<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Wissenschaft vs. Tatort

Müssen Notaufnahmen so chaotisch sein?

Von Leon Igel
 - 21:45
zur Bildergalerie

Im neuen „Tatort: Inferno“ kommt die Notaufnahme nicht gut weg: Kameraüberwachung, mangelnde Sicherheitsbestimmungen, durch Patienten überfüllte Flure und überarbeitete Pfleger, die im Pausenraum Kleintiere halten. Entspricht das dem Status quo?

Dr. med. Michael Wünning (Chefarzt im Zentrum für Notfall- und Akutmedizin Hamburg):

Die Notaufnahme ist für viele ein Mythos, den es zu entschlüsseln gilt. Selbstverständlich halten wir keine Kleintiere im Pausenraum, da überzeichnet der „Tatort“. Aber es gibt dort durchaus Dinge, die den Alltag abbilden. Es ist zum Beispiel manchmal so, dass unsere Patienten auf dem Gang stehen. Notaufnahmen nehmen Menschen in Not auf, das muss man sich immer vor Augen halten. Das kann man nicht planen. Ich leite eine Notaufnahme in Hamburg, zu Stoßzeiten behandeln wir dort bis zu 35 Patienten gleichzeitig. Müssen wir einen Patienten beobachten, dann geht das oft nur auf dem Flur.

Notaufnahmen sind also schlecht organisiert?

Sie sind defizitär organisiert. Für einen Patienten, der zu uns kommt und wieder geht, bekommen wir 35 Euro, die Kosten für eine ambulante Behandlung betragen aber etwa 135 Euro. In einem Jahr beläuft sich das bei allen deutschen Notaufnahmen auf ein Minus von über einer Milliarde Euro. Die Notaufnahmen brauchen mehr Personal, aber dafür fehlen die Mittel. Das Arbeitsaufkommen für die Mitarbeiter ist nicht kalkulierbar, bei hoher Auslastung kann man an seine Belastungsgrenzen kommen. Gleichzeitig sind die Wartezeiten für die Patienten mit weniger dringlichen Erkrankungen oftmals lang.

Und das lassen sich die Patienten gefallen?

Es wurde gerade eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass 76 Prozent der hessischen Notaufnahmemitarbeiter körperlich attackiert und sogar 97 Prozent von ihnen verbal beschimpft wurden. Die Gewalt von Patienten gegenüber dem Personal ist zunehmend ein Problem. In den letzten vier Jahren sind in den deutschen Notaufnahmen jährlich fünf bis sieben Prozent mehr Patienten gekommen. So schnell kann man keine neuen Räume schaffen oder genügend Personal finden. Ein Krankenhaus kann so schnell nicht wachsen. Auch für die Mitarbeiter ist das unbefriedigend. Resilienz wird ein immer wichtigeres Thema: Wie halte ich dem Druck stand? Dafür ist zum Beispiel eine Hotline geplant, über die Mitarbeiter mit Experten über ihre Probleme sprechen können. Im Wartezimmer bekommen das die Patienten nicht mit.

Wieso rennen plötzlich alle in die Notaufnahme?

Das Krankenhaus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Gesundheit wird heute wie ein Konsumgut begriffen. Wer nachts im Internet shoppen kann und dank Video on Demand immer das schauen kann, was er möchte, der möchte das auch für seine Gesundheit. Und das ist kein deutsches Phänomen, die starke Frequentierung von Notaufnahmen sehen wir überall in der westlichen Welt. Gleichzeitig passt die Notaufnahme nicht in unseren getriebenen Alltag. Sobald man die Notaufnahme betritt, verändert sich das Leben des Betroffenen sofort, es geht ja um die Gesundheit. Das kann zu Aggressionen führen. Da geht es dem Migranten übrigens nicht anders als dem Manager. Es ist ein kultur- und schichtübergreifendes Phänomen.

Was unternehmen die Notaufnahmen, um den vielen Patienten gerecht zu werden?

Die Notfallversorgung ist in den letzten zwanzig Jahren deutlich professionalisiert worden. Früher hat der Pförtner entschieden, wo sie als Patient in Not hingehen. Oft begann dann eine Odyssee durch verschiedene Stationen. Dann kamen Ärzte und Pfleger räumlich zusammen. Jetzt haben wir eine eigene Zusatzbezeichnung für den Notfallmediziner, was auf dem Bundesärztekongress im letzten Jahr entschieden wurde. Auch gilt die Notaufnahme seit Mai letzten Jahres als eigenständige Organisationseinheit, die eine eigene ärztliche und pflegerische Leitung braucht. Nur so kann sie in Zukunft als solche tätig sein. Der Gemeinsame Bundesauschuss hat letztes Jahr eine Neustrukturierung der Notaufnahmen beschlossen. Es soll drei Stufen von Notaufnahmen geben, die sich nach Versorgungsleistung unterscheiden. Mindestens müssen sie jedoch eine Anästhesie, Chirurgie und Innere Abteilung aufweisen. Erfüllt man die Kriterien des Ausschusses nicht, kann man nicht mehr an der vergüteten Notfallversorgung teilnehmen. Von den aktuell 1800 Notaufnahmen werden so etwa 1300 übrigbleiben. Die wegfallenden 500 Aufnahmen haben bisher drei bis fünf Prozent der Patienten versorgt.

Gibt es denn vorbildliche Notaufnahmen?

Meine Notaufnahme möchte ich keinesfalls als beispielhaft herausstellen, aber an ihr kann ich die Prozesse gut erklären. Wir versorgen jedes Jahr etwa 42.000 Notfallpatienten. Ob man mit dem Rettungswagen oder auf anderem Weg kommt, spielt keine Rolle bei der Frage, wie schnell man an die Reihe gelangt. Innerhalb der ersten zehn Minuten werden die Patienten von zuständigen Pflegekräften eingeschätzt. Das erfolgt nach dem international anerkannten Manchester-Triage-System, das den Patienten in verschiedene Stufen der Dringlichkeit einordnet. Rot heißt etwa lebensgefährlich, blau bedeutet, dass der Patient bis zu zwei Stunden warten kann. Nach der Einschätzung der Dringlichkeit können wir dann entscheiden, ob der Patient auch außerhalb der Notaufnahme in unserer Portalpraxis behandelt werden kann. Das alles ist bei uns in Hamburg an elektronischen Boards sichtbar. Dort werden auch die Rettungswagen mit ersten Informationen über die Patienten angekündigt. Dieses System funktioniert gut.

Lange Wartezeiten gibt es für die Patienten auch bei der Notaufnahme, die Sie leiten. Was kann man besser machen?

Wir müssen versuchen, den Prozess zu verbessern. Oft hört man den Satz, ein Patient sei falsch in der Notaufnahme. Aber das stimmt nicht: Ein Patient kommt ja, weil er in Not ist. Es gibt keine falschen Patienten. Die Krankenhäuser müssen nur so ausgestattet werden, dass sie der Patienten besser Herr werden können. Die Notaufnahmen bräuchten eine Milliarde Euro mehr im Jahr – nur um ihre Verluste für ambulante Patienten auszugleichen. Nur mit mehr Ressourcen und dem damit verbundenen Mehr an Zeit können wir Patienten zeitgerechter versorgen. Ich sehe es tagtäglich: Wir behandeln gut, aber die Wartezeiten sind oftmals zu Stoßzeiten unglaublich lang. Es gibt ja Warteschlangentheorien. Die Formeln können auch wir anwenden: Steigt die Auslastung eines Arztes um fünf Prozent, kann sich die Wartezeit verdoppeln.

Es muss also zu Veränderungen kommen?

Es wird Veränderungen geben. Wie genau, das wissen wir noch nicht. Jens Spahn kündigte an, die Notfallversorgung dieses Jahr noch völlig neu zu organisieren. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung von 2018 berechnete, dass es mit nur 736 Notfall-Krankenhäusern möglich ist, dass 99 Prozent der Bevölkerung eine Notaufnahme innerhalb von dreißig Minuten erreichen können. In Ballungsräumen würden auf eine Notaufnahme so 250.000 Menschen kommen. In Hamburg würden von aktuell zwanzig Notaufnahmen noch sechs bis sieben übrig bleiben. Im Mai letzten Jahres sprach man noch von einer Verringerung auf etwa 1300 Notaufnahmen, jetzt geht man weiter. Eine Zentralisierung der Notaufnahme ist als politisch gewollter Trend zu erkennen.

***

Dr. med. Michael Wünning ist leitender Arzt des Zentrums für Notfall- und Akutmedizin am Hamburger Marienkrankenhaus. Er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenTatortHamburg