<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Fehler bei Behandlung

Auch der Chefarzt kann den Gorilla übersehen

Von Sascha Zoske
 - 14:52
Simulant: Für die Kursteilnehmer mimt Schauspielerpatient Heinz Sendlbeck gekonnt einen Frischoperierten.

19.000 Tote im Jahr. So viele, als würde jede Woche ein Airbus A330 abstürzen. Jasmina Sterz muss nur diese Zahl nennen, um sich die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu sichern. 19.000 Tote allein in Deutschland – allesamt Opfer von „vermeidbaren Zwischenfällen“ im Medizinbetrieb, wie Assistenzärztin Sterz es ausdrückt. Menschen, die sterben, weil ein Medikament zu hoch dosiert wird, ein Gerät nicht keimfrei ist, eine in Eile gestellte Diagnose falsch war.

Einige Zuhörer atmen hörbar aus unter der Wucht der Zahl, die Sterz in den Raum geworfen hat. Es sind Medizinstudenten im Praktischen Jahr sowie angehende operations- und anästhesietechnische Assistenten, die ins Lernzentrum des Frankfurter Uniklinikums gekommen sind. Sie nehmen teil an einem neuen Lehrprojekt mit dem Titel „Durch Barrieren schneiden“, das von der Robert-Bosch-Stiftung mit 60.000 Euro unterstützt wird.

Medizinische Fehler

Die Barrieren, die Sterz und die für das Projekt verantwortliche Professorin Miriam Rüsseler durchbrechen wollen, kennt jeder Kliniker aus dem Berufsalltag. Unsichtbare Schranken zwischen Pflegern, Studenten, Ober- und Chefärzten, errichtet durch generationenlang gepflegtes Hierarchiedenken. Aber auch Blockaden, die aus Schüchternheit oder Selbstüberschätzung erwachsen. Für Patienten können sie so gefährlich werden wie die Krankheit selbst. Rüsseler sagt: „70 Prozent aller medizinischen Fehler sind auf menschliches Versagen zurückzuführen, vor allem auf den Gebieten Kommunikation, Teamführung und Entscheidungsfindung.“

Dozentin Sterz führt einen Film vor, der zeigt, wie es zum Schlimmsten kommen kann, wenn Menschen in bester Absicht handeln. Für das Video mit dem Titel „Just a Routine Operation“ hat ein Brite rekonstruiert, was während der Nasennebenhöhlen-OP seiner Frau geschah. Als Pilot auf rationale Fehleranalyse trainiert, wollte er verstehen, wie ein eigentlich unkomplizierter Eingriff so furchtbar schieflaufen konnte. Nachdem die Narkose eingeleitet war, gelang es nicht, die Patientin richtig zu beatmen. Die Intubation scheiterte, ein Luftröhrenschnitt wurde nicht gesetzt, obwohl erfahrene Ärzte und Schwestern in großer Zahl zugegen waren. Eine halbe Stunde lang wurde das Gehirn der Frau nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Sie fiel ins Koma. 13 Tage nach der Operation starb sie.

„Habt ihr so etwas auch schon erlebt?“

Die Rekonstruktion lässt erahnen, was zu dem tragischen Ende geführt hat. An Sachverstand fehlte es im OP-Saal nicht, doch die Kommunikation der Beteiligten war desaströs. Womöglich waren sogar zu viele kompetente Leute im Raum – mit der Folge, dass sich letztlich niemand verantwortlich fühlte. Zaghafte Fragen der Schwestern, ob ein Luftröhrenschnitt vorgenommen werden sollte, wurden ignoriert. Dass im Blut der Patientin zu wenig Sauerstoff war, schien niemanden zu interessieren. Es sieht so aus, als hätten die Ärzte den Ernst der Lage gar nicht erfasst. War ja nur eine Routine-Operation.

„Habt ihr so etwas auch schon erlebt?“, fragt Sterz ihre Zuhörer. Schweigen im Raum. Einer fragt: „Dürfen wir darüber sprechen?“ Sterz ermutigt die Jungmediziner: Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern aus Fehlern zu lernen. Schließlich berichtet ein Teilnehmer von einer Hüftoperation. Der Patient habe schon im OP gelegen, als aufgefallen sei, dass Blutkonserven fehlten. „In so einer Situation sollte die erste Frage nicht lauten: Wer ist schuld? Sondern: Wie löst man das Problem?“

Hat ein Student oder ein Pfleger darauf eine gute Antwort, wird er sie für sich behalten, wenn in der Klinik ein autoritäres Klima herrscht. Schon gar nicht wird er es wagen, einen Vorgesetzten coram publico zu kritisieren. „Wenn ein Chef- oder Oberarzt einen Fehler macht, würde ich das nie ansprechen“, gibt eine Nachwuchskraft zu. Dass strenge Hierarchien das Risiko falscher Behandlungen erhöhen können, ist nach den Worten von Professorin Rüsseler eine Erkenntnis, die sich in den Krankenhäusern erst langsam durchsetzt. Sie hofft auf einen Wandel von unten her: Schon die Studenten sollen begreifen, dass Ärzte und Pfleger ein Team bilden müssen, in dem Missgriffe von jedem angesprochen werden dürfen.

Notsituationen gemeinsam üben

Wie es um dem Teamgeist der Kursteilnehmer bestellt ist, wird in Rollenspielen getestet. In einem Raum des Lernzentrums, der als Krankenzimmer ausgestattet ist, wartet Heinz Sendlbeck auf die Visite der jungen Leute. Der 76 Jahre alte Mann liegt im Bett, spricht undeutlich und klagt darüber, dass seine rechte Körperseite sich taub anfühle. Sendlbeck spielt das sehr überzeugend: Seit 13 Jahren hilft er der Uniklinik als Patientendarsteller bei der Mediziner-Ausbildung.

Schnell verständigen sich „Ärzte“ und „Pfleger“ darüber, was in diesem Fall zu tun ist: Verdacht auf Schlaganfall, der Patient muss sofort in die darauf spezialisierte „Stroke Unit“ verlegt werden. Doch Dozentin Sterz hat noch einen Störfaktor in das Szenario eingebaut. Eine „Kollegin“ marschiert in den Raum und will die Pfleger mitnehmen, weil sie anderswo gebraucht würden. Doch die lassen sich nicht einschüchtern: „Das hier ist ein Notfall!“ In der Nachbesprechung lobt Sterz das koordinierte Handeln und die Courage der Nachwuchsmediziner. Auch ein zweites Rollenspiel, in dem Sendlbeck einen frisch an der Prostata Operierten mit starken Bauchschmerzen mimt, meistert das Team zur Zufriedenheit der Kursleiterin. Den verantwortlichen Operateur holen, Schmerzmittel verabreichen, den Bauch mit Ultraschall untersuchen und den OP-Saal für einen zweiten Eingriff organisieren: Das müssen die Studenten und angehenden Pfleger binnen Minuten gemeinsam erledigen.

Auf die praktischen Einheiten folgen Analysen und Diskussionen im Plenum. Sterz und Rüsseler haben sich bei der Entwicklung des Kurses an den Methoden der Lufthansa orientiert. Deren Piloten lernen in der Ausbildung, einander genau zu beobachten und Auffälligkeiten sofort anzusprechen.

Erschreckende Anekdoten aus der Ausbildung

Sterz konfrontiert ihr Publikum auch mit der Theorie des Teambuildings und einem Analyseschema für kritische Situationen. Mehr Eindruck als jedes Schaubild machen aber die Anekdoten aus ihrer eigenen Notarzt-Ausbildung, mit denen die Unfallchirurgin aufwartet. Zum Beispiel die von dem Einsatz in der Praxis eines altgedienten Hausarztes mit George-Clooney-Charisma. Er hatte den Notarzt gerufen, weil eine Patientin über Missempfindungen in einer Körperhälfte klagte. Seine Diagnose „Schlaganfall“ zog Sterz damals nicht in Zweifel – und übersah, dass die Frau in Wahrheit an einer Herzrhythmusstörung litt. Ein Notarztkollege bemerkte den Irrtum, die Patientin wurde richtig behandelt und geheilt. Die junge Ärztin hatte sich nicht nur vom Habitus des Älteren beeindrucken lassen, sie erlag auch dem „Confirmation Bias“: der Neigung, alle Indizien so zu deuten, dass sie eine zuvor gefasste Annahme bestätigen.

Nur das sehen, was man sehen will: In diese Falle sind auch viele der Radiologen getappt, die für eine Studie in computertomographischen Aufnahmen nach Krebsherden suchen sollten. 83 Prozent der Probanden bemerkten laut Sterz nicht, dass der Experimentator in ein Bild auch das Konterfei eines Gorillas montiert hatte – um ein Vielfaches größer als die Metastasen, auf die die Ärzte achten sollten.

Vorgefasste Meinungen auch mal in Frage stellen, sich nicht von Status-Schranken abschrecken lassen, eigene Fehler zugeben und Kollegen konstruktiv auf die ihrigen hinweisen: Das sind die wichtigsten Botschaften des Kurses, der nach Rüsselers Worten fester Bestandteil des Curriculums werden soll. Ina Menze würde das gut finden. Die Sechsundzwanzigjährige absolviert gerade ihr Praktisches Jahr und ist zurzeit in der Kinderchirurgie des Frankfurter Uniklinikums tätig. Dort, sagt sie, sei der Umgang mit den Studenten „wertschätzend“; es werde „auf Augenhöhe“ kommuniziert. Menze hat während ihrer Ausbildung auch schon anderes erlebt. Überhaupt hat ihr der Workshop noch einmal klargemacht, wie wichtig gute Kommunikation in ihrem künftigen Beruf ist. „Ich war jetzt sechs Jahre an der Uni. Es ist schade, dass es so einen Kurs nicht schon früher gab.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenStudentenAusbildungAirbus A330Frankfurt am MainUniklinik