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Lage der Geisteswissenschaften

Es gibt kein besseres Argument als ein gutes Buch

Von Friedemann Bieber und Jürg Berthold
 - 09:25

Wenn Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich, seinen akademischen Bericht zusammenstellt, dann muss er seine eigenen Prioritäten zurückstellen: „Bücher, an denen das Herzblut hängt, sind in dem Bericht von untergeordneter Bedeutung“, sagt Hampe. Sein letztes Buch, „Die Lehren der Philosophie“, erschien 2014 bei Suhrkamp und löste eine eigene Debatte aus. Mehrere Symposien wurden speziell zu dem Text veranstaltet. Im Bericht der ETH aber ist das Buch nur ein „Item“ zwischen Aufsätzen und Gastvorträgen. Wer Monographien schreibt, schadet der Karriere.

Der sinkende Stellenwert der Bücher verdeutlicht, dass die Geisteswissenschaften zunehmend Erwartungen unterworfen werden, die aus anderen Bereichen der Wissenschaft stammen. Nun lehrt Hampe an einer Technischen Hochschule, und in der Physik hat die Monographie eine andere Stellung. Stefan Collini aber, Professor für Englische Literatur und Intellectual History an der Universität Cambridge, berichtet aus Großbritannien etwas Ähnliches: Wer an der letzten Evaluation des Research Excellence Framework (REF) im Jahr 2014 teilnehmen wollte, musste grundsätzlich vier Publikationen vorweisen. Ein Buch zählte dabei genauso als Publikation wie ein Aufsatz. Die doppelte Wertung einer Monographie ließ sich zwar beantragen, ein Erfolg war aber nicht garantiert. „Für einige Geisteswissenschaftler wäre es da strategisch klüger, ihr Buch in mehrere Aufsätze aufzubrechen“, sagt Collini. Der Wissenschaftler muss sich das genau überlegen, denn von den Ergebnissen des REF hängt die Vergabe von Geldern ab.

Die Übertragung naturwissenschaftlicher Maßstäben auf die Geisteswissenschaften ist in Großbritannien besonders weit vorangeschritten. Auch im deutschsprachigen Raum sind klare Zeichen für diese Entwicklung erkennbar. Beispiele dafür sind die Zunahme kumulativer Dissertationen und Habilitationen, die Quantifizierung der Forschungsleistung im H-Index und die Arbeit in drittmittelfinanzierten Projekten, die sich an der vergleichsweise kurzen Laufzeit von Promotionen bemessen. Das erzeugt einen Legitimationsdruck, dem die Geisteswissenschaften kaum gerecht werden können.

Gelehrsamkeit statt Forschung

Klar ist, wer forscht, kann sich der Logik zunehmender Spezialisierung nicht entziehen. Das erklärt die wachsende Bedeutung der Journal- und Konferenzbeiträge. Hier finden die Diskussionen der Scientific Community statt, hier konnten sich die „Reputationsscores als zentrale Leitwährung“ etablieren, wie der Soziologe Stefan Mau in seinem Buch „Das metrische Wir“ (Suhrkamp, 2017) schreibt. Für Mau stehen sich in den Sozialwissenschaften mittlerweile journal people und book people gegenüber: „Es rivalisieren also zwei Reputationswelten miteinander, die ihre friedliche Koexistenz längst aufgegeben haben.“ Da die journal people als Gewinner wesentlich bestimmen, was in die Zählung eingeht, werden die Buchveröffentlichungen gemäß Mau nach und nach „invisibilisiert“.

Das Problem ist also nicht die Spezialisierung als solche, sondern dass sich im Zuge der Messung des Forschungserfolges Kriterien und Verfahren etablieren, die falsche Anreize schaffen und ganze Felder kolonialisieren können. Man sollte den Begriff der Forschung in Bezug auf die Geisteswissenschaften deshalb mit Bedacht verwenden. Collini erinnert etwa an den englischen Begriff „scholarship“, der zunehmend durch „research“ verdrängt worden sei. Dabei hat „scholarship“ eine umfassendere Bedeutung. Der Blick des Scholars, oder zu Deutsch des Gelehrten, ist im Unterschied zu dem des Forschers nicht vorrangig auf die Zukunft, sondern zugleich auf die Vergangenheit gerichtet. Er orientiert sich nicht allein an den neuesten Publikationen, sondern steht in einer Tradition, hat einen Überblick über die Entwicklung seiner Disziplin und formuliert aus dieser Kenntnis heraus seine Fragen.

Der Wert einer angemessenen Selbstbeschreibung

Hans-Ulrich Gumbrecht, emeritierter Professor für Komparatistik in Stanford, schlägt zumindest für Teile geisteswissenschaftlicher Praxis den ursprünglich theologischen Begriff der Kontemplation vor. Jenseits seines Lehrdeputats liest Gumbrecht mit Studenten verschiedener Fächer im kleinen Kreis ausgewählte Texte, kürzlich etwa Nietzsches Zarathustra. Er selbst, sagt Gumbrecht, erhalte dafür kein Geld, eine Studentin oder ein Student keine Punkte. Doch die gemeinsame Auseinandersetzung mit Texten sei nicht nur Quelle der Inspiration, sondern auch einer intellektuellen Kultur, die sowohl für das Leben der Universität als auch für die Gesellschaft zentral sei. „Das meiste, was bei uns produktiv ist, läuft ohne zusätzliches Geld genauso gut“, sagt Gumbrecht, der in Stanford natürlich privilegierte Bedingungen hat: „Der Drittmittel-Ehrgeiz ist Teil eines Syndroms, das schlecht ist für die Geisteswissenschaften. In einer schrägen Analogie zu den Naturwissenschaften haben sie die Vorstellung, Forschung zu betreiben.“

Wie sich am Begriff der Forschung zeigt, ist die Frage der angemessenen Selbstbeschreibung keine Nebensache. An ihr hängen Selbstverständnis wie Außenwahrnehmung. Der Einfluss, den Ausdrücke wie „Effizienz“, „Impact“ und „Output“ auf das eigene Tun haben, ist nicht zu unterschätzen. Wo gemessen wird, interessiert man sich für die Resultate, selbst wenn man den Maßstäben der Messung misstraut. Wo man gedrängt wird, das eigene Tun in einer Terminologie des Managements zu fassen, gerät aus dem Blick, was dieser Logik widerspricht. Und wo Vorgaben aus den Naturwissenschaften übertragen werden, schrumpfen die vielfältigen Herangehensweisen der Geisteswissenschaften auf das Paradigma des Problemlösens zusammen.

Jenseits ökonomischer Profitabilität

Solche falschen Orientierungen haben Auswirkungen auf den institutionellen Rahmen. In England etwa hat die Regierung die finanzielle Grundausstattung der Geisteswissenschaften 2012 massiv zusammengestrichen. Die Lehre soll in Zukunft über die auf bis zu neuntausend Pfund erhöhten Studiengebühren bezahlt werden, die wissenschaftliche Arbeit über Projektgelder. Das bedroht die Geisteswissenschaften vor allem an weniger renommierten Universitäten. In der Lehre stellt die Kommodifizierung des Studiums das Ideal zweckfreier Bildung in Frage. Verschulden sich Studenten, wollen sie in der Regel sichergehen, dass sie mit ihrem Abschluss eine einträgliche Anstellung finden. Einige Fächer, etwa Kunstgeschichte und Altphilologie, sind daher in England hauptsächlich Kindern aus wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Bei der Bewerbung um Forschungsgelder sollen Geisteswissenschaftler wie alle anderen auch den konkreten gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit benennen. Doch wie lässt sich dieser im Fall einer Monographie über die Darstellung von Tieren bei Kafka quantifizieren?

Auch andernorts stehen die Geisteswissenschaften institutionell unter Druck. In den Vereinigten Staaten sind Teile der Republikanischen Partei der Wissenschaft gegenüber grundsätzlich feindlich eingestellt. Obwohl die Geisteswissenschaften in Deutschland eine breitere gesellschaftliche Unterstützung erfahren, lässt sich die Schwächung der festen Finanzierung auch hierzulande beobachten. Die Exzellenzinitiativen stehen für eine Entwicklung hin zu ergebnisorientierter Arbeit. Man könnte sie geradezu als Entzug eines grundlegenden Vertrauens verstehen – nun wird regelmäßig evaluiert.

Um sich falschen Maßstäben erfolgreich zu widersetzen, müssen die Geisteswissenschaften einen Weg finden, ihren Wert jenseits des Begriffs der ökonomischen Profitabilität und jenseits des engen Maßstabs quantifizierbaren Nutzens zu behaupten. Je nach Kontext werden sie dafür unterschiedliche Argumente brauchen. Ganz grundsätzlich können die Geisteswissenschaften geltend machen, dass sie eine Art der Reflexion menschlicher Erfahrung und Geschichte ermöglichen, ohne die wir uns selbst gar nicht begreifen können. Wie arm wäre unsere Welt ohne das Nachdenken über die Ursprünge menschlicher Kultur, ohne das Hinterfragen unserer Moralvorstellungen, ohne den Spiegel von Kunst und Literatur? Oder, besser, wer wären wir noch? Das Bewusstsein über unser Gewordensein wäre matt, unser Blick auf die Zukunft haltlos, uns fehlten die Begriffe zum Formulieren existentieller Fragen.

Greifbare Beiträge zum Nutzen der Gesellschaft

Die geisteswissenschaftliche Fähigkeit zur Kritik, ihr Modus des beständigen Infragestellens und ihre historische Tiefe sind fundamental für den Erhalt einer rationalen Kultur, in der es um das Anhören anderer Stimmen und das Abwägen von Gründen geht. Auf diesem Fundament einer pluralistischen, aufgeklärten Gesellschaft stehen am Ende auch die Sozial- und Naturwissenschaften. Zum anderen können Geisteswissenschaftler auch ganz greifbare Beiträge leisten. Der schwedische Philosoph Sven Ove Hansson beeinflusste beispielsweise mit seiner moralphilosophischen Arbeit zum Vorsorgeprinzip und dem Umgang mit Risiken das Projekt „Vision Zero“, mit dem sich Schweden 1997 das Ziel gesetzt hat, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken. Revolutionär ist nicht nur der Vorsatz, sondern auch die Ausgangsthese: Es müsse, so der Parlamentsbeschluss, angenommen werden, dass die Verantwortung für jeden Unfall bei den Gestaltern des Verkehrssystems liege. Mittlerweile gelten Schwedens Straßen als die sichersten der Welt, die Zahl der Verkehrstoten hat sich seit 1997 halbiert.

So grundlegend sie sind, mitunter bleiben solche Argumente für den Wert der Geisteswissenschaften vielleicht zu abstrakt. Auch deswegen müssen sich ihre Vertreter eine Zweisprachigkeit bewahren, die es ihnen erlaubt, neben Kollegen die breitere Öffentlichkeit zu adressieren. Die Sichtbarkeit hängt nicht nur vom Thema ab, sondern auch von der Wahl des Stils und der Form. Bücher finden grundsätzlich leichter den Weg in die Öffentlichkeit als Beiträge in Fachzeitschriften. In den staatlichen Evaluationen kann Stefan Collini, der Professor aus Cambridge, wissenschaftliche Monographien nur noch eingeschränkt „abrechnen“, doch eines der besten Argumente für den Wert der Geisteswissenschaften bleibt seiner Überzeugung nach weiter der Hinweis: „Lies das, das ist ein gutes Buch.“

Quelle: F.A.Z.
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