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Philologie-Debatte

Schlechte und gute Traditionen?

Von Laurenz Lütteken
 - 15:15

Da war es wieder, das alte Lied. In seiner um Ausgleich bemühten Replik auf Melanie Möller einerseits, Claudia Dürr, Andrea Geier und Berit Glanz andererseits, ist bei Christian Benne von den „schlechten Traditionen“ der Philologie die Rede: „Wogegen Dürr, Geier und Glanz opponieren, ist der Rest einer bornierten Nationalphilologie, die sich erst dem Positivismus, dann der Geistesgeschichte, schließlich einer dünkelhaften Werkimmanenz oder der philosophischen Hermeneutik an die Brust warf und sich zwischendrin als geistiger Büttel des Nationalsozialismus missbrauchen ließ.“ Dieses Argumentationsmuster, in dem eine diffuse, aber kausale Verknüpfung zwischen Methode und ideologischer Verblendung hergestellt wird, erinnert in fataler Weise an einen Vorwurf, den Clytus Gottwald schon 1970 gegen die Musikwissenschaft erhoben hat.

Hans Heinrich Eggebrecht, vor einigen Jahren selbst, post mortem, von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit eingeholt, hatte damals ein avantgardistisches Symposion zur „Musikwissenschaft heute“ organisiert. Und dort griff Gottwald den im Vorjahr, also 1969, verstorbenen Heinrich Besseler, eine Ikone der Disziplin, scharf an, in einer rabiaten Kritik am „ideologischen Hohlraum, der allzu leicht von einer Gemeinschaftsideologie besetzt werden konnte, nach der Musikwissenschaftler vom Schlage Besselers umso begieriger griffen, weil er dem positivistischen Leerlauf ebenjenen Sinn verhieß, den ihm zu geben sich diese versagt hatten“.

Diese Attacke schlug damals hohe Wellen, und kompliziert wurde es auch deswegen, weil sich jüdische Schüler und Kollegen mit Besseler solidarisierten, in einer schwer erklärbaren Gemeinsamkeit mit reichlich belasteten Forschern. Dennoch war das damals vorgebrachte, dem gegenwärtigen so ähnliche Argument, falsch; und zwar so grundsätzlich falsch, dass es vielleicht doch angezeigt erscheint, sich von musikwissenschaftlicher Seite in eine Debatte einzuschalten, die wohl nicht allein eine literaturwissenschaftliche ist. Gottwalds Argumentation ging 1970 nicht etwa deswegen in die Irre, weil die Diagnose – die heillose nationalsozialistische Vergangenheit Besselers – falsch gewesen wäre, im Gegenteil.

Die Frage nach dem Stil

Aber seine Erklärung war unzutreffend. Besseler war einer der eigenwilligsten Köpfe des Faches, der in den zwanziger Jahren mit virtuosen, unter dem Eindruck Martin Heideggers entstandenen Texten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Diese Texte waren jedoch in einer für die akademische Disziplin völlig überraschenden Weise philologiekritisch. Eine Aufgabe der Musikwissenschaft liege darin, so Besseler 1927, „den traditionellen Gegensatz von Hermeneutik und formaler Analyse aufzuheben und immer tiefer miteinander zu durchdringen“. Da es ihm um eine musikalische Anthropologie avant la lettre ging, betrachtete er die Philologie allenfalls als Mittel zum Zweck.

Der erhebliche philologische Aufwand, den er sich dabei stets abgenötigt hat, diente einzig diesem „höheren“ Ziel, und so zeitigte dieser in der Regel völlig insuffiziente Ergebnisse. Seine, vorsichtig gesprochen, problematischen Ausgaben von Werken Dufays oder Bachs, aus denen er allerdings weitreichende Schlussfolgerungen zog, zeigen vor allem, wohin eine weltanschaulich interessegeleitete Philologie führen kann. Besseler wurde also gerade nicht wegen einer Liebe zum „Positivismus“ oder zu „dünkelhafter Werkimmanenz“ (beides hat er nachweislich verachtet) zum Nationalsozialisten. Vielmehr war es die zweifellos brillante, aber eben auch höchst riskante Suche nach dem Verhältnis von Mensch und Musik, der notfalls genuin philologische Interessen bedingungslos untergeordnet werden konnten.

Die Musikwissenschaft verfügte auch über eine Gegenseite, die in der philologischen (und zuweilen durchaus nationalphilologischen) Bestandsaufnahme gründete. Guido Adler, der über Generationen weithin prägende Wiener Ordinarius, definierte in seinen methodischen Überlegungen von 1885 und 1919 das, was dann die philologische Methode heißen sollte, als entscheidende disziplinäre Grundlage. Seine eigene Arbeit, konzentriert auf die Frage nach dem Stil, war davon maßgeblich geprägt, auch in einer heute kaum begreiflichen Zahl mustergültiger (und massiv nationalphilologisch ausgerichteter) Editionen. Adler hätte die Bezeichnung eines Philologen gewiss als Ehrentitel betrachtet. Die damit verbundene Unbestechlichkeit hat ihn aber nicht geschützt. Er musste 1938 seine Entrechtung noch erleben, sein Sohn konnte in die Vereinigten Staaten fliehen, seine Tochter dagegen wurde ermordet. Sein Wiener Nachfolger Erich Schenk hat übrigens Adlers Erbe auch materiell auf eine Weise verscherbelt, für die das Wort niederträchtig nur eine Umschreibung ist.

Alfred Einsteins monumentale Geschichte des italienischen Madrigals, die 1949 in drei Bänden auf Englisch erschien und die man als philologische Kärrnerarbeit wird bezeichnen dürfen, kann als Meilenstein der Forschung gelten, bis in die Gegenwart hinein. Das Werk war überschattet von der Flucht des Verfassers, erst nach Italien, dann nach Amerika. Willi Apel, dessen für Generationen prägende Studien zur mittelalterlichen Notation man mühelos sogar als positivistisch in einem strikten Sinne charakterisieren kann, konnte seine schon einschüchternd präzise Dissertation 1936 in Berlin gerade noch abschließen, unmittelbar danach musste er jedoch aus Deutschland fliehen. Wie viele Musikforscher gab es dagegen, wie eben Besseler oder Werner Korte oder auch der junge Eggebrecht, die der Philologie im engeren Sinne fernstanden und in den fatalen Bann des Nationalsozialismus gerieten.

Ein heikler Vorgang

Die Dinge sind sogar noch komplizierter, weil es auch dafür natürlich Gegenbeispiele gibt. Günter Anders hat seine musikästhetische Habilitationsschrift, die man sogar als anti-philologisch bezeichnen könnte, unter strikter Heidegger-Observanz geschrieben. Eine irgendwie geartete Nähe zum Nationalsozialismus scheidet dabei selbstverständlich aus. Auf der anderen Seite formierten sich spektakuläre philologische Entscheidungen. Alfred Orel trieb in der Wiener Bruckner-Philologie den Gedanken voran, von synthetisierenden Editionen der „Fassungen“ Abstand zu nehmen; ein irritierend hellsichtiger, fast auf die New Philology vorausweisender Ansatz. Er hat ihn nicht davor bewahrt, sich 1938 euphorisch mit den neuen Machthabern zu solidarisieren.

Es lässt sich also, wenigstens in der Musikwissenschaft, kaum ein sinnvoller Zusammenhang zwischen Philologie und Weltanschauung herstellen. Der Respekt vor Gelehrten wie Adler oder Einstein verbietet dies sogar. Es gibt keine notwendigen methodischen Kausalitäten. So macht man es sich zu einfach, wenn man gleichsam drohend auf die vermeintlich unausweichlichen Folgerichtigkeiten von bestimmten habituellen, „schlechten“ Entscheidungen verweist. Der Umgang mit Texten – und Partituren kann man getrost dazu zählen – ist ein heikler, ein schwieriger Vorgang, das wusste schon Wilhelm Dilthey. Aber der damit verbundene Standard, also die „Professionalität“ des Geschäfts, lässt sich in keiner Weise (und in keine Richtung) weltanschaulich plausibel in Beschlag nehmen. Das diskreditiert nicht nur, ungerechtfertigt, eine Methode, sondern entlastet, ungewollt, auch die Akteure.

Die Integrität von Texten

Debatten können fruchtbar sein, und es ist sicher an der Zeit, sich zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts der philologischen Tätigkeit erneut zu vergewissern. Doch sie werden dann fruchtlos, wenn sie von pauschalen Voreingenommenheiten überschattet werden. Eine Tradition ist eben nicht deswegen „schlecht“, weil einige der Akteure sich mit Verbrechern gemein gemacht haben. Denn es waren, wie genügend Gegenbeispiele zeigen, eben nicht alle, und so liegt die Verantwortung nicht in der Methode, sondern bei den handelnden Individuen.

Allerdings könnte eine Lehre aus diesen Wirrnissen darin bestehen, es mit der Integrität von Texten so genau wie möglich zu nehmen. Das mag angesichts lang anhaltender dekonstruktivistischer Debatten als unzeitgemäß erscheinen. Aber die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts verweisen eben in einer unendlich erscheinenden Vielfalt darauf, wie es werden kann, wenn man diese Integrität von Texten entweder im eigenen Tun oder in der eigenen lebensweltlichen Umgebung nicht mit dem größten Respekt behandelt. Es ist daher vielleicht doch nicht so unzeitgemäß, sich im einundzwanzigsten Jahrhundert genau daran zu erinnern – und daraus eine Verpflichtung zu beziehen, zum besonnenen, nachdenklichen und, vor allem, historisch genau unterfütterten Umgang mit jenem abstrakten Gegenüber, das wir Text nennen und das uns auf eine so eigenartige, fragile Weise mit einer zumeist weit entfernten Vergangenheit verbindet.

Quelle: F.A.Z.
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