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Traumaforschung

Erinnerung, die nicht vergehen will

Von Diba Shokri
 - 10:30

Am 18. August 1980 schickt ein zwanzig Jahre alter Medizinstudent eine Postkarte an seine Eltern in Halle an der Saale: „Das Leben ist herrlich.“ In Budapest freut er sich, Freuds „Traumdeutung“ kaufen zu können. An der ungarischen Grenze zu Österreich von einem Grenzposten kontrolliert, schreibt er in sein Reisetagebuch: „Nun werde ich also noch nicht in den Westen abhauen.“ Seine Aufzeichnungen dieses Sommers, in dem er Polen, die heutige Ukraine, Ungarn bereist, enden mit dem Eintrag: „Immer noch gibt es welche, die so reden, als ob wir eines Tages im kommunistischen Schlaraffenland leben. Ich weiß wirklich nicht, was man tun kann und muss.“

Im Juli 1980 tagt in Leipzig der zwölfte Internationale Kongress für Psychologie, mit viertausend Teilnehmern eine der größten wissenschaftlichen Veranstaltungen in der DDR. Der Lehrstuhl für sogenannte Operative Psychologie an der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit existiert da bereits seit fünfzehn Jahren. In einem anderen Quartheft aus dieser Zeit sammelt der Student Passagen aus Büchern abseits der Parteilinie, die er auf Schmuggelwegen erbeutet hat. Dazwischen verstreut ein paar Verse von Heine: „Die Konterbande, die mit mir reist, / Die hab’ ich im Kopfe stecken.“

1986 wird der Student an der Humboldt-Universität zu Berlin in Medizin promoviert, approbiert und schließt auch sein Psychologiestudium ab. Mit 26 wird er Assistenzarzt am psychiatrischen Ost-Berliner Großkrankenhaus Wilhelm-Griesinger. 1987 reist er wieder nach Budapest, zur ersten (und einzigen) Psychoanalyse-Tagung im Ostblock, die ihn intellektuell ernüchtert. Im Oktober 1988 versucht er DDR-Flucht. Wird im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen wegen „versuchter rechtswidriger Nichtrückkehr in schwerem Fall“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sitzt über zehn Monate in einer Zwölf-Mann-Zelle. Hält dort in einem Nebengelass psychotherapeutische Sitzungen für Mitgefangene ab. An einem goldenen Herbstnachmittag sitzt Andreas Maercker, der Student von damals, als Fellow im Wissenschaftskolleg zu Berlin. Über seine fesselnde Lebensgeschichte verliert er da kaum ein Wort. Aber er hat darüber geschrieben hat: in einem Blog, als kleine Ethnographie des Eigenen.

Geschärfter Blick für die individualistische Psychologie

Maerckers persönliche Geschichte hat auf seine wissenschaftliche Laufbahn abgefärbt. Als er sich 1989 im geeinten Berlin in seine Arbeit als Postdoc-Stipendiat am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung stürzt, ist das Thema „Trauma“ eine Neuerscheinung. Heute, fast dreißig Jahre später, ist es aus der Psychologie nicht mehr wegzudenken. Das ist auch das Verdienst von Andreas Maercker, der an der Universität Zürich heute sowohl den Forschungsschwerpunkt Psychopathologie mit Schwerpunkt „Stress- und Traumafolgestörungen“ als auch das Behandlungszentrum „Trauma und Trauer“ leitet. 2015 hat er innerhalb der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ auch eine Kommission zur Aufarbeitung der Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR ins Leben gerufen.

Die Erfahrung des politischen Systemwandels hat Maerckers Blick für den individualistischen Zuschnitt der großen, nur dem Anschein nach universellen Nomenklatur der „westlichen“ Psychologie geschärft. Das von ihm geleitete internationale Team zur Revision der Stress- und Traumafolgestörungen in der elften Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD-11, hat seine Arbeit mit Veröffentlichung des Entwurfs im Juni dieses Jahres eingestellt. 2022 soll die neue Mammut-Taxonomie der Weltgesundheitsorganisation in Kraft treten. „Drei sehr intensive Jahre“ hat Maercker mit acht Fachkollegen und einigen NGO-Mitgliedern mitgeschrieben an jener neuen Lingua franca für Mediziner, Pflegekräfte, Gesundheitsökonomen und Politiker, die für die kommenden Jahrzehnte reglementieren soll, was psychisch krank ist und was nicht. Gerade hat sich das gesamte ICD-Gefüge wieder verschoben. Man kann und muss den Index auch kulturhistorisch und weltpolitisch lesen.

Die vielleicht prominenteste Diagnose der Gruppe Stress- und Traumafolgestörungen, die Posttraumatische Belastungsstörung, ist fortan enger gefasst: Flashbacks, Momente des überwältigenden Wiedererlebens, müssen aufweisbar sein. Sogenannte Nachhallerinnerungen, wie sehr oft sehr traurig denken müssen an das, was passiert ist, reichen für eine Diagnose nicht mehr aus. Grundsätzlich gilt nach wie vor: Während des Traumas ereignet sich eine extreme Verengung der Aufmerksamkeit, die sich auf den Kern dessen, was das Trauma ausmacht, richtet und das Gedächtnis besetzt. Sind Traumaüberlebende also zuverlässige Zeugen? Dazu sagt Maercker: „Dass viele Traumatisierte zum Beispiel nicht sagen können, wo genau das Trauma stattgefunden hat oder wie alt der Aggressor gewesen ist, kann auf Zuhörer befremdlich wirken. Retrospektive Verfälschungen des Erlebten sind allerdings ganz selten. Man kann sagen, es findet eine Selektion statt, bei der das Wesentliche übrig bleibt.“

Neben der Posttraumatischen Belatungsstörung steht nun die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, deren Vorläuferin, die Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung, noch in der ICD-10 beinahe als Holocaust Survivor Syndrome geführt worden wäre. Im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5, sagt Maercker, taucht dieser Symptomkomplex wohl auch deswegen nicht auf, weil dadurch Ansprüche, zum Beispiel von Kriegsveteranen, auf höhere Entschädigungszahlungen legitimiert würden.

Dringender als diese Unterscheidung hätten einige Kollegen seiner Arbeitsgruppe eine andere Abgrenzung gefunden: die von Posttraumatischen Belastungsstörungen einerseits und einer neuen Kontinuierlichen Traumastörung, ohne post, ohne ein Danach. „Letztere hätte beschrieben wie es Menschen geht, die anhaltend unter traumatisierenden Bedingungen leben, zum Beispiel in Bürgerkriegs- oder in hochkriminalisierten Regionen mit Bandenkriegen.“ Mit dem Einwand, dass es dazu noch zu wenig Forschung gebe, wurde diese Störung am Ende nicht aufgenommen, obwohl sie für die Bewertung von Flucht und Migration erkenntnisreich wäre.

Wieder eine andere neu definierte Diagnose, die Anhaltende Trauerstörung, ist nun schon sechs Monate nach dem Tod einer nahestehenden Person diagnostizierbar, also noch innerhalb des in Deutschland kultur- und rechtshistorisch einflussreichen Ritus Trauerjahr. Nicht in die ICD geschafft hat es dagegen der Burnout. „So weit reicht der Einfluss des ,Westens‘ dann doch nicht“, sagt Maercker. Ebensowenig die „Posttraumatische Verbitterungsstörung“, die 2003 erstmals von einem in der Bundesrepublik sozialisierten Psychiater auf der Basis autobiographischer Erzählungen ehemaliger DDR-Bürger aus den neunziger Jahren vorgeschlagen worden war. In Deutschland wurde die Empfehlung dieser Diagnose dafür kritisiert, „weitverbreitete Verhaltensweisen in Störungen zu verwandeln“, den „Alltag“ zu pathologisieren. Der bemerkenswerte Vermerk zu ihrer Ablehnung im neuen ICD lautet nun: In einigen Ländern der Welt hätte sie wohl bei einem großen Teil der Allgemeinheit diagnostiziert werden müssen.

Ist es grundsätzlich kein Problem, dass die ICD nach individualistischem Muster bestimmt, was krank und was gesund ist? Dass gesellschaftliche Probleme in die Psychopathologie verschoben werden? Dazu sagt Maercker: „Eine individualpsychologische Betrachtungsweise schließt komplementäre Perspektiven nicht aus, im Gegenteil: Psychopathologie ist immer bio-psycho-sozial und politisch.“ Deshalb möchte Maercker die Trauma-Forschung weiter für kulturelle Prozesse öffnen und „westliche“ Traumamodelle und ihre Therapie-Ansätze dadurch ergänzen. Denn die Vorstellungen über das Entstehen eines Traumas, die sprachlichen Ausdrücke, die dafür bereitstehen, und die in einer Gesellschaft dafür vorgesehenen Muster des Empfindens und Verhaltens nehmen wesentlichen Einfluss auf den Heilungsprozess.

Abschied vom Trauma als absoluter Metapher

Noch steckt die klinische Kulturpsychologie allerdings in den Kinderschuhen. Maerckers begrifflicher Ansatz am Wissenschaftskolleg ist „Fatalismus“, also das Sich-Ergeben in eine als unabänderlich hingenommene Macht. Neben Datensätzen aus der Schweiz, Deutschland, Nigeria, Kenia, Ghana und Mexiko wertet seine Forschungsgruppe Gespräche mit Betroffenen aus, in denen sich zwei erste Eindrücke abzeichnen. Zum einen sei Fatalismus in Deutschland und in der Schweiz wirkmächtiger als gemeinhin angenommen. Zum anderen würden überwältigende Erfahrungen, die hier „traumatisch“ genannt, also in Analogie zur körperlichen Wunde gedacht würden, in den anderen Kulturen grundlegend anders beschrieben. Beispielsweise als Bruch oder als unablässiges Reagieren des eigenen Körpers.

Die unscharfe Grenze zwischen kultureller Prägung der Psyche und menschlichem Universalismus wird damit neu gezogen. In der Psychotraumatologie ist mit dem Abschied von „Trauma“ als absoluter Metapher für ein Leiden mit vielen Gesichtern vielleicht ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Quelle: F.A.Z.
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