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„Josefine Mutzenbacher“

Sie ist die Erste nicht

Von Magnus Klaue
 - 11:07

Als das Bundesverfassungsgericht im November 1990 die Frage, ob der dem österreichischen Schriftsteller Felix Salten zugeschriebene Roman „Josefine Mutzenbacher“ die Jugend gefährde, abschlägig beantwortete, stellte es seinem Urteil die Feststellung voran: „Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.“ 1982 war das Werk von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften als schwer jugendgefährdend eingestuft und indiziert worden, was das Bundesverwaltungsgericht bestätigt hatte. Nun musste die Indizierung aufgehoben werden, weil die Bundesprüfstelle, so der Erste Senat, nicht ausführlich zwischen Kunstfreiheit und Jugendschutz abgewogen habe. 1992 setzte die Bundesprüfstelle das Buch erneut auf den Index. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen erklärte das 1997 für rechtmäßig.

Erst im November 2017 hat die Bundesprüfstelle ihr Urteil revidiert und damit eine zuverlässige Edition des Romans, der bisher nur in mehr oder weniger mangelhaften Leseausgaben zugänglich ist, wahrscheinlicher gemacht. Dabei könnten auch die Argumente stärkere Geltung erlangen, die der Regensburger Germanist Bernhard Gajek in einem 1991 im Auftrag der Bundesprüfstelle über „Josefine Mutzenbacher“ geschriebenen Gutachten vorgebracht hatte. Darin hatte er nicht nur auf den Realismus des Romans verwiesen, der die fiktive „Geschichte einer Wienerischen Dirne“ präzise im Wiener Prostituiertenmilieu der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angesiedelt habe, sondern ihn auch als literarische Verarbeitung von Sigmund Freuds Einsichten zur kindlichen Sexualität verstanden. Dass die Bundesprüfstelle das Buch als schwer jugendgefährdend einschätzte, wurde vor allem mit der Darstellung sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen begründet. Das Gutachten Gajeks rückte dagegen den historischen und ästhetischen Gehalt des Buches in den Mittelpunkt.

Dass „Josefine Mutzenbacher“ seit 2017 nicht mehr indiziert ist, spricht dafür, dass der in Augen von manchen Kunst- und Zeitkritikern wieder virulente Neopuritanismus sich juristisch noch nicht durchgesetzt hat. Zwar wird dem Werk von der Bundesprüfstelle weiter ein jugendgefährdender Charakter attestiert, in der Abwägung von Kunstfreiheit und Jugendschutz wird nun jedoch Ersterer der Vorrang eingeräumt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass das Buch durch mehrere Verfilmungen – am bekanntesten die durch Kurt Nachmann im Zuge der Sexfilmwelle der frühen siebziger Jahre – als Trivialklassiker gilt. Durch Hinweise auf den Klassikerstatus wird aber überspielt, was in der Bundesrepublik der achtziger Jahre das Skandalon des Buches ausmachte. Die kritiklose Darstellung sexueller Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen bedeutete in der Epoche, in welcher der Roman entstanden ist, nicht den Tabubruch, als der sie dem auf Kinder- und Jugendschutz ausgerichteten Sexualstrafrecht der achtziger Jahre erschien.

Erosion überkommener Rollenmuster

Als „Josefine Mutzenbacher“ 1906 anonym von dem Verleger Fritz Freund herausgebracht wurde, existierte der Begriff der Jugendgefährdung noch nicht, dafür aber eine Zensur, die streng gegen den Vertrieb pornographischer Schriften vorging. Wegen der Zensurgefahr vertrieb der Verlag das Buch nur auf Subskriptionsbasis und reklamierte kein Urheberrecht, so dass bald zahlreiche unautorisierte Nachdrucke kursierten. Doch war es um 1900 keine Seltenheit, dass auch gegen Autoren, deren künstlerischer Rang als unbezweifelbar galt, Prozesse wegen Verstoßes gegen die guten Sitten geführt wurden. Nach der Berliner Uraufführung von Arthur Schnitzlers „Reigen“, der 1903 ebenfalls in Freunds Verlag erschienen war, wurden die Direktoren des Kleinen Schauspielhauses und mitwirkende Darsteller wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht gestellt.

Das Verhältnis von kindlicher und erwachsener Sexualität war Gegenstand einer Reihe prominenter Texte der Zeit. Fritz Freund brachte 1906 auch „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil heraus. Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, auf die Gajek hinwies, waren 1904 und 1905 erschienen, „Frühlings Erwachen“, Frank Wedekinds schon 1891 geschriebenes Pubertätsdrama, wurde 1906 uraufgeführt. 1908 veröffentlichte Karl Kraus, der Salten verachtete, ihn aber gleich dem von ihm höher geschätzten Peter Altenberg gegen Denunziationen in Schutz nahm, seine Gerichtsprotokolle über Wiener Prozesse gegen Prostituierte unter dem Titel „Sittlichkeit und Kriminalität“.

Die von der Bundesprüfstelle indizierten Passagen, in denen Josefine Mutzenbacher beschreibt, wie sie als Kind durch sexuelle Spiele mit Altersgenossen aufgeklärt worden sei und schon mit fünf Jahren lustvolle sexuelle Erfahrungen mit erwachsenen Männern gesammelt habe, waren nicht einfach eine Darstellung des Zusammenhangs von Armut, Vernachlässigung und Amoralität. Sie griffen auf, was von Freud, Wedekind, Schnitzler und Musil ins Bewusstsein gerückt wurde: die Erfahrung eines ins Fließen geratenen Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und der Erosion überkommener Rollenmuster von Kind, Frau und Mann.

Das Buch sprach aus, was Schnitzler andeutete

Nike Wagner hat in „Geist und Geschlecht“, ihrer Studie über die Sexualästhetik der Wiener Moderne, die paradoxen Übergänge zwischen Sexualrepression und Libertinage, Reaktion und Fortschritt in jener Epoche dargestellt. Ambivalenzen, die sich ikonographisch im Bild der Kindfrau verdichteten, das in der Figur Josefine Mutzenbacher präsent ist. Anders als die Lesart des Oberverwaltungsgerichts nahelegte, das den Terminus des Kindesmissbrauchs auf die vorherige Jahrhundertwende projizierte, brachten die Imaginationen der femme enfant in der Literatur des Fin de Siècle nicht einfach den Wunsch nach sexueller Verfügbarkeit von Mädchen zum Ausdruck, sondern reflektierten die zunehmende Unsicherheit der Generationen- und Geschlechtergrenze. Die Kindfrau fungierte als Chiffre für die fortbestehende Unmündigkeit junger Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft, die sie, ästhetisch verklärt, als entrückte Zauberwesen erscheinen ließ. Das der Figur zugeschriebene Handeln brachte eine gegenläufige Erfahrung zum Ausdruck: die wachsende geschlechtliche Autonomie von Mädchen, die sich der Neutralisierung zum Kind entzogen.

In der Widersprüchlichkeit der Figur spiegelten sich Entwicklungen, die in „Josefine Mutzenbacher“ unmittelbar zum Thema gemacht wurden. Nicht die Darstellung der Gelegenheitsprostitution junger Frauen machte das Buch bei seinem Erscheinen zum Skandal, sondern die Tatsache, dass diese nicht allein als Symptom von Verwahrlosung, sondern als Möglichkeit des Freiheitsgewinns gegenüber den Zwängen von Familie und Ehe dargestellt wurde. Auch darin reflektierten sich historische Erfahrungen.

Dass Salten, Schnitzler, Altenberg und andere Autoren der Wiener Moderne minderjährige Geliebte hatten, belegt zwar ein repressives Gewohnheitsmätressenwesen. Dieses aber hätte keinen Bestand gehabt, wenn solche Verhältnisse nicht für die beteiligten Frauen zumindest mit der Wunschvorstellung verbunden gewesen wären, einer Existenz als lebenslange Ehefrau, arme Näherin oder alte Jungfer zu entkommen. Schnitzler hat in Erzählungen wie „Komödiantinnen“, „Fräulein Else“ und „Frau Berta Garlan“ den psychodynamischen Zusammenhang von Unterwerfung und Emanzipationsphantasien subtil entfaltet. „Josefine Mutzenbacher“ wurde zum Skandal, weil das Buch aussprach, was Schnitzler andeutete.

Den Bann des Milieus brechen

1923, siebzehn Jahre nach „Josefine Mutzenbacher“, veröffentlichte Salten das Buch „Bambi“, das durch den Disney-Film von 1942 Weltruhm erlangte. Der Aufweichung der Grenze zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität in „Josefine Mutzenbacher“ entsprach in „Bambi“ die Transformation der Gattung des Kinderbuchs zur erwachsenen Literatur. Damit stand das Buch selbst noch in der Tradition der Jahrhundertwende.

Vorgänger waren Paula und Richard Dehmels 1900 erschienenes Kinderbuch „Fitzebutze“, die Gedichte Christian Morgensterns, großes Ideal aber war die englische Kinderliteratur seit dem Viktorianismus. Die Lebensgeschichte des jungen Rehs, das „mitten im Dickicht zur Welt“ kommt, von der Mutter in die Geheimnisse des Waldes eingeweiht wird, die Furcht vor dem Jäger zu beherrschen lernt, das Leben in der Freiheit erkundet und schließlich selbst junge Rehe in das Waldleben einweist, ist mehrfach als Kontrafaktur der Biographie der „Wienerischen Dirne“ gedeutet worden, die sich als Mädchen in armen Verhältnissen von ihren Liebhabern „abrichten“ lässt, um den Bann ihres Milieus zu brechen, und später junge Frauen ähnlicher Herkunft zum selben Abweg überredet. Wird „Bambi“ vor dem Hintergrund dieser Deutung gelesen, die zuerst Claudia Öhlschläger und Dietmar Schmidt 1994 im „Hofmannsthal-Jahrbuch“ vorgetragen haben, rückt die „nicht kindgemäße“ Dimension des Buches in den Blick.

Anhand von Saltens Werken wird deutlich, wie wenig hilfreich Unterscheidungen von Kinder- und Erwachsenenliteratur, Kinder- und Jugendgemäßheit sind, sobald es nicht nur um juristische, sondern um ästhetische Qualifizierungen geht. Zugleich tritt ins Bewusstsein, wie zeitgenössische Wahrnehmungen den historischen Gehalt literarischer Texte überlagern können. Die Beurteilung von „Josefine Mutzenbacher“ als Kinderpornographie, dem Sexualstrafrecht der achtziger Jahre verpflichtet, beruhte zwar darauf, dass das Buch bereits bei Erscheinen als Pornographie qualifiziert worden war. Was aber bei der Beurteilung 1906 noch wenig Bedeutung hatte, der Kinder- und Jugendschutz, rückte bei der Indizierung 1982 in den Mittelpunkt. Die Lesart von „Bambi“ als Kontrafaktur von „Josefine Mutzenbacher“, die in den Neunzigern als Provokation wirkte, wäre dagegen Saltens Zeitgenossen womöglich sogar eingängig erschienen, weil sie Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur als getrennte Sparten noch nicht kannten und ihnen Übergänge zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität weniger skandalös waren, als es sich einer vom Kinderschutz geprägten Pädagogik heute darstellt, die „Bambi“ nur als Exemplar der Gattung Kinderbuch kennt.

Unter dem Blickwinkel des Jugendschutzes, der seit den fünfziger Jahren in allen westlichen Staaten Bedeutung erhielt, erschienen so auch Texte als provokativ, die erotische Motive des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ironisch zitierten: Wie Vladimir Nabokov 1955 in „Lolita“ den Kindfrauen-Topos wiedererstehen ließ, beschworen Günter Grass 1959 in „Die Blechtrommel“ die Sexualästhetik des Barocks und Arno Schmidt die Sprachsexualisierungen von Joyces „Ulysses“. Vor dem Hintergrund der Sexualmoral der fünfziger Jahre erschienen ihre Arbeiten als unvermittelte Provokationen. Solche Differenzen stärker wahrzunehmen, nicht um juristische oder moralische Urteile durch ästhetische zu ersetzen, sondern um sich den Gestaltwandel aller drei Urteilsarten vor Augen zu führen, dazu könnte die Freigabe von „Josefine Mutzenbacher“ beitragen. Das Dickicht sozialer, erotischer und juristischer Verhältnisse, dem sich Saltens Werk verdankt, kann sich erst geduldiger Interpretation erschließen.

Quelle: F.A.Z.
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