<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Grammatische Vielfalt

Der Evidential lässt dem Faktenzweifel keine Chance

Von Wolfgang Krischke
 - 10:12
Kleine Sprachgemeinschaften fördern oft die grammatische Komplexität. Im nördlichen Kaukasus findet sich besonders variantenreiche Sprachen.

Gott schuf weniger Sprachen als Völker, deshalb mussten sich mehrere Völker jeweils eine Sprache teilen. Die schwierigste von allen blieb übrig, denn niemand wollte sie haben. So wurde sie schließlich dem kleinsten Volk auf Erden zugeteilt, den etwa tausend Bewohnern von Artschi, einer Ansammlung von Dörfern im Norden des Kaukasus, die heute zur russischen Teilrepublik Dagestan gehören.

Diese Alternative zum babylonischen Turmbau erzählten die Leute von Artschi dem russischen General Peter von Uslar, der in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die zerklüfteten Landschaften des Kaukasus bereiste, um seine Sprachen zu erforschen. Der deutschstämmige Pionier der Ethnolinguistik traf in Artschi auf Menschen, die auf ihre zurückgezogene Lebensweise ebenso stolz waren wie auf ihre schwierige Sprache. Die fasziniert Linguisten auch heute noch, denn tatsächlich zählt sie wegen ihrer enorm verschachtelten Flexionsmuster und Wortbildungsregeln zu den kompliziertesten der Welt und übertrifft das angeblich ja so schwere Deutsch bei weitem.

Es ist vor allem die Morphologie, die Konjugationen, Deklinationen und Wortbildungsregeln, die eine Sprache kompliziert machen kann. Sie spielt in Sprachen wie dem Artschinischen eine besonders wichtige Rolle, denn deren Grammatik funktioniert nach dem Muster des Zauberworts „Mutabor“, mit dem sich der märchenhafte Kalif in einen Storch verwandelt. In dem einen lateinischen Wort stecken gleich vier deutsche Ausdrücke: „Ich werde verwandelt werden“. Sprachen, die nach dem Mutabor-Prinzip arbeiten, packen möglichst viele Informationen wie Zeitstufen, logische Beziehungen und Möglichkeitsformen in die Silben und Endungen ihrer Wörter.

Schwindelerregende Kombinationen

Dabei schlägt Artschinisch das Lateinische um Längen. Das gilt nicht nur für die Substantive mit ihren fünfzehn Kasus, sondern erst recht für die Flexion des Verbs, das neben Zeitstufen, Singular und Plural auch die grammatischen Geschlechter und Kasus der Substantive berücksichtigt und zudem noch dreizehn Modusformen bildet. Zu denen gehören neben Indikativ, Konjunktiv und Imperativ auch Spezialitäten wie „Dubitativ“, „Admirativ“, „Reportativ“ oder „Evidential“, die Zweifel oder Überraschung ausdrücken und Selbsterlebtes von bloß Gehörtem unterscheiden. Die grammatische Kombinatorik ist schwindelerregend: Rein mathematisch lassen sich pro Verb eineinhalb Millionen mögliche Formen bilden. Das errechneten Linguisten der Universität von Surrey, die das Artschinische erforschen.

Ein Kontrastprogramm zum Artschinischen bildet das Riau-Indonesische, die Verkehrssprache für mehrere Millionen Menschen auf Sumatra. Ihre Grammatik ist eine der sparsamsten der Welt. So stellt der Satz „ayam makan“ die Wörter „Huhn“ und „essen“ schlicht nebeneinander. Ob jemand das Huhn isst oder ob es selbst isst, ob es um ein oder mehrere Tiere geht, ob das Ganze in der Gegenwart stattfindet oder schon Vergangenheit ist, all das ergibt sich nur aus dem Zusammenhang.

Trotzdem galt es unter Sprachwissenschaftlern lange als ausgemacht, dass unter dem Strich alle Sprachen der Erde gleich komplex seien. Das entsprang allerdings nicht empirischer Forschung, sondern dem gut gemeinten Wunsch, dem Klischee von den primitiven „Urwaldsprachen“ den Boden zu entziehen. Seit sich auch in der Öffentlichkeit herumgesprochen hat, dass es „im Urwald“ Sprachen gibt, die es grammatisch mit Sanskrit, Latein oder Griechisch durchaus aufnehmen können, hegt kaum noch jemand dieses Vorurteil. Aber auch das Dogma von der grammatischen Egalité hat ausgedient. Niemand bestreitet mehr, dass es Sprachen gibt, die auf allen Ebenen, von der Morphologie über den Satzbau bis zum Lautinventar, einfach gebaut sind.

Kleine Sprachgemeinschaften fördern die Komplexität

Das hat den Blick frei gemacht für die eigentlich interessanten Fragen: Warum überhaupt haben manche Sprachen extrem schwierige Regeln und andere ganz einfache, wenn ihr Zweck, die Verständigung, doch überall gleich ist? Und wo sind die Grenzen nach oben oder unten? Zu den Komplexitätsforschern der ersten Stunde gehört Johanna Nichols von der Universität Berkeley, die ihre Suche nach Antworten ebenfalls in den Kaukasus geführt hat. Neben Artschinisch gibt es dort noch andere Sprachen mit annähernd so komplizierten Strukturen. Fast alle, stellte Johanna Nichols fest, werden in abgeschiedenen Gegenden des Hochgebirges gesprochen.

Steigt man hingegen abwärts ins Flachland und in dichter bevölkerte Gegenden, ändert sich das Bild. Die dortigen Sprachen sind morphologisch einfacher. Johanna Nichols entdeckte Parallelen in anderen Weltregionen. So zum Beispiel in Südamerika, wo viele der schwierigsten Sprachen im Hochland der Anden beheimatet sind. Es ist freilich nicht die Höhenluft, die Konjugationen und Deklinationen sprießen lässt, denn auch geographisch ganz anders verortete Sprachen wie das Yagua im peruanischen Amazonas-Gebiet oder das Dalabon im australischen Arnhemland liegen im Spitzenbereich grammatischer Vertracktheit. Entscheidend ist vielmehr, was ihre Sprachgemeinschaften eint: Sie sind klein, leben abgeschieden und ihre Sprachen werden kaum je von Außenstehenden als Fremdsprachen gelernt. Das sind für den Soziolinguisten Peter Trudgill von der norwegischen Universität Agder entscheidende Faktoren.

Am reduziertesten sind die Strukturen der Pidgin- und Kreolsprachen, die sich als Kommunikationsmedien zwischen Menschen unterschiedlicher Muttersprachen herausgebildet haben. Aber auch die Größe der Sprache spielt eine Rolle. Die amerikanischen Sprachforscher Gary Lupian und Rick Dale fanden anhand von mehr als zweitausend Sprachen heraus, dass die Morphologie von Millionensprachen wie Deutsch, Englisch oder Chinesisch im statistischen Vergleich einfacher und regelmäßiger ist als die von Sprachen mit einigen Tausend oder gar nur wenigen Hundert Sprechern. In vielen großen Sprachen schreitet die Simplifizierung im Lauf der Zeit sogar fort. So spielte das Indogermanische mit seiner Grammatik einst in der ersten Komplexitätsliga. Seine Tochtersprachen haben einen großen Teil dieses Formenreichtums im Laufe der Jahrtausende eingebüßt.

Urbanisierung und grammatische Vereinfachung

Dass dieser Sprachwandel immer noch anhält, lässt sich auch im Deutschen beobachten, wo den Substantiven die Endungen abfallen und starke Verben schwach werden: Dem Kinde ist das e schon abhandengekommen, dem Bären passiert das gerade mit dem -en und wo man einst pflog, buk und focht, setzen sich pflegte, backte und fechtete durch. Unter den germanischen Sprachen ist das Englische auf dem Weg in die morphologische Vereinfachung am weitesten fortgeschritten. Die Sprache, die die Angelsachsen auf die Insel brachten, büßte im Munde der Kelten, Wikinger und Normannen viel von ihrer grammatischen Feinmechanik ein. Das Deutsche nimmt im germanischen Komplexitätsranking eine mittlere Position ein, während Isländisch und Färöisch von der einstigen Formenvielfalt am meisten bewahrt haben; beide Sprachen überdauerten die Jahrhunderte in relativer Abgeschiedenheit.

In kleinen, eng vernetzten Gemeinschaften halten sich morphologische Raffinessen nicht nur länger als in kontaktreichen, urbanisierten Gesellschaften. Es gibt dort sogar die Tendenz sie auszubauen: Immer mehr Informationen, die zuvor durch selbständige Wörter im Satz ausgedrückt wurden, gerinnen zu grammatischen Formen. Sie werden den noch verbleibenden Wörtern angelagert, deren Traglast dadurch immer größer wird. So etwas gibt es zwar auch in großen Sprachen. Doch Sprachen wie Artschinisch treiben dieses Prinzip ins Extrem. Möglich ist das wohl, weil sich die Mitglieder dieser engen Kommunikationsgemeinschaften in derselben Lebenswelt bewegen. Der gemeinsame Kontext minimiert die Gefahr von Missverständnissen, die mit solchen sprachlichen Verdichtungen einhergeht. „Ein kleiner Sprecherkreis, der täglich interagiert, kann sich wahrscheinlich mehr Komprimierung leisten als eine große Sprachgemeinschaft, deren Mitglieder über weite Entfernungen kommunizieren müssen und ein größeres Maß an grammatischer Transparenz brauchen, um die Informationen reibungslos dekodieren zu können“, sagt der Tübinger Linguist Christian Bentz, der in einem internationalen Forschungsprojekt den Einfluss der natürlichen und sozialer Umwelt auf die Entwicklung von Sprachen untersucht.

Bentz wollte wissen, in welcher Bandbreite sich morphologische Komplexität eigentlich bewegt, also wie kompliziert oder simpel Sprachen sein können. Dafür verglich er Bibelübersetzungen in über tausend Sprachen und untersuchte, wie sich dort der überall gleiche Inhalt auf die Wörter verteilt. Dabei zeigte sich erwartungsgemäß, dass die Zahl der Wörter zwischen den Übersetzungen stark variiert, was die grammatischen Unterschiede zwischen den Sprachen spiegelt. Doch wie Bentz herausfand, wird die informationstheoretisch mögliche Bandbreite von den Sprachen der Welt keineswegs voll ausgeschöpft.

Rein theoretisch wären noch viel simplere, aber auch bedeutend kompliziertere Sprachen als die real existierenden denkbar. Dass sich die Unterschiede so gesehen in einem relativ engen Korridor halten, liegt an zwei gegenläufigen Tendenzen: Der Wunsch, schon mit wenigen Worten viel Information möglichst differenziert zu übermitteln, treibt die morphologische Komplexität voran. Doch ginge die über ein bestimmtes Maß hinaus, wäre sie selbst für Muttersprachler nicht mehr zu handhaben.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenVielfaltKaukasus