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Literarische Spurensuche

Hat Marcel Proust sich in Venedig verewigt?

Von Reinhard Pabst
 - 13:35

Marcel Proust mit Melone am Canal Grande: Der älteste Abzug dieses ikonischen Fotos, auf dem er im Profil aussieht „wie Charlie Chaplin und Nietzsche zugleich“ (Michael Maar), wurde 2016 von Reiner Speck aus den Beständen der Collection Mante-Proust – der Sammlung der Familie des Schriftstellers – für seine Kölner Privatsammlung erworben. Die Rückansicht auf schmaler Terrasse entstand vermutlich im Mai 1900, vielleicht auch erst im Oktober desselben Jahres. Offenbar gibt es nur diese eine Aufnahme, die Proust in Venedig zeigt.

Als das Bild mit dem Bowler, im Original kaum 10 mal 10 Zentimeter groß, zum ersten Mal 1930 von Pierre Abraham veröffentlicht wurde, lokalisierte der französische Publizist seinen Entstehungsort fälschlicherweise auf dem Lido. Weitere Verwirrung stiftete Herbert Rosendorfer, indem er 1993 gegen alle Fakten behauptete, Proust sei dem unbekannten Fotografen „auf den Planken vor dem Hotel“ Gritti Palace vor die Linse gekommen. Dabei hat Proust sogar selbst notiert, wo er in Venedig wohnte (und das Foto sehr wahrscheinlich gemacht wurde).

Bei seinem ersten Besuch in Venedig, wohl Ende April 1900, war er in Begleitung seiner Mutter und bezog mit ihr Quartier im vornehmen Hotel de l’Europe am Canal Grande, gegenüber der Dogana da Mar; das Gebäude wird heute von der Biennale genutzt. „Marcel Proust / Hotel de l’Europe / 61“ vermerkte er eigenhändig auf der ersten Seite seines Handexemplars der „Bible of Amiens“ von John Ruskin (3. Auflage 1897), die sich in seinem Reisegepäck befand. Der mit vielen Annotationen versehene Band wird seit 1969 in der französischen Nationalbibliothek verwahrt; Anne Borrel hat ihn in ihrem an entlegener Stelle gedruckten Beitrag „Proust et Ruskin. L’exemplaire de La Bible d’Amiens à la Bibliothèque nationale de France“ beschrieben (La revue du Musée d’Orsay, No. 2, Februar 1996).

Auf den Spuren Byrons

Proust arbeitete von 1899 bis 1903 an einer französischen Übersetzung von Ruskins „Bible of Amiens“ und wurde dabei von seiner Mutter, seinem engen Freund Reynaldo Hahn und dessen Cousine Marie Nordlinger nach Kräften unterstützt. Nach Venedig, wo er sich mit Hahn und Nordlinger traf, reiste er Ende April 1900 vor allem, um die Dogenstadt mit den Augen Ruskins zu sehen und diesen „Wallfahrtsort“ mit Werken des englischen Kunsthistorikers in der Hand – insbesondere „The Stones of Venice“ – zu erkunden. Marie Nordlinger zufolge soll Proust auch während seines zweiten Venedig-Aufenthalts im Oktober 1900 im Hotel de l’Europe logiert haben, nun ohne „Maman“.

Prousts Wertschätzung für dieses Hotel geht aus einem Brief an Reynaldo Hahn vom März 1911 hervor. Das Haus "im Spitzbogenstil" warb gezielt um französisches Publikum, zum Beispiel mit einer ganzseitigen Annonce im 1895 erschienenen Reiseführer "Venise" von Paul Joanne, den die Prousts in Venedig benutzten ("Établissement de premier ordre dans la plus belle situation de Venise"). Auf dem Holzstich, welcher der Anzeige beigegeben ist, sind die in "Die Flüchtige", dem sechsten Teil der "Recherche", beschriebenen "gotischen Fenster" und die Balustrade, an der die Mutter des Erzählers ihn erwartet, im Zustand der Jahre um 1900 gut zu erkennen. Da die Gästebücher des Hotels verschollen zu sein scheinen, lässt sich bis auf weiteres nicht klären, ob er bei seinem zweiten Besuch einen Reisebegleiter hatte.

Erhalten geblieben ist aber ein Besucherbuch des armenischen Klosters auf der Laguneninsel San Lazzaro, in dem Georges Gueyraud, der damalige französische Konsul in Venedig, 1930 eine einzige dokumentarische Proust-Spur in diesem ansonsten vollständig in Nebel gehüllten italienischen Herbst entdeckt zu haben glaubte. Unter dem Datum des 19. Oktober 1900 soll angeblich „Marcel Proust“, zwischen einem Herrn aus Le Mans und einer Dame aus Genf, sich mit Namen und Ort („Paris“) verewigt haben – oder könnte es nicht doch die Unterschrift eines ganz anderen sein, etwa von Marcel Rouff (1877 bis 1936), einem in Genf (sic!) geborenen, aber in der französischen Hauptstadt lebenden Dichter?

Dieser Jung-Poet hatte seinen ersten Gedichtband 1896 und seinen ersten Roman 1899 verfasst. San Lazzaro war ein Muss für jeden Venedig-Besucher, der an Lord Byron interessiert war. Der englische Dichter hatte sich im Dezember 1816 täglich mit der Gondel auf die Insel bringen lassen, um in der Klosterbibliothek armenische Manuskripte zu studieren. Und womit beschäftigte sich Rouff zur Zeit seines Besuchs auf der Insel? Genau: mit Byron. Er wollte über ihn ein (im Januar 1903 in Paris angekündigtes) Theaterstück schreiben.

In das Besucherbuch der Mechitaristen haben sich außer Byron auch Maurice Barrès 1896, Dr. Samuel Pozzi 1899 und viele andere eingeschrieben. Wenn die deutsche Marcel-Proust-Gesellschaft in diesen Tagen mit ihrem Präsidenten Reiner Speck in Venedig auf Spurensuche geht, wird sie Gelegenheit haben, den ominösen Eintrag genau unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen, ob man der Forschung all die Jahre ein X für ein U oder besser: ein P-st für ein R-ff vorgemacht hat.

Quelle: F.A.Z.
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