Ingo Schulze zum Fall Grass

Eine Lösung kann nur allseitige Abrüstung bringen

Von Ingo Schulze
17.04.2012
, 08:32
Ingo Schulze fragt sich, warum wir nicht mehr streiten können, ohne den anderen zu verteufeln
Die Debatte über das Gedicht von Günter Grass sagt viel über unsere Streitkultur: Eine Erwiderung auf Durs Grünbein.

Im Frühjahr 1999 saßen wir nach einer Lesung zu viert in Aarhus in Dänemark zusammen, Günter und Ute Grass, Durs Grünbein und ich. Die Jahreszahl und Jahreszeit weiß ich nur deshalb, weil wir uns über den Kosovo-Krieg stritten. Die beiden Kollegen nahmen Partei für die deutsche Regierung und deren Kriegseinsatz gegen Serbien, ich war dagegen und fand es absurd, mit Bomben auf Belgrad und Novi Sad den Kosovo-Albanern helfen zu wollen. Ute Grass hielt zu ihrem Mann, fand aber meine Argumente nicht abwegig.

In den Diskussionen um den Kosovo-Krieg hatte ich in den Wochen zuvor zum ersten Mal erlebt, wie ein politischer Riss den Kreis der Freunde teilen konnte und wie Gespräche selbst einander Wohlgesinnter zu persönlichen Angriffen und Unterstellungen verkamen. An diesem Abend war das nicht der Fall. Im Gegenteil, es ging um die Sache, wir kamen zu keiner Einigung, es wurde spät, und der Abschied war herzlich. Ich weiß auch noch, dass wir über Paul Celan sprachen und Grass den Celanschen Vortragsstil als fremd und überzogen empfand. Den Auftritt Celans vor der Gruppe 47 wird Grass nicht geschildert haben können, denn 1952 war er noch nicht Mitglied der Gruppe. Was ich zuvor nicht gewusst hatte: Grass und Celan waren befreundet gewesen, vor allem in den fünfziger Jahren, als sie beide in Paris gelebt hatten.

Es wird wohl kaum mehr zu einem gemeinsamen Treffen kommen

Ich erwähne diesen Abend, weil Durs Grünbein das damals von Günter Grass über Paul Celan Gesagte als Beleg dafür nimmt, „dass unser Autor wenig Sinn für die realen Ängste der anderen hat“ (F.A.Z. vom 12. April). Diesen Eindruck teile ich nicht. Den hatte ich auch nie bei unseren zahlreichen Begegnungen. Aber selbst wenn ich ihn teilte, wäre das für die Diskussion um „Was gesagt werden muss“ wirklich von Bedeutung?

Ich erwähne den Abend aber auch, weil ich mir wünschte, wir könnten wieder zusammensitzen und sprechen und streiten, von Angesicht zu Angesicht, ohne den anderen als Person zum Teufel zu wünschen. Und ich schreibe davon, weil ich beiden Schriftstellern viel verdanke, Anregungen wie auch Förderung, und weil ich beide als sehr kollegial kenne und ich mich mit beiden, über manche Differenzen hinweg, für befreundet halte und es nun, nach dem Artikel von Durs Grünbein, der mit den Worten (ein Kafka Brief-Wort paraphrasierend) endet „Weg du, Günter Grass!“ wohl auch kaum mehr zu so einem gemeinsamen Treffen kommen wird.

Das Undenkbare wird zum erwarteten Ereignis

Dieses Aufkündigen des Gespräches ist persönlich bitter. Zugleich erscheint es mir zeichenhaft für die Debatte um den Text von Grass und auch für die Schwierigkeit, sich öffentlich über das, was uns angeht, auszutauschen. Denn was man auch immer gegen „Was gesagt werden muss“ vorbringen kann, dieser Text bietet die Chance, in einer viel breiteren Öffentlichkeit, als sie durch Verlautbarungen von Politikern erreicht wird, über die Gefahr eines Krieges zu sprechen, eines Krieges, der auch Deutschland mittelbar und unmittelbar betrifft. In einer Diskussion kann ergänzt werden, was als fehlender Kontext bemängelt wird, wie die Bedrohung Israels in seinem Existenzrecht, kann präziser gefasst werden, was man als überspitzt oder falsch ansieht. Aber zugleich muss es doch auch darum gehen, dass Israel einen sogenannten Präventivschlag plant, um Irans Atomanlagen zu zerstören, und dass es nicht auszuschließen ist, dass Deutschland durch Waffenlieferungen indirekt daran beteiligt ist.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, welche Folgen solch ein Angriff hätte. In jedem Fall aber wäre er ein Desaster. Selbst wenn eine nukleare Katastrophe ausgeschlossen werden könnte, würde es nichts daran ändern, dass dieser geplante Präventivschlag ein untaugliches und zu ächtendes Mittel ist. Die in den Fernsehnachrichten verbreiteten Satellitenbilder von den iranischen Nuklearanlagen erinnern fatal an jene Bilder, die im Vorfeld des Irak-Krieges zu sehen waren. Ob man will oder nicht, aber die Wiederholung dieser Bilder wie der Spekulationen zu einem Präventivschlag haben eine Gewöhnung zur Folge, die das Undenkbare geradezu zum erwarteten Ereignis machen.

Günter Grass als Person nicht mehr respektierende Angriffe

Selbstverständlich kann niemand wollen, dass Iran zur Atommacht wird. Die Frage aber ist doch: Wie kann das erreicht werden? Gestehen wir der einen Seite ein Arsenal an Atomwaffen zu - das bis heute offiziell nicht existiert - und verlangen von der anderen Seite, nicht danach zu streben? Eine Lösung kann nur in allseitiger Abrüstung bestehen, nicht im Draufschlagen, solange man der Stärkere ist. Die Hardliner der einen Seite aber brauchen nichts so sehr wie die Hardliner der anderen Seite. Da spielt es offenbar auch keine Rolle, dass amerikanische Geheimdienste den Bau dieser iranischen Nuklearwaffen bestreiten. Ein Angriff auf Iran würde zudem die Opposition noch mehr schwächen. Aber nur von innen kann eine anhaltende Veränderung kommen, eine dauerhafte Befriedung der Region. Und vergessen wir nicht, dass an dem heute in Iran herrschenden System, das die Bevölkerung als ihr Eigentum behandelt, auch der Westen eine Mitschuld trägt. Denn ohne den von den Vereinigten Staaten und Großbritannien betriebenen Sturz des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh 1956 und der Inthronisierung des Schahs wäre wahrscheinlich Iran und der Welt sowohl jener Schah wie auch ein Chomeini erspart geblieben.

Deutschland hat aufgrund seiner Verantwortung gegenüber Israel, aber auch aufgrund seiner Verantwortung gegenüber den Palästinensern und den anderen Staaten der Region, die Pflicht, Waffenlieferungen nicht unbesehen und bedingungslos zu genehmigen. Der Text von Günter Grass könnte der Anlass dafür sein, in Zustimmung wie Widerspruch auch darüber zu sprechen.

Doch selbst wenn ich den Text „Was gesagt werden muss“ ablehnen würde, wäre ich als Bürger und Kollege aufgerufen, Günter Grass gegen ihn als Person nicht mehr respektierende Angriffe zu verteidigen. Ich möchte nirgendwo lesen: „Weg du, Ingo Schulze!“, „Weg du, Durs Grünbein!“ Es ist ein Unterschied, ob sich Kafka „im Affekt (. . .) ein seltenes Beispiel von Ausfälligkeit“ in einem Brief erlaubt, oder ob ich einen Kollegen, dessen Ansichten mir missfallen, öffentlich hinweg wünsche.

Der Schriftsteller Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er „Orangen und Engel - Italienische Skizzen“.

Quelle: F.A.Z.
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