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Wolfgang Brezinka zum 90.

Wie man Unzufriedenheit produktiv macht

Von Heinz-Elmar Tenorth
 - 09:03

„Unzufriedenheit mit der wissenschaftlichen Pädagogik“, das ist ein verbreiteter Zustand, aber nur selten wird er, wie bei Wolfgang Brezinka, zum zentralen Motiv für eine dauerhaft produktive, systematische Arbeit an einer Disziplin, die einer seiner Mentoren, Rudolf Lochner, schlicht ein „Monstrum“ genannt hat. Brezinka suchte die neue Qualität in mehreren Dimensionen, in einer klaren Begrifflichkeit, in sozialwissenschaftlich inspirierter Forschung und in der Bedeutsamkeit für die Praxis der pädagogischen Berufe.

Seine eigene Kompetenz im Fach hatte er schon in den fünfziger Jahren in sozialwissenschaftlichen Studien an amerikanischen Elitehochschulen vertieft. In Innsbruck rasch promoviert und habilitiert, immer mit einem Blick über die disziplinären Grenzen hinaus, beispielsweise in Psychologie oder Psychiatrie, wurde er mit dreißig Jahren Professor und konnte demonstrieren, wie man die Unzufriedenheit erst begründet diagnostizieren und dann die Lage ändern kann. „Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft“, das war die generelle Losung, die Befreiung der Lehrerbildung von engen konfessionellen Bindungen der erste Schritt, die Kritik des tradierten Jargons der zweite, das Plädoyer für begründete wissenschaftstheoretische Kriterien, inspiriert von Lessing bis Popper, der dritte. Die Disziplin fühlt sich konstant seit den sechziger Jahren mehr als herausgefordert: Der philosophischen Tradition missfiel die Kritik ihrer diffusen Sprache, wie er exemplarisch an „Bildung“ vorführte, der progressiven Fraktion war er nicht kritisch genug, den harten Empirikern zu theoretisch, mit der hochschulpolitischen Situation war er selbst unzufrieden. Sogar an einem so lieblichen Ort wie Konstanz suchte er streitig nach Alternativen. Große Anerkennung gab es dagegen im Ausland.

Nach den erregten Kontroversen im Namen von Wissenschaftstheorie und Politik, die seine bedeutsamen Unterscheidungen zwischen Metatheorie und Forschung, Reflexion und Handeln kaum ernstgenommen oder genutzt hatten, geriet er eher an den Rand des Faches. Mit dem Rückzug nach Österreich, dessen Staatsbürger der gebürtige Berliner seit 1955 auch war, begann seine neue Arbeit als Disziplinhistoriker, unterstützt durch die Mitgliedschaft in der Wiener Akademie. In vier voluminösen Bänden, 2014 abgeschlossen, hat er die Geschichte der österreichischen Universitätspädagogik aus den Quellen erarbeitet, sensibel für den Fortschritt des Faches, kritisch gegen akademischen Klüngel, fachliche Bornierung und politische Irrtümer, erneut nicht nur zur Freude seiner Fachgenossen. Auch bei der aktuell dominierenden „empirischen Bildungsforschung“ sieht der vermeintliche Szientist und Empirist eher die Risiken der Verwissenschaftlichung, zumal in der schwindenden Handlungsbedeutsamkeit des Faches.

Heute wird Wolfgang Brezinka neunzig Jahre alt, wahrscheinlich immer noch unzufrieden mit seiner Disziplin. Die sollte jetzt aber eingestehen, wie produktiv sein Beitrag zur Entwicklung des Faches war und wie notwendig seine Kritik immer noch ist.

Quelle: F.A.Z.
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