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Helmut Newton

Die nackte Frau bin ich

Von Ingeborg Harms
 - 11:07
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Weil seine Mutter ihn und das Kindermädchen zum Mittagsbrot täglich und bei jedem noch so grauen Berliner Wetter zwei Stunden spazieren schickte, hatte Helmut Newton vom Winter genug. Er und seine Frau June zogen 1981 nach Monte Carlo, wo sie vor ihrem Strandzelt im Beach-Club noch im Oktober in der Sonne sitzen konnten, das Wasser warm blieb und Newton abends von seiner Hochhausterrasse aus einsame Schiffe und das Mondlicht auf den Wellen knipsen konnte.

Was in diesen Seebildern vom Romantiker Caspar David Friedrich steckte, war ihm gerade recht. Newton verlieh der satten Glamourwelt des Südens einen Hauch von preußischem Existentialismus, im Paradies der Reichen entdeckte er den Tod. Der erschien ihm in der Geisterstunde, wenn die Gäste abgelegener Luxushotels und -villen schlafen gingen, er die Salontüren verriegelte und mit den Models, die tagsüber Kleider von Chanel und Yves Saint Laurent vorgeführt hatten, Scharaden der Blöße inszenierte, verstörende Szenen der Unterwerfung und Domination. Reckten sich nackte lange Glieder - das Kapital der schönen Frau - in erstarrten Posen der Selbstverteidigung. Die Männer in dieser Albtraumwelt waren immer korrekt gekleidet, hoffnungslos eingepanzert, überfordert und bis aufs Blut gereizt, von der explosiven Präsenz der weiblichen Sexualität, deren Macht im Maße ihrer Ausgeliefertheit zunahm.

„Nordfleisch“

Begeistert berichtet Newton im Vorwort zu seinem Photoband "White Women" (1976) von einer Leuchtreklame, die er einmal auf dem Weg zum Berliner Flughafen entdeckte: "Nordfleisch", las er in fahlen Neonlettern an einer Hauswand und erkannte in diesem Wort die Essenz der Faszination, die der Frauenkörper auf ihn ausübte. Er war eine Ware, etwas krudes Materielles und besaß zugleich eine irreduzible Poesie.

Nach dieser Poesie war Newton auf der Suche, seit ihn eine Herzattacke Anfang der achtziger Jahre auf seine inneren Dämonen verwies. Die nackte Frau - ob in Biarritz oder Miami - war immer eine Gestalt, die aus der Kälte kam, eine Venus im Pelz und die Chiffre der Lebendigkeit, für die es kein Argument, keine Transzendenz, keine höhere Würde gibt als den Schock ihrer Erscheinung. Mit ihr stellte sich Helmut Newton dem Trauma seiner Vertreibung 1938 aus dem Nazideutschland, der Erfahrung der Vogelfreiheit, den Nächten, in denen er sich bei Berliner Freunden versteckte, während sein Vater, ein Berliner Kurzwarenfabrikant, bei der Gestapo einsaß.

Nur die Haut gerettet

Diese Wochen nach der Kristallnacht, als seine Mutter fieberhaft um die Ausreiseerlaubnis kämpfte, haben sich in sein Werk tief eingeschrieben. Newton wußte, was es heißt, seine Haut und nichts als sie zu retten. Er hat am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn der Körper zum einzigen Kapital wird. Flaubert vergleichbar, der im Skandalprozeß um sein populärstes Buch bekannte: "Madame Bovary, c'est moi", sagte auch Newton mit seinen Photos: "La femme nue c'est moi" - der weibliche Akt, das bin ich.

Er hat sich auf Stilettos, in einem Nonnengewand und nackt vor dem Spiegel abgelichtet. Die Empathie mit der condition feminine war immer präsent. Er erspürte das Männliche im Lustobjekt des Manns, seine Frauen waren Soldaten einer weltweiten Befreiungsarmee. "Sie beschützen mich", hat er von seinen "Big Nudes" (1982) gesagt, diesen Frauen, die lange vor Lara Croft in der unwiderstehlichen Form ihrer herrlichen Körper auf den Betrachter zumarschieren und die er "Sie kommen!" nannte, nach dem legendären Ruf, den ein deutscher Soldat in der Normandie ausgestoßen haben soll, als er die Armada der Alliierten am Horizont entdeckte.

Rätsel der Fleischlichkeit

Newton hat das Rätsel der Fleischlichkeit seither umkreist und sich selbst - verkabelt, an Maschinen angeschlossen - auf der Intensivstation photographiert: hilflos, aber nicht bestechlich, mit diesem alles durchdringenden Blick, der alles notiert und der Krise standhält. Er liebte Röntgenaufnahmen und hat teure Models vor den Durchleuchtungskasten gestellt, hypnotisiert von diesem Kippbild zwischen Schönheit und Tod, dem abrupten Bruch und der Unmöglichkeit, eins aus dem anderen abzuleiten.

Auf dem Weg durch eine Hotelküche registrierte er einmal, wie ein Küchenmädchen ein Huhn ausnahm, und bewahrte den Augenblick auf, um ihn für ein Schmuck-Shooting zu reproduzieren. Die Obszönität der Konfrontation des aufklaffenden Geflügels und der eleganten edelsteinberingten Hand, die in das blutig Fleisch fährt, das war Newtons Barock. Und es wundert nicht, daß in einer seiner jüngeren Ausstellungen: "Sex and Landscape", auch das Photo eines finsteren Schnitters dabei ist, der im Zwielicht sein Korn mäht.

„Ich liebe Albträume“

In einem Photoband, den Newton zugunsten von Amnesty International zusammenstellte, bemerkt er, daß ihn ein Journalist einmal mit einer Spinne verglich: Das Bild gefiel ihm. In seinem Living room in Monte Carlo hängt sogar eine überdimensionale Spinnenplastik an der Wand. Wie eine Spinne bereitete er sein Netz vor, wenn er ein Photo einfangen wollte. Er erkundigte sich nach der Lokalität, informierte sich über die Halbwelt der Stadt, in der er aktiv werden wollte, konsultierte sein Notizbuch, hatte die Szenerie im Kopf, bevor er zur Tat schritt. Aus Angstträumen, die er wie der Große Pan in monegassischen Mittagsstunden träumte, rekrutierte er seine Bildvisionen. "Ich liebe Albträume", gab er zu Protokoll.

Es ist vielleicht nicht zu weit hergeholt, in seinem photographischen Werk auch die kathartische Funktion zu sehen. Seine Termine waren Duelle mit dem Nichtdarstellbaren. Schnell und schmerzlos schoß er sich frei. In diesem Zusammenhang verwies er kokett auf seine verzärtelte Kindheit, der er den Hang zum Überdruß verdankte, und behauptete, daß er sich bald langweilte, sich seine Konzentration nicht lange aufrechterhalten ließ. "Ich schieße aus der Hüfte", deklarierte er im Westernjargon.

Dickköpfig und unberechenbar

Wie die Outlaws der Howard-Hawks-Welt war er von imponierender Gelassenheit: "stubborn" auch, dickköpfig, eigenwillig und unberechenbar, doch zugleich besaß er eine Gutmütigkeit, fast Leutseeligkeit, wie man sie aus alten Römerfilmen kennt, eine weiche Männlichkeit, die bezauberte, eine Kindlichkeit, die enthusiastische Pirouetten drehte. Stolz führte er seine rotrandige Kassenbrille vor, die er für fünfzehn Euro in Berlin erstanden hatte. Die Verkäuferin war ihm entgeistert nachgelaufen, als eine Kollegin ihr anvertraute, wen sie da bediente. Er liebte die einfachen Dinge und hat die Mentalität eines Mannes, der nur mit einem schmalen Koffer in die Welt auszog, nie abgelegt.

Wenn er in Berlin war, aß er in der Eckkneipe "Diener" Bockwurst und Kartoffelsalat. Wie ein Schneekönig freute er sich über das Preußische Casino am Zoo, dem er sein Photoarchiv im letzten Jahr vermachte. Er erzählte jedem, daß es das letzte Gebäude gewesen war, das er mit achtzehn in seiner Heimatstadt vor Augen gehabt hatte, als er den Zug Richtung Singapur bestieg.

„I like what I see“

Von Singapur ging es nach Australien, wo er als unerwünschter Einwanderer zunächst interniert wurde, dann ein Photostudio in Melbourne betrieb. Dort lernte er June Brown kennen, die als Alice Springs bekannt gewordene Photographin, mit der er 55 Jahre verheiratet war. Als das Paar im vergangenen Dezember seine allwinterliche Kalifornienreise plante, war June Newton besorgt, daß sich ihr Mann auf der langen Flugreise mit dem Grippevirus infizieren könnte. Er protestierte: "Ich will hier weg, es ist zu kalt in Monte Carlo!" Tatsächlich war es warm, 18 Grad. Der künstliche Schnee auf den Blumenrabatten vor dem Casino funkelte absurd in der Sonne.

Nun ist Newton in Hollywood durch einen Kontrollverlust über sein Auto - ein Cadillac, heißt es - gestorben. Es ist der Tod des James Dean, und für-immer-jung war auch Helmut Newton, fast ein Dorian Gray seines Fachs. Bei einem Abendessen im Berliner Kempinski-Hotel im vergangenen Sommer sah er in eine Spiegelkonsole und sagte so sachlich und selbstversunken, wie es nur der Meister des bedingungslosen Wachtraums vermochte: "I like what I see."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.01.2004, Nr. 4 / Seite 21
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