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Humboldt-Forum im Zwielicht

Ein Spender von rechts außen

EIN KOMMENTAR Von Andreas Kilb
04.11.2021
, 21:43
Jetzt rächt sich, dass die Politik die Schlossfassade zur Privatsache gemacht hat: Das Humboldt-Forum in Berlin Bild: dpa
Das Humboldt-Forum im Berliner Schloss sollte ein Haus der Weltoffenheit sein. Mit den Enthüllungen über einen der Großspender für die Schlossfassade wird es abermals zur Bühne des Zwists.
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Dass der 2016 verstorbene ehemalige Bankier Ehrhardt Bö­decker in Wort und Schrift rechtslastige und antisemitische Positionen vertreten hat, ist nicht zu be­streiten. Auch Bödeckers Familie hat das inzwischen in einem Anwaltsschreiben eingeräumt, in dem sie zu­gleich die Verdienste des „leidenschaftlichen Verteidigers der Errungenschaften Preußens und des Kaiserreichs“ etwa bei der Herausgabe der Schriften des deutschjüdischen Publizisten Theodor Wolff würdigt.

Die Frage ist, was diese Erkenntnis für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss bedeutet, für dessen Rekonstruktion Bödecker und seine Frau mehr als ei­ne Million Euro gespendet haben. Die Familie bittet, das Medaillon im Durchgang vom Westportal zum Eo­san­der­hof abzunehmen, mit dem das Ehepaar wie alle Großspender ge­ehrt worden ist. Zugleich kündigte die Stiftung Humboldt Forum an, „ein re­nommiertes zeithistorisches Institut“ zu beauftragen, den Vorwürfen gegen Bödecker nachzugehen.

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Leumundszeugnis für Spender?

Dem Publizi­sten und Architekturprofessor Philipp Oswalt, der die Debatte mit ei­nem Artikel im Berliner Tagesspiegel ausgelöst hat, geht das freilich nicht weit genug. In einem Rundbrief fordert er eine grundsätzliche Durchleuchtung der Schlossfassaden-Mäzene, um zu klären, wie „Personen rechtsradikaler Gesinnung“ Einfluss auf das Bauvorhaben genommen hätten. Soll jetzt je­der einzelne Spender ein politisches Leumundszeugnis nachreichen? Dass unter den fünfundvierzigtausend Personen, die dem Spendenaufruf des Vereins Berliner Schloss gefolgt sind, kaum Wähler der Linkspartei, aber viele Preußen-Nostalgiker sind, kann niemanden überraschen.

Ehrung der Mäzene: die Spender-Plaketten am Westportal, rechts das Ehepaar Bödecker Bild: dpa

Blamiert ist durch den Fall Bödecker deshalb auch nicht der Schlossverein, dessen Gründer Wilhelm von Boddien freimütig zugibt, man habe bei der Geldannahme nicht auf Gesinnung, sondern auf bürgerliche Reputation geachtet. Blamiert ist die Bundespolitik, die die Re­konstruktion der Barockfassaden zur Privatsache gemacht hat. Die kurzlebigen Vorteile der Mischfinanzierung des Humboldt-Forums, die der damalige Bauminister Tiefensee 2006 mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Wowereit aushandelte, haben sich in langfristige Nachteile verwandelt. Zuerst wurde ein Kreuz auf die Schlosskuppel gesetzt, das den Geist des Projekts ad absurdum führt. Dann kam eine Kuppelumschrift hinzu, von der die meisten Kulturpolitiker noch nie gehört hatten. Und jetzt hat das Forum eine Gesinnungsdebatte am Hals, die sein öffentliches Ansehen abermals beschädigt. Ein Haus der Weltoffenheit wollte es sein. Nun ist es eine Bühne des deutschen Zwists.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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