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Nachwuchsprofessur

Aus dem Pfad wird ein Weg

Von Robert Kretschmer
 - 11:55
Nachwuchsprofessor: Die Anforderungen sind hoch.

Mit dem im Jahr 2017 begonnenen Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses wird an deutschen Hochschulen ein alternativer Karriereweg zur Lebenszeitprofessur akzentuiert: der Tenure-Track. Dabei wird zunächst auf Zeit (in der Regel sechs Jahre) berufen, und die Professur wird nach einer positiven Zwischen- und Endevaluation verstetigt. Der Tenure-Track unterscheidet sich damit maßgeblich von bisherigen Qualifikationswegen, wie etwa der Habilitation oder der Juniorprofessur ohne Tenure-Track, da die Bestenauslese nun am Beginn und nicht am Ende der Qualifizierungsphase erfolgt. Über die Entfristung entscheidet allein die Bewährung der Kandidaten gemessen an deren persönlichen Leistungen in Forschung und Lehre, wobei die dafür relevanten Kriterien vorab und mehr oder weniger detailliert vereinbart werden.

Die Berufung auf eine Tenure-Track-Professur darf jedoch nicht automatisch zu einer Verstetigung führen, da sonst die nachhaltige Akzeptanz gefährdet ist. Breite öffentliche Ausschreibungen sowie transparente und qualitätsgesicherte Verfahren mit externer Beteiligung müssen der Maßstab sein, um den Tenure-Track im deutschen Wissenschaftssystem langfristig zu etablieren. Gelingt dies, so versprechen die planbarere Karriere und damit verbunden eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein früheres Erstberufungsalter eine gesteigerte Attraktivität des deutschen Wissenschaftssystems für die weltweit besten Nachwuchsforscher.

Die Fördermittel des Bund-Länder-Programms wurden in zwei Bewilligungsrunden vergeben. Im September 2017 wurden 468 Professuren an 34 Universitäten bewilligt, in der zweiten Bewilligungsrunde im September dieses Jahres bekamen 57 Universitäten weitere 532 Professuren zugesprochen. Von den insgesamt 75 Universitäten und gleichgestellten Hochschulen waren 16 in beiden Runden erfolgreich. Die Zahl von insgesamt tausend Tenure-Track-Professuren wirkt im Vergleich zu den 47 568 Professorinnen und Professoren, die Ende 2017 an deutschen Hochschulen beschäftigt waren, verschwindend gering. Der Erfolg des Bund-Länder-Programms hängt daher wesentlich davon ab, inwieweit es gelingt, den Tenure-Track über das Programm hinaus zu etablieren, so dass dieser einen essentiellen Anteil aller Neuberufungen ausmacht.

Eine probate Übergangslösung

Die vom Deutschen Hochschulverband (DHV) bereitgestellten Ausschreibungstexte für Professuren an deutschen Universitäten im Zeitraum zwischen September 2017 und August 2019 lassen deutlich erkennen, dass der Tenure-Track auch jenseits des Bund-Länder-Programms Zuspruch findet. Von den knapp 4500 ausgeschriebenen Professuren waren etwa 20 Prozent mit einem Tenure-Track versehen.

Das sind mehr als doppelt so viele Stellen, wie im Rahmen der ersten Bewilligungsrunde des Bund-Länder-Programms bislang ausgeschrieben wurden. Es fällt jedoch auch auf, dass sich der Tenure-Track in den verschiedenen Fachdisziplinen nicht in gleichem Maße etabliert: Unterdurchschnittliche Quoten sind in den Fächergruppen Kunst- und Musikwissenschaften (sechs Prozent), Theologie (14 Prozent), Bauwesen und Geschichte (17 Prozent), Jurisprudenz (19 Prozent) sowie Human- und Zahnmedizin (17 beziehungsweise fünf Prozent) zu verzeichnen. Im Gegensatz dazu stehen die Fächer Philosophie (27 Prozent), Physik (28 Prozent), Maschinenbau (28 Prozent), Biologie und Chemie (29 Prozent), Agrarwissenschaften (30 Prozent), Sportwissenschaften (31 Prozent) und Geowissenschaften (33 Prozent) mit deutlich überdurchschnittlichen Quoten. Dies erklärt, weshalb der Tenure-Track in den verschiedenen Fächern unterschiedlich wahrgenommen wird und warum sich teilweise widersprechende Diskussionen über den Fortschritt seiner Etablierung geführt werden.

Der Anteil an W1-Professuren an den Ausschreibungen, die mit einem Tenure-Track versehen sind, liegt bei 57 Prozent und entspricht damit nahezu den Werten, die im vergangenen Herbst für Ausschreibungen im Rahmen des Bund-Länder-Programm ermittelt wurden (F.A.Z. vom 28. November 2018). Für 40 Prozent ist eine Einstiegsbesoldung in W2 oder W3 vorgesehen, und drei Prozent lassen eine Einstufung in W1 oder W2 beziehungsweise W2 oder W3 zu. Eine wichtige Frage, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden muss, ist die, wie Habilitierende und Nachwuchsgruppenleiter integriert werden können, die sich bereits auf dem Weg zu einer Lebenszeitprofessur befinden, die für die Junior- oder Qualifikationsprofessuren aufgrund des akademischen Alters jedoch nicht mehr in Frage kommen. Bis zur dauerhaften institutionellen Etablierung des Tenure-Tracks als regulären Karriereweg können W2-Tenure-Track-Professuren für sie eine probate Übergangslösung sein. Wissenschaftler, die bereits die Berufbarkeit auf eine Lebenszeitprofessur durch eine Habilitation beziehungsweise äquivalente Leistungen erlangt haben, sollten jedoch nicht mit dem Tenure-Track adressiert werden. Die konsekutive Abfolge einer erfolgreich abgeschlossenen Qualifikations- und einer weiteren Bewährungsphase im Rahmen befristeter Beschäftigungsverhältnisse widerspricht dem Wunsch, das Erstberufungsalter auf eine Lebenszeitprofessur abzusenken, und kommt eher einer Verschlechterung als einer Verbesserung gleich. Es ist daher besorgniserregend, dass in Ausschreibungstexten für W2-Tenure-Track-Professuren regelmäßig eine Habilitation beziehungsweise vergleichbare Leistungen gefordert werden. Den Tenure-Track als Probezeit zu nutzen, darf nicht das Ziel sein, insbesondere da die Gesetze des Bundes und einiger Länder die Erstberufung auf Zeit oder auf Probe zulassen würden.

Es fehlen noch verlässliche Zahlen

Bei Professuren, die über das Bund-Länder-Programm anfinanziert werden, sieht die Verwaltungsvereinbarung Bewerber in einem frühen Karriereabschnitt als Zielgruppe, was mit Blick auf die angestrebte Senkung des Erstberufungsalters folgerichtig erscheint. Was in diesem Zusammenhang „früh“ bedeutet, blieb lange undefiniert und ist bislang nirgends explizit geregelt. Im Rahmen der Tagung „Die Umsetzung des Nachwuchspaktes“, die im Mai dieses Jahres an der Leibniz Universität Hannover stattfand, äußerte sich ein Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) dahingehend, dass Personen bis zu vier Jahre nach der Promotion die Zielgruppe sind. Bei Tenure-Track-Berufungen außerhalb des Programms haben die Hochschulen – im Rahmen der Landeshochschulgesetze – größere Spielräume. Es überrascht daher nicht, das hier – möglicherweise aus Skepsis gegenüber dem Neuen – tradierten Pfaden gefolgt und W2-Tenure-Track-Professuren für bereits etablierte, teilweise für eine Lebenszeitprofessur qualifizierte Nachwuchswissenschaftler geschaffen werden. Bislang fehlt es an ausreichend verlässlichen Zahlen, um den Erfolg des Tenure-Tracks hinsichtlich der intendierten Ziele, wie etwa ein früheres Erstberufungsalter und eine größere Chancengerechtigkeit, und über die Berufungspraxis der Universitäten Aussagen treffen zu können. So wie es Beispiele für Berufungen bereits erfahrener Nachwuchswissenschaftler auf W1-Professuren gibt, so gibt es ebensolche für Berufungen auf W2-Professuren bereits drei oder vier Jahre nach Abschluss der Promotion.

Bei den bisher veröffentlichten Ausschreibungen für Tenure-Track-Professuren fällt eine klare fachliche Zuordnung auf, es werden also explizite Schwerpunkte gesetzt. Im Rahmen der Profilbildung der Hochschulen ergibt dies durchaus Sinn, allerdings bedeutet es auch eine merkliche Einschränkung des Bewerberfelds. Ferner birgt es die Gefahr, dass aktuell weniger populäre Themen nicht erforscht werden und die Breite eines Faches nicht mehr in gewohnter Weise abgebildet wird. Eine frühe und sehr ausgeprägte Spezialisierung kann zudem die spätere Mobilität der Tenure-Track-Professoren einschränken. Verknüpft man diesen Gedanken mit einem früheren Erstberufungsalter, ist damit zu rechnen, dass Professorinnen und Professoren – und damit deren Forschungsschwerpunkte – länger als bisher an einem Standort bleiben. Dies birgt viele Chancen, sowohl für die Universitäten als auch für die Stelleninhaber, vor diesem Hintergrund sind aber auch agile Ausschreibungen, die Bewerber mit breiten Forschungsschwerpunkten ansprechen, wünschenswert.

Sinnvoll sind auch Ausschreibungstexte, die schon im Titel erkennen lassen, ob es sich um eine Tenure-Track-Professur handelt oder nicht, was angesichts der Attraktivität der Stellen auch im Interesse der Hochschulen und Berufungskommissionen sein sollte. Juniorprofessuren ohne Tenure-Track, die immerhin noch zwölf Prozent der ausgeschriebenen Stellen ausmachen, sollten deshalb dezidiert mit dem Hinweis „ohne Tenure-Track“ versehen werden. Erstrebenswerter wäre allerdings, Juniorprofessuren zukünftig durchweg als Tenure-Track auszuschreiben.

Der Autor ist Juniorprofessor mit Tenure-Track an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Mitglied der Jungen Akademie und Sprecher der Arbeitsgruppen Pro-Motion und Wissenschaftspolitik.

Quelle: F.A.Z.
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