HR-Chef Manfred Krupp

Er ruft in die Wüste

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
13.10.2021
, 07:16
Will mehr Werbung und macht Werbung: HR-Intendant Manfred Krupp.
Beim Hessischen Rundfunk steht eine Intendantenwahl an. Der amtierende HR-Chef lässt durchblicken, wie er sich die Zukunft des Senders vorstellt, und mit wem. Das wirkt ganz schön abgekartet.

Der Bundestagswahlkampf ist vorbei, in Hessen hat der Wahlkampf begonnen – beim Hessischen Rundfunk. Dort steht am 29. Oktober die Wahl einer neuen Intendantin oder eines neuen Intendanten an, und dafür wird Werbung gemacht. Auf offener Bühne stellt sich eine unabhängige Bewerberin vor wie die Filmemacherin Ina Knobloch, die wir gestern an dieser Stelle befragt haben. Hinter den Kulissen werden derweil Strippen gezogen.

Wie die Findungskommission des Rundfunkrats auf die HR-Betriebsdirektorin Stephanie Weber und den stellvertretenden ARD-Programmdirektor Florian Hager gekommen ist, verrät uns der Rundfunkratsvorsitzende Rolf Müller ansatzweise: Wieso nur diesen beiden, wie viele Kandidaten gab es insgesamt, was gab den Ausschlag, für welchen Zeitraum wird der künftige Intendant oder die Intendantin gewählt? Es seien insgesamt zehn Bewerber vorgeschlagen worden oder hätten sich „als Initiativbewerbungen bei der Findungskommission gemeldet“, sagt Müller. „In einem mehrstufigen Prozess“ habe die Findungskommission „am Ende die beiden bekannten Bewerber ausgewählt“ und schlage diese dem Rundfunkrat am 29. Oktober vor. Das Bewerbungsdatum des 14. Oktober diene „der besseren Struk­turierung des Prozesses“, sei aber keine „Ausschlussfrist“. Weitere Bewerbungen könnten „bis vor Eintritt in den Wahlgang erfolgen“. Über „andere Kandidaten, die in den Prozess involviert waren“, könne man „keine weiteren Angaben machen“.

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Derweil geht der amtierende Intendant, der im Februar des nächsten Jahres in Pension ist, in die Offensive und äußert sich zur digitalen Perspektive des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Manfred Krupp spricht sich bei der Deutschen Presse-Agentur gegen eine Fusion der Mediatheken von ARD und ZDF aus. Er bremst damit die Vorstellung des ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow, der in dieser Zeitung skizziert hatte, wie er sich die Zukunft der Sender vorstellt, nämlich als eine, in der die ARD, ZDF und Deutschlandradio im Internet gemeinsame Sache machen. Das „Streaming-Netzwerk“, auf das sich ARD und ZDF verständigt haben, geht in diese Richtung.

Die „Gesamtgemengelage“

Als zweiten Punkt rief Manfred Krupp bei der dpa den internen Finanzausgleich der ARD auf. Der HR zähle dort zwar noch zu den gebenden Sendern, doch sei es „angesichts der Gesamtgemengelage“ doch „jedes Mal wieder eine Diskussion, ob der HR nicht Nehmer im Finanzausgleich werden müsste“. Das ist angesichts der hohen Millionenfehlbeträge, die der HR seit Jahren einfährt, ein Wink mit dem Zaunpfahl. Der Sender gibt mit einer gewissen Nonchalance regelmäßig mehr Geld aus, als er einnimmt.

Noch deutlicher wurde Krupp, wie man bei dem Fachdienst „dwdl“ nachlesen kann, Anfang des Monats bei einem Empfang der ARD-Tochter ARD-Werbung Sales & Services im Frankfurter Edelhotel Villa Kennedy. Dort machte er das Fass auf, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch im Internet Werbung schalten dürfen müssten, was ihnen gesetzlich bislang verwehrt ist. Die Akzeptanz für Werbung bei den Öffentlich-Rechtlichen sei hoch, hatte die Sales-Chefin Elke Schneiderbanger ausgeführt.

Dann kam Krupp und sagte, wir zitieren nach „dwdl“: „Im linearen TV nimmt die Werbung ein Prozent unserer täglichen Sendezeit ein, im Digitalen herrscht Wüste. Das muss einen beschäftigen, denn wenn die Werbung perspektivisch abnimmt, muss der Beitrag entsprechend steigen.“ Ohne Werbung, so Krupp, müsste der Rundfunkbeitrag schon jetzt bei mindestens zwanzig Euro liegen. An die zu Rehrücken und Wein geladenen Vertreter der Werbewirtschaft richtete Krupp die Adresse, sie sollten sich dafür einsetzen, „dass Sie bei uns auch in der Mediathek und in der Audiothek werben dürfen“.

Darauf lautet das Programm des scheidenden HR-Intendanten: alles ins Digitale, was er in einem Gastbeitrag in dieser Zeitung schon einmal formuliert hat, und mehr Geld – durch Werbung. Das ist bei einem Aufkommen aus dem Rundfunkbeitrag von rund acht Milliarden Euro plus geschätzt einer weiteren Milliarde aus Werbung und Nebengeschäften für ARD und ZDF pro Jahr keine bescheidene Forderung. Und es ist ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl in eine andere Richtung – Stichwort „Wahlkampf“: Florian Hager, der eine der beiden von der Findungskommission des HR-Rundfunkrats vorgeschlagene Kan­didat für Krupps Nachfolge ist nicht nur stellvertretender Programm­direktor der ARD, sondern auch „Channel Manager“ der ARD-Mediathek. Das passt. Ob das den Rundfunkrätinnen und Rundfunkräten des Hessischen Rundfunks, die am 29. Oktober zur Intendantenwahl schreiten, auch auffällt?

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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