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Theorie des Schwindels

Die bitteren Tränen der Leser James Freys

Von Johannes Franzen
 - 14:38
Bruchstücke einer kleinen Konfession: James Frey 2006 bei Oprah Winfrey auf dem Sofa.

Anfang August tauchte auf Youtube der Trailer für einen Film mit dem Titel „A Million Little Pieces“ auf. Angekündigt wird die Erzählung einer Suchtgeschichte mit Starbesetzung. Der blendend schöne, später körperlich angemessen versehrte Hauptdarsteller fällt berauscht aus einem Fenster, wird in die Reha eingewiesen, hat aufregende Halluzinationen, und hört sich motivierende Kalendersprüche an („You can win this thing“).

Was den Zuschauern in diesem Trailer vorenthalten wird, ist die Information, dass es sich um die Verfilmung eines historisch peinlichen Buches handelt. Nur kurz wird in einer Einblendung angedeutet, der Film beruhe auf einem „kontroversen“ Bestseller. Dieser ominöse Bestseller war im Jahr 2006 Auslöser für einen der größten Literaturskandale der Geschichte der Vereinigten Staaten, und das nicht aus ästhetischen oder inhaltlichen Gründen.

Der Autor, James Frey, war dabei ertappt worden, dass er bedeutende Aspekte seines autobiographischen Buches, das wie der Film den Titel „A Million Little Pieces“ trägt, gefälscht hatte. In Erinnerung geblieben ist das Bild des – man kann es nicht anders sagen – winselnden Autors, der auf dem Sofa von Oprah Winfrey, die sein Buch für ihren Buchclub ausgewählt und damit zum Bestseller gemacht hatte, zur Strafe für seine Sünden gegen die Realität brutal gedemütigt wird.

Warum die Fiktionalität nicht zugeben?

Die Kontroverse ist ein früher Testfall für die ethischen Probleme jener autobiographischen und autofiktionalen Erzählungen, die in den letzten fünfzehn Jahren einen Boom erlebt haben und die inzwischen auch die literaturwissenschaftliche Fiktionstheorie stark beschäftigen. Hatte sich Frey, indem er seine reale Suchterkrankung durch erfundene Elemente ergänzte, tatsächlich an der Realität versündigt? Hatte er die Wahrheit einer guten, einer besseren Geschichte geopfert? Frey und seine Verteidiger brachten unter anderem das Argument vor, dass die prinzipielle, die höhere Wahrheit der Erzählung – und die damit verbundene therapeutische Wirkung – durch die Fiktionen nicht beschädigt sei. Aber warum dann nicht die Fiktionalität des Buches offen markieren?

Es mag komplizierte und weniger komplizierte Gründe geben, warum ausgerechnet dieses Buch jetzt verfilmt wurde. Aber man hätte sich gewünscht, dass statt der aufgebauschten Elendsgeschichte des Autors die reale Geschichte seines Elends als Autor einer fehlerhaften Autobiographie verfilmt worden wäre.

Ein solcher Film hätte etwa den bemerkenswerten Hunger der Gegenwartskultur nach wahren Geschichten zum Thema machen können, einen Hunger, der unter anderem für den internationalen Erfolg des Autors Karl Ove Knausgård verantwortlich ist und der auch im deutschsprachigen Raum, man denke an „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle oder Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“, das literarische Gespräch bestimmt.

Die Welt will getäuscht werden

Dieser Hunger verweist darauf, wie stark das Publikum oft selbst die Schuld am eigenen Getäuschtwerden trägt. Frey beteuerte während des Skandals, dass die Verlage sein Buch als Roman abgelehnt, als Autobiographie aber begrüßt hätten. Verlage reagieren vornehmlich auf die Nachfrage des Publikums, das nach immer stärker mitreißenden und vor allem wahren Geschichten verlangt und so immer wieder mit der unglücklichen Tatsache Bekanntschaft schließt, dass die Komponenten „wahr“ und „mitreißend“ in einer gewissen Konkurrenz zueinander stehen.

Der Autor David Shields hat diesem Phänomen 2008 einen einflussreichen Essay mit dem Titel „Reality Hunger“ gewidmet. Die Sucht nach literarischer Verarbeitung von Realität bezeichnet er als Signum einer neuen literarischen Epoche; allerdings aus einer abgeklärten postmodernen Position heraus, die vor allem das Spiel mit den Fakten betont. Über James Freys „Elendsporno“ heißt es spöttisch: „Ich bin von Frey enttäuscht, nicht weil er ein Lügner ist, sondern weil er ein so schlechter Lügner ist.“

Die höhnische Absage von Shields an die Realitätsspießer, die den Autor wegen seiner Lügen, nicht wegen seiner ästhetischen Vergehen verdammt hatten, ist heute nicht mehr zeitgemäß. Es erscheint vielmehr angemessen, die Empörung der Menschen über erfundene Details einer Lebensgeschichte ernst zu nehmen – gerade in einem Zeitalter, das sich durch eine besondere Nervosität in Bezug auf das Verhältnis von Fakt und Fiktion charakterisieren lässt. Der Skandal um das Buch „A Million Little Pieces“ zeigt, dass sich die schmutzigen ethischen Probleme durch noch so subtile theoretische Bemühungen der Literaturwissenschaft nicht von der Gattung der literarischen Autobiographie abwaschen lassen.

Ein neuer Empfindsamkeitsdiskurs kommt im Hunger nach realen Leidensgeschichten zum Ausdruck. Oprah Winfrey sprach damals davon, wie das Buch sie zu Tränen gerührt habe. Die Lügen des James Frey ließen nun aber die Tränen, die man über sein Schicksal vergossen hatte, selbst wie eine Lüge erscheinen. So konfrontiert der Fälschungsskandal das Publikum damit, wie fragil die eigene affektive Authentizität sein kann, wie manipulierbar und inkohärent unsere Gefühle sind. Eine Fiktionstheorie, welche die Empörung über solche Lügen ernst nimmt, würde hier ansetzen: bei der Bestürzung darüber, die falschen Emotionen in die falsche Erzählung investiert zu haben.

Quelle: F.A.Z.
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