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Heine schreibt an Berlioz

Generalpause im Revolutionsjahr

Von Klaus Heinrich Kohrs
 - 12:28
Zwischen den Waffen des Bürgerkriegs schweigen die Musen: Heinrich Heine schreibt an Hector Berlioz in einem Geschichtsmoment ohne Musik.

„Meine Beine haben das Königtum nicht überlebt“, schrieb Heinrich Heine am 16. Juni 1848 an Pariser Freunde aus Passy. Dorthin, in ein Gartenhaus, hatte er sich zurückgezogen, nachdem ihm die fortschreitende Lähmung das Gehen unmöglich gemacht hatte. Einen Monat später, am 22. Juli, schrieb er einen Brief an den alten Freund Hector Berlioz. Diesen Brief, dessen vollständiger Wortlaut bisher unbekannt war, konnte im vergangenen Jahr das Düsseldorfer Heine-Institut erwerben.

Der Adressat von Heines Brief sei ein furioser Antirepublikaner gewesen: Mit diesem Argument ist 2003 der vom Präsidenten der Französischen Republik schon bewilligte Einzug des Komponisten ins Pantheon verhindert worden. Jetzt, im hundertfünfzigsten Todesjahr von Berlioz, steht seine „Pantheonisierung“ erneut zur Debatte. Ein Blick auf die komplexe Lage von 1848, wie Heines Brief ihn mit wenigen Worten eröffnet, mag hier hilfreich sein.

Berlioz war um den 12. Juli aus London nach Paris zurückgekehrt: Mit „Me voilà de retour“ springt er im vierten Kapitel seiner gerade entstehenden „Mémoires“ aus der erzählten Kindheit in der Dauphiné in die erschreckende Gegenwart. „Paris bestattet seine letzten Toten. Welch entsetzliche Verwüstung“, notierte er unter dem 16. Juli. Kurz darauf muss er auf der Straße Alexandre Weill getroffen, von Heines drastisch verschlimmertem Zustand erfahren und nach dem Aufenthaltsort des Freundes gefragt haben.

Mein lieber Berliozzo

Darauf reagierte Heine sofort: „Mon cher Berliozzo, le citoyen Weill m’a dit que vous avez demandé mon adresse“. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, dass Berlioz einen gegenüber Weill angekündigten Besuch wahrmachen möge („J’espère que la menace sera suivie d’effet“), berichtet vom widerwärtigen Geschäft, das Sterben zu betreiben („degoûtant métier de moribond“), und schließt: „– Adieu – Liberté, égalité et fraternité sans musique; – Henri Heine, 64 grande rue, Passy.“

Der in der jüdischen Gemeinde des elsässischen Dorfes Schirrhofen aufgewachsene Publizist Weill hatte für radikal-sozialistische Zeitschriften wie die „Démocratie Pacifique“ des Fourieristen Victor Considerant geschrieben. Zu seinem Buch mit elsässischen Dorfgeschichten steuerte Heine 1847 ein Vorwort bei. Von Weills „sehr interessanten, sehr pikanten und sehr tumultuarischen Aufsätzen“ schrieb Heine dort, „wo er für die große Sache unserer Gegenwart auf’s löblich Tollste Partei ergreift“. Man sehe ihn „in seiner vollen agitatorischen Pracht und Lückenhaftigkeit“.

Schockhaft erfuhr Weill, der auf eine friedliche Evolution des Sozialismus unter dem Mantel einer liberalen Republik gehofft hatte, die unmittelbaren Folgen der Februarrevolution. Schon am 13. März griff er in „La Presse“ unter dem Titel „Une Question de Vie et de Mort“ die demagogischen Erlasse des Innenministers Ledru-Rollin und den Opportunismus der Presse, auch seines eigenen Blattes, an. „Sie erklären jeden zum Vaterlandsverräter, der nicht Republikaner ist. Da haben wir die Freiheit, die diese Herren, meine Freunde von gestern, uns versprechen; da haben wir den Fortschritt, den sie gepredigt haben. Die Wahrheit ist, dass der Schrecken wieder beginnt. Nicht der Schrecken der Guillotine, sondern der Verdächtigung und der Denunziation.“ Unter Louis-Philippe sei es leichter gewesen, Republikaner zu sein.

Republik und Monarchie

Im Laufe der ersten Jahreshälfte wurde Weill immer stärker zum Propagandisten einer Rückkehr zur konstitutionellen Monarchie, und sein nach dem Juni-Aufstand erschienenes Pamphlet „Questions brûlantes. République et Monarchie“ nahm die Perversion der höchsten Revolutionsideale, der Freiheit und der Gleichheit, aufs Korn: Gleichheit vor dem Gesetz habe sich unter der Herrschaft der Mediokrität zu aggressiver Gleichmacherei gewandelt. Eine solche Egalität sei die Vernichterin von Individualität und Freiheit. Fouriers Theorie klingt hier nach.

Das alles könnte der von Heine in seinem Brief mit beißender Ironie immer noch als „citoyen“ titulierte Weill seinem Gesprächspartner Berlioz entwickelt haben, der seinerseits schon in der von einer Kugel durchbohrten Freiheitsstatue auf der Bastillesäule ein auf Unheil deutendes Emblem erkannt hatte. Aber auch die Umwertung emphatischer Begriffe war Berlioz nicht entgangen: „Wenn man inmitten dieser furchtbaren Verdrehung von Recht und Unrecht, von Gut und Böse, von Wahrheit und Lüge diese Sprache hört, in der die meisten Wörter ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben, wie soll man da nicht gänzlich den Verstand verlieren!!!“

Es ist der freiheitsdurstige, freibeuterische italienische Bravo, den Heine mit „Mon cher Berliozzo“ anredet – den Künstler, der einen emphatischen Autonomie-Begriff hat und der nun unter der Perversion von Freiheit und Gleichheit an seiner Aufgabe verzweifeln muss, denn sie ist nicht nur der Tod eines freiheitlichen Gemeinwesens, sondern auch der Tod der Kunst. „Die Leute, die so tun, als regierten sie uns, haben die Erniedrigung und den Ruin der Musik beschlossen“, schrieb Berlioz an Liszt. Dieselbe Diagnose liefert die Schlusspointe von Heines kurzem Brief an Berlioz.

Wo standen die Künstler?

Dass die Künstler während des blutigen Juni-Aufstands nicht auf den Barrikaden standen, sondern im Gegenteil gegen die Aufständischen antraten, war die Überzeugung von Berlioz, gewonnen aus den Berichten der Freunde, die diese Tage erlebt hatten. Das steht, auch wenn es polemisch zugespitzt ist und sicher der Differenzierung bedürfte, in bemerkenswertem Gegensatz zu den altlinken Träumen vom Künstler, der per se auf der richtigen, nämlich der revolutionären Seite steht.

T. J. Clark hat das für Delacroix behauptet, Dolf Oehler für die Literaten. Alte Benjaminsche Träume dieser Art hat zuletzt noch Antoine Compagnon in seinem Buch über die staatstreue Zunft der Pariser Lumpensammler korrigiert. Ein Heilssucher (Weill) stellte im Juli 1848 die Verbindung zwischen zwei alten Bonapartisten (Heine, Berlioz) wieder her. Der Ruin der Musik war der Undank der Regierung, welche die Waffenhilfe der Künstler nicht honorierte. In dieser Situation erscheint der Bravo Berlioz in Heines Apostrophe als Konservativer neuer Art, als Revolutionär aus eigener Ermächtigung.

Wie sehr Heine, der lange zwischen den Rollen des progressiven „Stimmführers“ und des Dichters voltigiert hatte, seine eigene Position überdenken musste, zeigen seine späten Texte: 1851 das epische Gedicht „Jehuda ben Halevy“ im „Romanzero“, das von der Autonomie von Kunst und Künstler handelt, die „Geständnisse“ von 1855 und am Ende die Vorrede zur französischen Ausgabe der „Lutezia“ mit ihrer Prophezeiung eines Sieges des Kommunismus. „Fortgerissen von der Strömung großmütigster Gesinnung mögen wir immerhin die Interessen der Kunst und Wissenschaft dem Gesamtinteresse des leidenden und unterdrückten Volkes aufopfern: aber wir können uns nimmermehr verhehlen, wessen wir uns zu gewärtigen haben, sobald die große rohe Masse, welche die einen das Volk, die anderen den Pöbel nennen, zur wirklichen Herrschaft käme.“ Im Schlusssatz seines Briefes an Berlioz eröffnete Heine dem Freund schlaglichtartig diese erst später voll ausgearbeitete Perspektive: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ohne Musik.

Quelle: F.A.Z.
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