Intelligenzforschung

Gott lebt

EIN KOMMENTAR Von Philip Kovce
02.09.2013
, 20:10
Auf den Spuren von Kurt Gödel gelingt zwei Wissenschaftlern der digitale Gottesbeweis. Das Rätsel des Herrn scheint also gelöst - wäre Gödel sich selbst nicht bereits mit einer anderen Erkenntnis zuvorgekommen.

Letztes Jahr erschien in Berlin ein Buch, das es mit dem Allergrößten aufnimmt. Sein Titel: „311 Gottesdefinitionen“. Untertitel: Fehlanzeige. Der französische Autor, Maler und Regisseur Valère Novarina trägt darin auf kaum dreißig Seiten zusammen, was Denker aus unterschiedlichsten Zeitepochen und Kulturkreisen an Bestimmungen und Beweisen zum Allerhöchsten vorgelegt haben. Um die Quellen der zu einem Lesetext vereinten Zitate auszuweisen, benötigt es mehr als die Hälfte des achtzig Seiten umfassenden Bändchens. Die 312. Gottesdefinition, die Novarina in seinem eklektizistischen Meisterwerk unterschlagen hat, stammt von dem Logiker, Mathematiker und Philosophen Kurt Gödel (1906 bis 1978), bekannt durch seinen Wahnsinn und durch seine Unvollständigkeitssätze.

Gödels postum aufgefundener Gottesbeweis spielt bereits in Daniel Kehlmanns Bühnenerstling „Geister in Princeton“ (2011) eine Nebenrolle, doch nun haben Wissenschaftler der Freien Universität Berlin und der TU Wien ihm eine Hauptrolle eingeräumt. Und was für eine! Folgt man ihren Resultaten, wird das apostolische Glaubensbekenntnis ebenso ergänzt werden müssen wie die Lehrpläne diverser Schulen und Hochschulen. Den Intelligenzforschern Christoph Benzmüller und Bruno Woltzenlogel Paleo ist es nämlich gelungen, den Gottesbeweis des Menschenhassers Gödel mit Hilfe eines computergestützten Theorembeweises, der vor allem für mathematische Fragestellungen verwendet wird, zu bestätigen. Was also weder Descartes noch Spinoza, weder Leibniz noch Kant je vermochten, das scheint Gödel, wie die Computer jetzt sagen, geschafft zu haben.

Dass die Großrechner, die Kurt Gödel nun recht geben, fehlerhaft operierten, gilt als ausgeschlossen. Sie zeigen vielmehr: Gödels Grundannahmen sind konsistent, seine Argumentationskette ist korrekt. Gödel lehnt sich bei seinem Gottesbeweis an Leibniz an: Er geht von wenigen Prämissen aus, etwa von Definitionen für „Gott-artig“, „Essenz“ und „notwendige Existenz“. Seine Argumentationsführung, die eine höherstufige Modallogik voraussetzt, für die es noch keinerlei maschinengestützte Theorembeweise gibt, wandelten Benzmüller und Woltzenlogel Paleo einfach in eine höherstufige klassische Logik um, die den Computern zuzumuten ist.

Gott sei Dank scheint die allerwichtigste Frage auf Erden nun also geklärt - hätte Gödel sich nicht selbst schon zu Lebzeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht: Logische Systeme, so Gödel, seien entweder nicht hinreichend einfach, nicht vollständig oder widersprüchlich. Ausgerechnet Gödels Gottesbeweis bestätigt seine Unvollständigkeitssätze nachdrücklich.

Quelle: F.A.Z.
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