevaguehaft inszenierten Liebesgeschichte zwischen Ost und West. Da war so viel Jugend, Schwung und Offenheit in seinem Spiel, dass man heute denkt, er hätte für den deutschen Film das werden können, was Belmondo für den französischen war, wenn es nur mehr von solchen deutschen Filmen gegeben hätte. Aber wie so oft in der deutschen Filmgeschichte war „Zwei unter Millionen“ ein Anfang – auf den dann kaum etwas folgte.

In einem Interview zu seinem neunzigsten Geburtstag hat Hardy Krüger erzählt, es sei ihm schon Anfang der Fünfziger sehr eng geworden im deutschen Film. Er sei also nach Paris gereist, um sich dort umzusehen – und es sei Yves Allégret gewesen, Filmregisseur und Neffe von André Gide, der ihn persönlich nach Hause geschickt habe. „Deutsche wie Sie hatten wir hier genug, zu Hunderttausenden, in grauer Uniform. Wir können Sie hier nicht brauchen, hauen Sie ab.“

In England, später in Amerika, hatte er mehr Erfolg. Und man ist noch heute versucht, die Kraft und den Eigensinn, mit dem er sich neben James Stewart (in „Der Flug des Phoenix“) oder John Wayne (in „Hatari“) behauptete, auf seine Haltung, seinen Charakter zurückzuführen. Und wenn man heute einen seiner schönsten Filme wiedersieht, das englische Weltkriegsdrama „Einer kam durch“, in dem Krüger einen guten Deutschen spielt, ist man sehr versöhnt mit dem Umstand, dass ein guter Deutscher die Rolle spielt.

Am Mittwoch ist Hardy Krüger in Palm Springs gestorben. 93 Jahre alt ist er geworden, wofür man auch im Publikum dankbar sein sollte. Nicht alle Guten sterben früh.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
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