Hubert Winkels provoziert

Welche Kulturkritik wollen wir?

EIN KOMMENTAR Von Jan Wiele
17.06.2021
, 15:14
Hubert Winkels, ehemaliger Jurypräsident beim Bachmannpreis-Wettbewerb, hielt am 2021 die dortige Rede zur Literatur
Am Katzentisch zwischen Habermas und André Rieu: Hubert Winkels stellt in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur die Grundfrage des heutigen Kulturjournalismus. Sie lautet: Warum sollte man sich für Expertentum schämen?

Es gab schon leichter verständliche Reden zur Literatur in Klagenfurt als die des ehemaligen Juryvorsitzenden Hubert Winkels – aber dass seine nun gehaltene Rede mitunter auf Fachvokabular (vorprädikativ, apotropäisch), Habermas-Exegese und professoralen Gestus setzte, war vielleicht gerade ihre Pointe und ihr Vermächtnis. Denn in ihrem Zentrum stand ein Begriff, der auch in den Debatten um Kürzung und Banalisierung von Kultursendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zuletzt wieder aus der Scham-Ecke in die Mitte des Raumes geholt wird: der des Bildungsbürgertums.

Für manche ist das ein Schimpfwort, und ebenda liegt der Hase im Pfeffer, wenn Intendanten und Programmverantwortliche ihr inzwischen immergleiches Unternehmensberater-Vokabular auf Kultur anwenden, um Niveausenkungen zu verbrämen. Dem trat Winkels entgegen, indem er noch einmal ganz stark für die Kritik als eigene Kunstform plädierte, die sich vom übrigen Journalismus kategorisch unterscheide. Narrationskritik im Besonderen liefere im besten Fall eine „Semiologie der profanen Erleuchtung“.

André Rieu und der Kunstbegriff

Der Witz einer Kritikerjury beim Bachmannpreis-Wettbewerb war bislang der, dass die extravaganten, auch mal hochdrehend akademischen Deutungen literarischer Texte, nicht nur solche von Winkels, eingefangen wurden durch andere, polemische oder ausgleichende Kritiker-Temperamente in einer Runde von sieben Stimmen. In seiner Rede nahm Winkels allerdings durchaus auch solche polemischen, unmissverständlichen Elemente auf. Die „inspirierten Betreiber“ der Kritik säßen inzwischen „am Katzentisch der kulturellen Öffentlichkeit“, während man sie von der großen Tafel aus beargwöhne, und dort, inspiriert von der Logik der Klickzahlen, den „um André Rieu erweiterten Kunstbegriff“ pflege.

Die Reaktion auf Winkels’ Rede in sozialen Medien war teils im Sinne eines quod erat demonstrandum: Sie wurde als elitär zurückgewiesen, sogar unter freiwilligem Nachplappern des Funktionärsprechs: (Literatur-)Kritik solle Barrieren einreißen und alle abholen, man brauche heute andere Formen als die Rezension etc. Bei der Kritik am Feuilleton in sozialen Medien, insbesondere aber auch auf Plattformen, die selbst Feuilleton sein wollen, dies aber ständig mit großer Geste von sich weisen, hat man heute oft den Eindruck einer Scham über Expertentum.

Bildung als Schimpfwort?

Dabei liegt vielleicht darin die wichtigste Frage für eine zukünftige Kulturkritik: Wie bekommt sie es hin, jenseits der Frage nach dem damit verbundenen Gestus, solches Expertentum zu bewahren, und auf natürliche, vielleicht inspirierende Weise auszustrahlen? Wie bekommt sie es hin, dass kulturelle Bildung kein mit Klischees behaftetes Schimpfwort, sondern etwas Erstrebenswertes ist (ein Blick in Länder, in denen Bildung für viele unbezahlbar ist, könnte helfen)?

Ein weiterer Punkt von Winkels war, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im Grunde die Blaupause dafür geliefert haben, wie man informiert und dennoch anschlussfȁhig über Literatur redet. Dafür war tatsächlich die Diskussion beim Bachmann-Wettbewerb, sosehr sie sich auch über die Jahre verändert hat und so absurde Ausfälle es auch gab und gibt, immer ein Garant. Es wäre schön, wenn das so bliebe, auch über Klagenfurt hinaus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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