Heinz Strunk über Botho Strauß

Der Unverbundene

Von Heinz Strunk
06.04.2014
, 00:09
Durch Zufall stieß ich in einer Bücherhalle auf ihn, er traf mich mit voller Wucht. Seine Sätze hämmern, jagen, fiebern: Bitte lesen Sie Botho Strauß. Er ist der Autor meines Lebens.
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Anfang der achtziger Jahre, mit 22, 23, bin ich auf Botho Strauß gestoßen, als ich, wieder einmal auf der Suche nach neuer Lektüre, die Harburger Bücherhalle durchstöberte und mir, mehr oder weniger zufällig, das gerade erschienene „Paare, Passanten“ griff. Von diesem Buch, seinem bis heute wohl populärsten, hatte ich schon gehört; in einer Besprechung stand etwas von einem „intellektuellen Kultbuch der Linken“. Oder so ähnlich.

Ich schlug Seite 55 auf, die „Botschaft eines Kambodschaners an seine Frau, bevor er von den roten Khmer hingerichtet wurde“. Dieser gerade einmal zwanzig Zeilen lange Text traf mich mit einer Wucht, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte nicht geahnt, dass es so etwas gibt. Und nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, stand fest, dass ich fortan alles von Botho Strauß lesen würde.

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Es geschieht wohl nicht oft, dass ein Leser auf einen Autor trifft, bei dem er sich so umfassend wiederfindet und der ihn so tief berührt, wie Literatur es überhaupt nur vermag, aber eben das ist mir mit Botho Strauß passiert.

Atemlose, musikalische Prosa

Vor vielen Jahren, lange bevor ich mich selber in der Schriftstellerei versuchte, begann ich, meine Lieblingstexte von Botho Strauß zu sammeln und aneinanderzureihen, immer wieder neu zu gruppieren, versuchsweise zu einem Ganzen zu montieren. Das geschah absichtslos, nur für mich, mit Schere und Klebestift. Am Ende trug ich die Sammlung in den Copyshop: Es war eine, wie man sagen könnte, fragmentarisierte Auswahl geworden (wodurch sie sich auch von der 2012 von Thomas Hürlimann herausgegebenen ausgezeichneten Anthologie „Sie/Er“ unterscheidet).

Unmerklich steigerten sich in der Folgezeit bei jeder weiteren Fassung Taktung und Intensität, und mir war, als fügten sich die Texte von allein in eine zwingende Reihenfolge. Meine Auswahl ist darum weniger repräsentativ, vielmehr subjektiv und entspringt einer nunmehr fast dreißigjährigen Leseerfahrung.

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Das hängt auch damit zusammen, dass ich, von Haus aus Musiker, Botho Strauß als einen der musikalischsten Schriftsteller überhaupt empfinde, mit einem untrüglichen Gefühl für Komposition und Melodie, vor allem aber für den Rhythmus. Die Sätze hämmern, jagen, fiebern, verdichten sich, wie von einem imaginären Puls getrieben, zu atemloser Prosa, vergleichbar etwa den rasend schnellen Altoläufen eines Charlie Parker. Das verbrauchte Diktum „Kein Wort zu viel und keines zu wenig“ wird auf diese Weise bei Strauß auch klangliche Wahrheit.

Außergewöhnliche Dichte

2008 war ich endlich halbwegs zufrieden mit der Zusammenstellung. Ich ließ von der Zettelsammlung einige wenige Exemplare binden, um sie sehr ausgesuchten Freunden zu sehr speziellen Anlässen zu schenken. Ich war stolz darauf, als hätte ich sie selbst geschrieben. Noch einmal drei Jahre später habe ich das Konvolut meinem Verleger Alexander Fest gegeben, der daraufhin vorschlug, Kontakt zu Botho Strauß und zu dessen Verleger aufzunehmen.

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Mein Buch soll Strauß denjenigen nahebringen, die nichts oder so gut wie nichts von ihm gelesen haben, gerüchteweise der Meinung sind, er sei zu kompliziert, elitär, anstrengend - eben langweilige Hochliteratur?, oder denen er seit dem „Anschwellenden Bocksgesang“ als Repräsentant einer neuen Rechten verdächtig ist.

Heinz Strunk hat Texte von Botho Strauß in einer Anthologie zusammengefasst.
Heinz Strunk hat Texte von Botho Strauß in einer Anthologie zusammengefasst. Bild: dpa

Denn diesen Schriftsteller kann man tatsächlich nur durch ein Buch kennenlernen: Strauß, ein, wie er sich selbst bezeichnet, „Unverbundener“, der seit vielen Jahren zurückgezogen in der Uckermark unweit der polnischen Grenze lebt, gehört einem nahezu ausgestorbenen Intellektuellentypus an. Niemals lässt er sich in Talkshows befragen, er gibt so gut wie keine Interviews und würde auch sonst keine der Dummerhaftigkeiten mitmachen, zu denen wir uns alle verleiten lassen, um unsere Arbeiten zu verbreiten.

Man kann meine Sammlung zur Hand nehmen, ein paar Seiten lesen, sie dann wieder weglegen; ob sie sich dazu eignet, im Ganzen gelesen zu werden, in ihrer außergewöhnlichen Dichte, kann ich nicht sagen. Meine eigene Wahrnehmung ist, dass die Texte nachhaltiger wirken, wenn man sie sich in nur geringen Dosen zuführt. In den Lesepausen stellen sich dann Verstrebungen her, unterschwellige Verknüpfungen, die sich zu einer einzigartigen Gesamtstimmung, zu einem - für mich - großen Gesamtbild fügen.

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Zwischen Märchen, Horror und Wahrheit

Und was sind die verbindenden Züge? Da ist Strauß’ Liebe zum Phantastischen, Märchenhaften, mit ihren unzähligen Chiffren und Symbolen: ein von Schachtelmenschen bevölkerter Bauernschrank; ein Dialog zwischen Grill und ausgespucktem Kaugummi; ein Einsamer, der von den vermeintlich hunderttausend Grobianen (in Wahrheit sind es nur einhundertdreißig) besucht wird, die ihm das Leben schwermachten; Bernd, der sich in eine Bäumin verliebt, und die Händlerin auf der hohen Kante, die sich eines Morgens Hunderte Meter über den Dächern der Stadt schwebend wiederfindet.

Von hier ist es nur ein Schritt zu Albtraum, Horror und grenzenlosem Schrecken: ein sich vom Vielfraß zu einem einzigen totalen Rachen, dem Maul der Mäuler wandelnder Gast; der auf Däumlingsgröße schrumpfende Franz K.; der Hintermann im Kino, der sich als der erste Unheilsbringer, der „Verderber der Lebensfrühe“, entpuppt; ein Mann, der seine Frau nur wegen des verlorenen Haustürschlüssels durch die Stäbe eines verschlossenen Tores quetscht; der scheinbar tote Patient im Krankenhaus, dem das Leinen schon über das Gesicht geschlagen ist und der sich in das Tuch festgebissen hat, um es vom Gesicht zu ziehen - eine Leiche mit weiterfressendem Mund. Und die Geschichte des in sein Haus zurückgestopften Jägers, der, über Stufen der Gierverwandlung bis an die Grenze der Entartung gelangt, den Gipfel der Verformung überschreitet.

Und da ist Botho Strauß, der Gegenwartschronist, befähigt wie kein Zweiter, in beispielloser Genauigkeit die Kriechmenschen, furchtbaren Mischwesen, nur flüchtig Skizzierten, grässlichen Schwärme, Debilen, Entstellten, Unfallfreaks zu betrachten, Menschenschicksale in einem Moment der Wahrheit festzuhalten, zugleich aber, jenseits der Extreme, über Sinnlichkeit, Begehren, Sexus, Männer und Frauen zu schreiben, wie es in unserer Sprache vor ihm nicht möglich war.

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Erwähnen möchte ich aber auch, dass mir einige Texte bis heute ein Rätsel geblieben sind. Auch nach wiederholten Versuchen hab ich’s nicht kapiert. Ein Grund mehr, dranzubleiben und es von Zeit zu Zeit wieder zu versuchen. Es ist ja auch ganz schön, wenn ein paar Geheimnisse bleiben.

Strauß’ Prosa ist erschütternd und beglückend, und bei all ihrem Gewicht an den entscheidenden Stellen von einer Einfachheit, die erst ein Meister erlangt. Ich kenne keinen, der ihm gleichkommt. Botho Strauß ist der Autor meines Lebens.

Der Schriftsteller Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) hat Texte von Botho Strauß in einer Anthologie versammelt, dieser Text ist das Nachwort daraus. „Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger“ erscheint in dieser Woche im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag (256 Seiten, 9,99 Euro).

Quelle: F.A.S.
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