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Ein Bildarchiv auf Twitter

Tante Inge war hier

Von Birte Förster
 - 14:47
Prost! (25. September 1977)

Ingeborg Loh (1926 bis 2019) aus Goldbach ist viel herumgekommen in ihrem Leben. Sie hat die Welt und die Region bereist, Familienfeiern und Freunde besucht, stets begleitet von ihrer Kamera. Auch Blumen mochte „Tante Inge“, wie der Twitter-Account heißt, auf dem man nun einem Teil der 16 000 Privatfotos begegnen kann, die sie ihrem Neffen Karsten Loh hinterließ.

Eine Zeitkapsel des privaten Lebens in der alten Bundesrepublik sind diese Fotos; zu sehen bekommt man den visuellen Nachlass einer Frau, über die man nicht mehr erfährt, als die von ihr selbst verfassten kurzen Legenden preisgeben. Ob man Tante Inge jemals selbst auf den Bildern sieht, kann man nur vermuten. Ist sie es, wenn eine Frau neben einer Palme auf der Insel Mainau namentlich nicht bezeichnet wird? Ihr Profilbild auf Twitter zeigt sie in karierter Bluse, in der Hand ihre Kamera. 1981 begegnet sie uns fotografierend, die Kamera vor das Gesicht haltend.

Der „Ausgangspunkt allen Historischen“, notierte der Düsseldorfer Frühneuzeithistoriker Achim Landwehr in seinem 2016 von Fischer gedruckten Essay „Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit“, ist „das, was übrig bleibt“. Vermutlich ist von Ingeborg Loh mehr „übrig“ als ihr fotografisches Archiv, aber öffentlich sichtbar wird sie außerhalb von Familie und Freundeskreis in diesen Bildern.

Wer ist Wally?

Sie ist zugleich anwesend und abwesend, denn trotz aller privaten Einblicke in dieses Leben wissen nur Eingeweihte, wer der Mann namens Wally sein könnte, der im September 1979 in Kanada ein Gleisarbeitsfahrzeug fotografiert. Wer aufmerksam mitliest, weiß immerhin: Wally war schon ein Jahr zuvor in Schloss Mespelbrunn, bekannt aus dem Film „Das Wirtshaus im Spessart“ mit Liselotte Pulver, und gehört wohl zu dem in Kanada lebenden Teil der Familie.

Der Twitter-Account @ingeborgloh (und sein Äquivalent auf Instagram) macht die Betrachter zu Historikerinnen, konfrontiert sie mit jener vierfachen Zeitlichkeit des historischen Materials, die Landwehr auffächert: Da sind der Zeitpunkt des Entstehens, der Zeitraum der Überlieferung mit unterschiedlicher Nutzung und Wahrnehmung, die Gegenwart, von der aus man auf die Bilder blickt, und die Wahrnehmung künftiger Betrachter, deren Standpunkt und Zeitkonzept wir heute nicht kennen.

Den Entstehungszeitpunkt der Bilder und damit die erste Zeitebene liefert „Tante Inge“ meistens mit – ihr Erinnerungsvermögen hat sich ihrem Neffen als Wille zur genauen Dokumentation vererbt. „Katze auf Mercedes, 9.10.1981“ heißt es da, oder „Irmgard und Hans im Wald bei Michelstadt, 1.1.73“. Eingefroren scheinen die Momente aus den Wohlstandsdekaden der Bundesrepublik: die Art zu feiern, Besuche von Familie wie Freunden und immer wieder Reisen.

Reisen auf die lange Tour

Jedes einzelne Foto hat seinen eigenen Überlieferungszeitraum. Was bisher ein Familienalbum war und vielleicht zu besonderen Gelegenheiten hervorgeholt und möglicherweise auch vergessen wurde, ist nun als visueller Nachlass öffentlich. Mit „Tante Inge“ gerät der subjektive Blick einer Frau, die zu Beginn der Bundesrepublik 23 Jahre alt war und angesichts ihrer vielen Reisen vermutlich in mindestens bescheidenem Wohlstand gelebt hat, an eine nun allen zugängliche Oberfläche. Mit der Kamera hielt sie fest, was ihr erinnernswert oder komisch erschien, was ihr außeralltäglich war wie Wüstenblumen und isländische Gletscher. Und wir schauen uns 2019 diese kleinen Zeitreisen an.

Nicht nur die Patina der Bilder – sie sind schwarz-weiß wie bunt, zuweilen rotstichig oder entsättigt, zu sehen sind vergangene Moden und unbekannte Fahrzeugmodelle – bringt die Gegenwart unserer Betrachtung mit anderen, vergangenen Zeitkonzepten in Berührung. Was machen die denn da? fragt man sich zuweilen, oder: Wie geht es weiter?

Manchmal deckt sich die eigene Erinnerung auch mit Tante Inges Bildern, wie bei ihrer Aufnahme des schottischen Küstenstädtchens Ullapool aus dem Jahr 1984. Dort sah es Anfang der neunziger Jahre noch genauso aus – oder ist es doch das ikonische Ullapool-Bild der Reiseführer, das man mit Tante Inges Aufnahme übereinanderlegt?

Nachgeholte Doppelbelichtung

Auf Twitter reagieren Nutzer mit eigenen Bildern der gleichen Szene, sie ergänzen Informationen, erkennen Personen oder halten die Bedeutung des Bilddatums für ihr eigenes Leben fest. Wegen der allmählichen Veröffentlichung der Fotos und Bildunterschriften ist der Feed wie ein Puzzlespiel, denn vielleicht erfahren wir schon übermorgen, wer Wally denn nun ist.

„Unter zeittheoretischer Perspektive bleibt sich das Material also nie gleich, auch wenn es seine äußere Gestalt beibehält.“ Was Landwehr schreibt, lässt sich auf „Tante Inge“ übertragen: Die Leerstellen der Bilder füllt jede Rezipientin anders, jeder Betrachter setzt die eigene Zeitwahrnehmung mit ihnen in Bezug, und so setzen Ingeborg Lohs Aufnahmen Myriaden von kleinen Erzählungen in Gang. Künftige Betrachter werden diese Leerstellen anders füllen als jene des Jahres 2019, sie werden die Geschichte, die „Tante Inge“ uns in einzelnen Teilen liefert, anders lesen, kombinieren und erzählen.

Ingeborg Loh wollte ihr Tun wohl auch weitergeben: Am 7. Mai 1972 knipst die vielleicht sechsjährige Susan im Garten einen Dackel, wie man auf dem ersten Foto auf @ingeborgloh vom 19. Mai 2019 sehen kann.

Quelle: F.A.Z.
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