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Der Neozionismus

Ohne die Bibel sind wir Kolonialisten

Von Joseph Croitoru
 - 14:30

Als der israelische Soziologe Uri Ram 2005 den „Neo-Zionismus“ als Gegentrend zu dem damals schon länger diskutierten staatskritischen „Post-Zionismus“ ausmachte, stieß er eine Debatte an, die unter Israel-Forschern noch heute geführt wird. Dabei scheint vergessen, dass Ram mit dem Begriff Neo-Zionismus ursprünglich nicht eine ganz neue, sondern eine schon länger zu beobachtende Tendenz gemeint hatte, deren spezifische Unterschiede zum „alten“ sogenannten Mainstream-Zionismus er damals allerdings nicht näher erläuterte.

Ram sprach von einem „ethnisch-rassistischen jüdischen Neo-Zionismus“ oder auch einem „lokalpatriotischen neo-zionistischen Ethno-Fundamentalismus“. Dem einen wie dem anderen sei ein „jüdischer Staat“ wichtiger als ein demokratischer, und mittlerweile hätten beide den „Ethno-Nationalismus als gemeinsame Basis der politischen Kultur Israels zu festigen vermocht“. Obwohl der Sozialwissenschaftler den Wettstreit zwischen Post- und Neo-Zionismus noch nicht für entschieden hielt, merkte er an, dass letzterer nur darauf warte, durch eine neue Runde israelisch-palästinensischer Feindseligkeiten entflammt zu werden, ja „vielleicht auf eine Gelegenheit, solche Feindseligkeiten selbst zu entflammen“ („Post-Zionist Studies of Israel – The First Decade“ in: Israel Studies Forum, Bd. 20, Heft 2, 2005).

Der Rechtsruck hält an

Uri Ram stellte diese Prognose vor dem Hintergrund des damals einsetzenden Rechtsrucks in der Politik des Landes, der bis heute anhält. Die schärfsten Kritiker dieser Entwicklung, für die sie insbesondere den langjährigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verantwortlich machen, deuten diesen Kurs auch als Folge des Erstarkens des neo-zionistischen Lagers.

Für andere Beobachter aber wie den Tel Aviver Professor für Politikwissenschaft Amal Jamal ist der Neo-Zionismus im Kern ein weit älteres Phänomen, das in der Sache schon immer Bestandteil des „klassischen“ Zionismus gewesen sei und – in seiner jüngeren radikalen Ausprägung – nicht nur dessen Verlängerung darstelle, sondern dessen eigentliche, lange verborgen gebliebene Essenz offenbare („Neo-Zionism and Palestine: The Unveiling of Settler-Colonial Practices in Mainstream Zionism“ in: Journal of Holy Land and Palestine Studies, Bd. 16, Heft 1, 2017 / Edinburgh University Press).

Als Beleg für seine These zeigt der israelische Druse Jamal, der 1996 an der FU Berlin mit einer Arbeit über die PLO promoviert wurde, Überschneidungen zwischen dem klassischen und dem neueren Zionismus in vier Diskursaspekten auf: die Auffassung von den Legitimationsquellen des Staates Israel, seinen territorialen Grenzen, den favorisierten Identitätsmerkmalen der israelischen Gesellschaft und dem erstrebten Charakter des Staates.

Auch die Säkularen brauchen Erez Israel

Amal Jamal stützt sich auf den Befund israelischer Historiker, dem zufolge auch säkulare Zionisten seit jeher die biblische Überlieferung als Begründung für das ewige Band zwischen dem jüdischen Volk und Erez Israel (Land Israel) anführen. Bei ihrem Rückgriff auf diese religiöse Legitimationsquelle unterscheiden sich laut dem Politikwissenschaftler Zionisten von Neo-Zionisten kaum – allenfalls darin, dass Letztere die Bibel vorzugsweise auch als Rechtfertigung für die Besiedlung des Westjordanlands bemühen. Für sie ist es genauso ein Teil des biblischen Erez Israel wie das israelische Kerngebiet.

Die biblisch gestützte Argumentation soll die Rückkehr der Juden in ihr angestammtes Land als historisch gerecht und somit auf keinen Fall als kolonialistisch erscheinen lassen. Mit den Worten des 2014 verstorbenen nationalreligiösen Publizisten Uri Elitzur – eines der Wortführer der Neo-Zionisten – ausgedrückt: „Ohne die biblische Erzählung sind wir nichts weiter als eine kolonialistische europäische Siedlungsbewegung.“

Auch den Drang zur ständigen Ausweitung des Territoriums und seiner Besiedlung betrachtet Jamal als Konstante sowohl der zionistischen wie der israelischen Geschichte. Sprachen die Zionisten anfangs von der „Erlösung des Bodens“, wurde dementsprechend der Terminus „Befreiungskrieg“ für den israelisch-arabischen Krieg von 1948 geprägt, der auf Kosten der Palästinenser den Israelis erhebliche territoriale Gewinne einbrachte.

Die Legende vom Pionier

Damit geht auch die ungebrochene Glorifizierung der Figur des Siedlers als heldenhafter Pionier und Wahrer der nationalen Sicherheit einher – dieses Image beanspruchen, so Jamal, neo-zionistische Siedler auch heute für sich. Wie die Zionisten seien auch sie von der Prämisse geleitet, dass das jüdische Volk als Einheit, wenngleich lange „außerhalb“ der Geschichte, nie aufgehört habe zu existieren und auch das einzige sei, das als Nation schon immer Anspruch auf das Land erhoben und diesen auch realisiert habe.

Aus Jamals Sicht führt dies unweigerlich in eine jüdisch-ethnische Exklusivität, die das konkurrierende Recht der palästinensischen Araber auf das Land leugne und sie als ein Hindernis für die jüdische „Rückkehr in die Geschichte“ betrachte. Folglich würden die Mehrheitsverhältnisse in Israel ausgenutzt, um innerhalb des demokratischen Systems die materiellen und institutionellen Privilegien der jüdischen Majorität rechtlich zu sichern.

Das Neue am „neo-zionistischen Zeitalter“ besteht in diesem Zusammenhang für Jamal nicht nur darin, dass die Zahl solcher gesetzgeberischer Maßnahmen in den letzten Jahren rasch gestiegenen sei. Auch werde damit das Ziel verfolgt, mit deklaratorischen Mitteln die jüdische Bevölkerung im israelischen Kernland, im besetzten Westjordanland und in der Diaspora zu einer Einheit zu verschmelzen.

Die Diaspora soll israelisch werden

Den neueren Datums stärker bekundeten Anspruch des israelischen Staates, im Namen aller Juden auf der Welt zu sprechen, identifiziert auch die in Amsterdam lehrende israelische Sozialwissenschaftlerin Hilla Dayan als Merkmal des Neo-Zionismus. Sie aber geht noch einen Schritt weiter und spricht von einer angestrebten „Israelisierung“ der Diaspora. Dabei würden jüdische – und vereinzelt auch von Exil-Israelis gegründete – Organisationen im Ausland, welche die israelische Palästinenserpolitik kritisierten und gemeinsam mit nichtjüdischen und palästinensischen Nichtregierungsorganisationen israelische Institutionen und Unternehmen boykottierten, aktiv bekämpft („Neozionism: Portrait of a Contemporary Hegemony“ in: Settler Colonial Studies, Bd. 9, Heft 1, 2019/Routledge).

Anders als der Politologe Jamal gelangt Hilla Dayan mit ihrem soziologischen Ansatz zu dem Schluss, dass die üblicherweise gezogene Dichotomie zwischen säkularen, heute in globalisierten Wirtschaftssystemen agierenden „Alt“-Zionisten und nationalreligiös-messianischen Neo-Zionisten nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Die Siedler hätten die neoliberale Haltung der weltlichen Elite Israels längst verinnerlicht und diese, die ja auf ihre Weise von der Entwicklung der Wirtschaft in den jüdischen Siedlungen im Westjordanland profitiere, zu ihrer Verbündeten gemacht. Allerdings bezweifelt die Soziologin, dass dieses Bündnis lange halten wird. Denn in der breiteren Bevölkerung, so will Hilla Dayan beobachtet haben, wachse der Widerstand gegen die neoliberale Politik der Regierung Netanjahu kontinuierlich.

Quelle: F.A.Z.
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