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Hochschulen in Rhein-Main

Aller guten Dinge sind sieben

Von Sascha Zoske
 - 14:33

1. Studenten und Professoren lernen, andere Meinungen auszuhalten

Folgendes Szenario: Ein Lehrstuhlinhaber der Frankfurter Universität lädt Thilo Sarrazin zu einem Diskussionsabend ein. Statt ein Hausverbot für den Autor zu fordern, rufen Fachkollegen und Asta zum Besuch der Veranstaltung auf – um Sarrazins Islam-Thesen nach guter akademischer Sitte mit scharfen Argumenten zu sezieren. Ein frommer Wunsch, gewiss, aber dass die Redefreiheit an deutschen Unis noch Chancen hat, wurde vor einigen Wochen in Siegen bewiesen. Dort konnte der AfD-Kulturpolitiker Marc Jongen einen Vortrag halten, ohne aus dem Saal gebuht zu werden. Allerdings musste sich der Hausphilosoph der Rechtspartei dort auch heftige Kritik gefallen lassen. Die Goethe-Uni hat im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie zumindest die Anwesenheit von Andersdenkenden ertragen kann, als sie trotz Protesten einen Kongress des unter Homophobie- und Misogynieverdacht gestellten Soziologen Gerhard Amendt in ihren Räumen duldete. Der nächste Lernschritt wäre, im Wiederholungsfall die rhetorische Auseinandersetzung mit umstrittenen Gästen auf geeigneter Bühne zu ermöglichen. Mit Toleranz ist es wie mit einem Zahnarztbesuch: Zuerst tut es weh, aber hinterher ist man froh, es gewagt zu haben.

2. Den Hochschulen bleiben neue Quoten erspart

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ein Koalitionsvertrag zwischen der CDU und den Grünen ohne neue Quote ausgekommen wäre. Aber da sei der heilige Regulatius vor: Für Studienbewerber, die sich verpflichten, später als Landarzt zu praktizieren, soll es in Hessen künftig eigene Studienplatz-Kontingente geben. Viele Dekane und Studentenvertreter lehnen das ab, weil sie es für unsinnig halten, Medizin-Anfänger noch vor Studienbeginn auf einen bestimmten Berufsweg festzulegen. Die alt-neuen Regierungspartner hat das augenscheinlich wenig beeindruckt. Hoffentlich greift jetzt die andernorts schon grassierende Quotitis nicht auch noch in Lehre und Forschung um sich. Für die Frauenförderung etwa gibt es intelligentere Ansätze – Mentorinnen-Netzwerke zum Beispiel und frühes Ermutigen talentierten Nachwuchses, am besten schon in der Schule. Begabung braucht keine Quoten, das beweisen Landärztinnen, Uni-Präsidentinnen und Leibniz-Preisträgerinnen schon jetzt jeden Tag.

3. Es wird noch mehr getan, um den Wohnungsmangel zu bekämpfen

Auch in diesem Winter sind unter den Frankfurter Mainbrücken noch keine Studenten gesichtet worden, die auf muffigen Matratzen hockend mit klammen Fingern ihre Hausarbeit in den Laptop tippen. Trotzdem tun Asta-Vertreter recht daran, immer wieder auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum hinzuweisen. Was Quartiers-Knappheit und Lebenshaltungskosten angeht, landet Frankfurt in den einschlägigen Negativ-Statistiken regelmäßig hinter München auf Platz zwei, und auch in den anderen Hochschulstädten der Rhein-Main-Region ist das Studentendasein alles andere als billig. Die scheidende hessische Landesregierung hat zwar manches unternommen, um für mehr preisgünstige Buden zu sorgen, aber gleichzeitig mit dem Verkauf des früheren Frankfurter Polizeipräsidiums zum Premium-Preis Zweifel an ihrem Sinn für sozialverträgliche Wohnungspolitik geweckt. Mit mehr Einsatz auf diesem Feld könnte sich der designierte Superminister Tarek Al-Wazir in den hiesigen Unis einiges an Sympathie hinzuverdienen.

4. Angela Dorn reüssiert als hessische Wissenschaftsministerin

Weiblich, jung und demnächst Ressortchefin: Ihr bevorstehender Karrieresprung sei Angela Dorn von Herzen gegönnt. Bedenklich nur, dass die Grüne ihn auch einer sehr traditionellen, sehr männlichen Macht-Arithmetik verdankt. Weil sie Landeschefin ihrer Partei ist, hat sie eines der neu zu vergebenden Ministerämter verdient – so die aus anderen politischen Lagern bekannte Logik. Kompetenz wird da zur Nebensache: Durch besonderes Interesse an Wissenschaft und Kunst ist Dorn bisher nicht aufgefallen. Das galt vor fünf Jahren auch für ihren Vorgänger Boris Rhein von der CDU, der jedoch zumindest Kabinetts-Erfahrung mitbrachte. Aber sei’s drum: Dorn wäre nicht die Erste, der es gelänge, sich in ein fremdes Metier einzuarbeiten. Möge ihre Lernkurve so kräftig steigen, wie es die Stimmenzahl der Grünen bei der Landtagswahl tat.

5. Die NS-Vergangenheit wird sachlich bewältigt

Allzu lange werden die Studenten auf dem Frankfurter Riedberg-Campus die „Adolf-Messer-Stiftung-Lounge“ wohl nicht mehr ertragen müssen. Nachdem der Unternehmer und Stifter Stefan Messer bekundet hat, dass er mit einer Umbenennung des Gemeinschaftsraums kein Problem habe, sucht das Uni-Präsidium jetzt zusammen mit den naturwissenschaftlichen Fachschaften nach einem neuen Namen. So weit, so gut. In der Tat kann man bezweifeln, dass Adolf Messer, der während des „Dritten Reichs“ in seiner Industriegasefirma Zwangsarbeiter beschäftigte, sich als Namenspatron für Uni-Lokalitäten eignet. Inakzeptabel ist es aber, der von seinem Enkel geleiteten Stiftung finstere Absichten zu unterstellen und ihre Zuwendungen an Forscher als „braunes Geld“ zu verunglimpfen. Aus solchen Äußerungen spricht die tiefsitzende Aversion linker Wirtschaftsverächter gegen jede Art von privatem Engagement für Hochschulen. Den Universitäten Frankfurt und Darmstadt nachzusagen, sie seien von der Adolf-Messer-Stiftung abhängig, weil diese Preise an Wissenschaftler vergibt, ist lächerlich. Maßlose Vorwürfe dieser Art diskreditieren gleich zwei ehrenwerte Bestrebungen: die NS-Vergangenheit von Hochschulen umfassend aufzuarbeiten und in der Gegenwart beim Umgang mit privaten Förderern für Transparenz und klare Regeln zu sorgen.

6. Für die neue Frankfurter Uni-Bibliothek werden gute Ideen entwickelt

Mike Josef macht als Frankfurter Planungsdezernent einen ordentlichen Job, aber mit seiner jüngsten Idee für den Neubau der Frankfurter Uni-Bibliothek wird sich der Sozialdemokrat wohl nicht durchsetzen: Umgehend haben Land und Hochschule seinen Vorschlag abgelehnt, das Bücherzentrum gegenüber der Deutschen Nationalbibliothek und nicht direkt am Uni-Gelände zu errichten. Die Argumente gegen Josefs Einfall wiegen schwer: Das von ihm favorisierte Gelände liegt ein gutes Stück von der Uni entfernt, und gerade weil eine Bibliothek mehr ist als eine Literatur-Ausgabestelle, gehört sie dorthin, wo die meisten Studenten sind – also auf den Westend-Campus.

Immerhin hat Josef die Rolle solcher Einrichtungen im 21. Jahrhundert richtig verstanden, wenn er sie als Medien- und Lernzentren ansieht. Alle Experten sind sich einig, dass eine moderne Uni-Bibliothek nicht nur Informationsspeicher, sondern ebenso Kommunikations- und Forschungsraum sein muss. In diesem Sinne freuen wir uns auf weitere Anregungen für das Großprojekt, die sich gerne auch auf die erst zum Teil geklärte Finanzierung beziehen dürfen.

7. Die Arbeitsbedingungen von Mitarbeitern und Hiwis verbessern sich

Eine Doktorarbeit zu schreiben ist keine Mission auf Lebenszeit. Deshalb sind Qualifikationsstellen an Unis ja auch befristet. Studenten das Einmaleins ihres Fachs zu vermitteln oder ihnen wissenschaftliches Schreiben beizubringen, kann dagegen sehr wohl eine Daueraufgabe sein, und die sollte mit einer Dauerstelle honoriert werden. Das sehen erfreulicherweise auch die Koalitionäre in Wiesbaden so. Nicht jeder Lehrkraft werden die Hochschulen eine Anstellung garantieren können, aber alle sollten sich bemühen, den Anteil befristeter Arbeitsverhältnisse von derzeit 87 Prozent deutlich zu senken. Auch für die studentischen Hilfskräfte haben CDU und Grüne in ihrem Vertrag wohlwollende Worte gefunden. Ihre Arbeitsverhältnisse sollen hinsichtlich Krankheit, Urlaub und Vergütung „ähnlich zu Tarifverträgen“ geregelt werden. Recht so: Die Sozialkompetenz eines Arbeitgebers zeigt sich am besten daran, wie er mit jenen umgeht, die in der Hierarchie ganz unten stehen.

Quelle: F.A.Z.
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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