Peter Thiel im Gespräch

Die Leute sind risikoscheu

Von Michael Gotthelf und Jürgen Kaube
07.10.2021
, 18:17
Weniger Staat, aber einen besseren Staat: Peter Thiel hat im Silicon Valley sein Vermögen gemacht. Er fordert, Elitehochschulen für breitere Kreise zu öffnen.
Der Investor Peter Thiel wurde heute mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ausgezeichnet. Er vermisst das Interesse an großen Entdeckungen – und verrät seine persönliche Antwort auf die Eine-Billion-Dollar-Frage.
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Herr Thiel, Sie gehören zu den bekanntesten Investoren im Silicon Valley. Was waren Ihre größten Erfolge und Misserfolge im Geschäftsleben und in der Politik?

Nun, ich bin niemand, der findet, man müsse immer gegen die herrschende Meinung sein. Aber einer der Orte, an denen ich denke, dass es gesund ist, dagegen zu sein, ist das Silicon Valley. Es gibt dort etwas, was man als einen Kult des Scheiterns bezeichnen kann. Die Leute sprechen dort immer darüber, wie oft sie gescheitert sind, bevor sie Erfolg hatten. Es gibt fast eine Art von Pornografie des Scheiterns. Ich denke umgekehrt, dass es nicht hilfreich ist, viel über Misserfolge nachzudenken. Ich glaube nicht, dass man viel aus ihnen lernen kann. Ein Beispiel: Als ich Mitte zwanzig war, studierte ich in Stanford Jura und bewarb mich auf ein Referendariat des Obersten Gerichtshofs in den Vereinigten Staaten, wo neun Richter jeweils vier Angestellte pro Jahr auswählten. Und ich war kurz davor, es zu bekommen, bekam es dann aber nicht. Das war für mich ein extrem traumatischer Misserfolg, ich hatte nicht eine Midlife-Crisis, sondern eine Viertellebenskrise.

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Wie kamen Sie aus ihr heraus?

In gewisser Weise war ich eine sehr konventionelle Person. In der achten Klasse schrieb einer meiner Freunde im Jahrbuch meiner High School: Ich weiß, dass du in vier Jahren nach Stanford gehen wirst. Vier Jahre später ging ich nach Stanford, dann zur Stanford Law School, das waren all diese Standard-Sachen. Irgendwann Mitte zwanzig wurde mir klar, dass diese Karrierebahnen, von denen ich nicht sagen würde, dass sie überhaupt nicht funktionierten, aber nicht so gut funktionierten, wie sie aussahen. Wenn Du also kein Referendariat am Obersten Gerichtshof bekommen hast, gibt es vielleicht immer noch eine gute Karriere als Anwalt. Aber es schien nicht genug zu sein, deine Seele für so etwas zu verkaufen. Ich landete in einer großen Anwaltskanzlei in Manhattan, einem dieser seltsamen Orte, in die von außen jeder rein wollte und von innen jeder raus.

Danach wurden Sie Unternehmer.

Ich würde nicht sagen, dass ich Unternehmer geworden bin, aber in der Mitte der Neunzigerjahre ereignete sich diese Internet-Revolution. Und wahrscheinlich das einzig Glückliche daran, dass ich nach Stanford gegangen bin, war die Nähe zum Silicon Valley. 1999 gab es eine verrückte Dotcom-Blase. Vieles davon ist explodiert. Das zugrunde liegende Phänomen war jedoch sehr wichtig: Es gab viele Möglichkeiten für Menschen, völlig neue Dinge zu tun. Es war eine echte Grenzsituation in einer westlichen Welt, in der es nicht mehr so viel unerforschtes Gelände gab. Es gab also viel zu tun. Durch Stanford kannte ich eine Reihe von Leuten, die es taten, wie im Goldrausch. Und das hat mich wahrscheinlich ein bisschen überrollt und mitgenommen. Wir haben PayPal aufgebaut, nach dem Verkauf 2002 wurde ich Investor und habe in den letzten zwei Jahrzehnten in eine Reihe von Unternehmen investiert.

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Immer erfolgreich?

Auch dort gibt es Misserfolge, Investitionen, die man verpasst, Investitionen, die man tätigt, und es wird nichts daraus. Der konzeptionell größte Fehler war vielleicht Bitcoin. Schon Ende der Neunzigerjahre, als wir PayPal starteten, war ich sehr an der Idee der Kryptowährung interessiert. Wir gingen zu einer jährlichen Finanzkryptographie-Veranstaltung in Anguilla, in der Karibik, an der diese Kryptoanarchisten, verschiedene Mathematiker und wahrscheinlich auch ein paar Spione der NSA teilnahmen. Viele verrückte Leute. Ich scherze gerne, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent auch Satoshi, der spätere Bitcoin-Gründer, unter den vielleicht zweihundert Teilnehmern in Anguilla am Strand war. Es gab dann das Projekt einer auf Edelmetalldeckung beruhenden elektronischen Währung, an dem wir uns mit PayPal beteiligt haben. Aber es stellte sich heraus, dass es sich um nichts als Betrug und Kreditkartendiebstahl handelte. Wir trennten uns nach drei Monaten, ein Jahr später verklagten sie uns, und acht Jahre später hat die Regierung es dichtgemacht. Und kurz danach kam Bitcoin. Als die Leute dann sagten, das ist die echte Kryptowährung, wusste ich zu viel darüber, um es zu glauben. Dabei ist Bitcoin ein ganz anderer Fall, als es die großen Technologieunternehmen des Valleys sind. Denn sie sind in der einen oder anderen Weise immer ganz eng mit der Regierung und dem Staat verbunden. Bitcoin hingegen ist ein Gegenentwurf zu der am meisten überschätzten unserer staatlichen Institutionen, der Zentralbank. Es wäre gut, wenn wir diese Institution irgendwie herausfordern und reformieren könnten. Sie ist nicht offen für Debatten, nicht offen für Reformen, sie glaubt, Geld drucken zu können, ohne dass es zu Inflation kommt. Deshalb brauchen wir die Technologie, um sie herauszufordern, und genau das machen Kryptowährungen.

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Wenn Sie also Ihre Tätigkeit als Arbeit an der Grenze der Gegenwart zur Zukunft beschreiben, worin besteht dann derzeit für Sie die Zukunft?

Im letzten Vierteljahrhundert hatten wir große Fortschritte in der Welt der Bits, der Computer, des Internets und des mobilen Internets. Aber alles, was mit Atomen zu tun hatte, wenn ich das Bild verwenden darf, war ziemlich schwer, ziemlich langsam. Und wir leben in einer sehr regulierten Welt. Am Rande passieren einige neue Dinge, in der Biotechnologie beispielsweise, aber im Großen und Ganzen haben wir nicht das Gefühl eines riesigen gesellschaftsweiten Booms, einer riesigen neuen Grenze, die die gesamte Gesellschaft wirklich verändern kann. Ich denke, dieses Gefühl des Feststeckens unterscheidet sich erheblich von dem, was beispielsweise in den 1950er oder 1960er Jahren stattfand, als Wissenschaft und Technologie an vielen Fronten Fortschritte machten. Wenn Sie damals an das Wort Technologie dachten, hatte das nicht nur Computer bedeutet, sondern auch neue Medikamente, Raketen und Überschallflugzeuge, futuristische Architektur und vielleicht die grüne Revolution in der Landwirtschaft. Vielleicht haben einige dieser Pläne keinen Sinn ergeben, aber Unterwasserstädte und andere Arten, wie sich die Menschen damals die Zukunft vorgestellt haben, zeigten ein Bild der Welt, das ganz anders aussieht als die Gegenwart. Heute dagegen fällt den meisten zur Zukunft nur ein: irgendetwas mit Computern – oder Dystopien.

Woran liegt das?

Die Smartphones lenken uns von unserer Umgebung ab und auch davon, wie sich unsere Umgebung nicht verändert hat. Du denkst, wenn Du in der U-Bahn auf Dein Smartphone schaust, Du bist in der Gegenwart und merkst nicht, dass die U-Bahn 50 Jahre alt ist und kaum funktioniert. Zugleich befinden wir uns in einer westlichen Welt, an dem zum ersten Mal die Erwartungen der jüngeren Generation geringer sind, als es die ihrer Eltern waren. Es gibt eine Art Generationenvertrag, der verloren gegangen ist.

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Gilt das auch politisch?

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Ich denke, dass es genau drei Zukunftsbilder gibt, die heute verfügbar sind. Das erste Bild ist, das der islamischen Theokratie, wo jede Frau gezwungen ist eine Burka zu tragen. Bild Nummer zwei ist die chinesische Kommunistische Künstliche Intelligenz. Es ist das Bild einer Art Überwachung durch Technologie, die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten in einer quasi totalitären Computer-Zukunft kontrolliert. Beides können wir nicht wollen. Und hinter Tür Nummer drei liegt Gretas grüne Zukunft, wo jeder ein Fahrrad fährt. Und solange dies die einzigen drei Optionen sind, wird die grüne Idee unerbittlich an Macht gewinnen. Ich denke, die Grüne Partei war der Gewinner der Wahlen hier in Deutschland, ganz gleich, ob sie noch mehr Stimmen hätten erhalten können. Denn sie sind die einzigen, die Ideen haben. Schauen Sie sich die CDU an, sie ist eine Art Symptom für einen sehr langweiligen Konservatismus, der versucht, bloß keinen Staub aufzuwirbeln und nicht an die Zukunft zu denken. Die SPD wiederum wird die Agenda der Grünen durchsetzen, denn sie haben selbst keine andere Idee.

Hatte denn Donald Trump, den Sie unterstützt haben, eine Idee? Hierzulande war er nicht für Ideen bekannt.

Ein Ort, an dem ich glaube, dass die Trump-Regierung den Kampf der Ideen gewonnen hat, steht in dem Slogan, den sie hatten: Make America Great Again. Er enthielt nämlich eine Beschreibung, die pessimistischste Beschreibung, die je ein Präsidentschaftskandidat in den USA hatte. Denn sie besagt, dass die Vereinigten Staaten kein großartiges Land mehr sind. Das war einer der Gründe, warum das Silicon Valley Trump emotional so ablehnte, weil das Silicon Valley glaubt, dass es nicht nur Amerika, sondern die Welt zu einem besseren Ort gemacht hat. Inzwischen glauben selbst die Demokraten, dass unser Land im Niedergang ist. Nehmen Sie nur Afghanistan. Natürlich haben wir dort keine Nation aufgebaut. Natürlich funktionierte es nicht. Natürlich haben wir uns selbst angelogen. Eigentlich eine Katastrophe, aber wir sagen es nicht, weil das Land in einem sehr ernsten Niedergang ist.

Wenn Sie es so beschreiben, könnte man denken, dass Donald Trump Professor für Politik in Princeton war und die Situation der amerikanischen Nation diagnostizierte. Aber er war der Präsident. Und zumindest für einige Europäer war das Verhalten des Präsidenten eine sehr zumutungsreiche Sache. Den Punkt mit dem Rückzug aus sinnlosen Kriegen würde ich Ihnen zugestehen. Aber der Rest?

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Es gibt all diese Aspekte, die man sehr stark kritisieren kann. Die Antworten auf Covid beispielsweise, die zu chaotisch waren, wobei auch andere Länder Fehler gemacht haben. Sicherlich war auch Trumps Stil nicht der einer politischen Elite. Er hat nicht präsidentiell gehandelt, was ich mir gewünscht hätte. Andererseits kann der gute Stil auch ein Weg sein, die Probleme zu verdecken. Wenn Sie niemals die Federn von jemandem zerzausen, weil er nicht zwei Prozent vom Inlandsprodukt für die NATO ausgibt, zerfällt die NATO vielleicht. Und wenn man einem Land vermitteln will, dass es sich im Niedergang befindet, gleichzeitig aber gewählt werden will, muss man das womöglich auf eine derart provokative Weise tun. Eliten neigen zur Selbstzufriedenheit, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Das ist nicht schlimm, wenn man in einer Phase des Wachstums und der Dynamik lebt. Aber wenn Stagnation herrscht, ist es weitab von der Wahrheit und gefährlich.

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Sie berühren ein Problem, das viele Europäer mit Präsident Trump in Bezug auf die Frage der Wahrheit in der Politik hatten. Man kann die Wahrheit mitteilen, und niemand will sie hören. Aber wenn der Präsident sagt, die Arbeitslosenquote in den USA liege irgendwo bei 25 Prozent, dann ist es nicht mehr Rhetorik, sondern gelogen.

Wenn Sie wollen, können wir das Problem im Bereich der Außenpolitik konkretisieren. Hier gibt es die Frage: Was ist die große Strategie der Vereinigten Staaten? Darauf gibt es eine ziemlich einfache Antwort, nämlich die große Strategie der Vereinigten Staaten sollte der geordnete Rückzug sein. Wir sind ein überlastetes Imperium. Ich glaube aber nicht, dass dies artikuliert werden kann. Denn wenn es so ausgesprochen würde, wird der Rückzug zur Niederlage. In Afghanistan haben wir es gesehen. Wir haben artikuliert, dass wir nicht für immer da sein würden, und sofort ist alles zusammengebrochen. Hinzu kommt, dass es unterschiedliche Lügen gibt. Das Merkel-Versprechen war: Nein, nein, keine große Veränderung. Nichts wird sich jemals ändern. Und es hat lange funktioniert. Es ist es auf einer bestimmten Ebene eine Lüge, die größer ist als jede Lüge von Präsident Trump. Der Wahlslogan von Präsident Obama 2008 sollte zunächst lauten „Hoffnung und Veränderung“, aber das funktionierte in Tests nicht so gut. Dann wurde er geändert in: „Veränderung, die wir brauchen“. Von der fast revolutionären Feier des Wandels bis zu seinem Minimum: Nur noch der Wandel, der absolut notwendig ist. Und das mitten in einer gigantischen Finanzkrise.

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Sie verstehen sich selbst als einen Libertären. Andererseits unterstützen Sie die Republikaner, von denen viele für einen starken Staat eintreten. Wie passt das zusammen?

Alle meine Ideale sind libertär und liberal: Freie Märkte, starke Individualrechte, maximale Meinungsfreiheit. Zugleich gibt es praktische Fragen. Eine libertäre Position in der Außenpolitik sollte nicht-interventionistisch sein, und die Militärausgaben sollten nicht hoch sein. Aber das würde nicht zu einer freien Welt führen, weil es autoritäre Regime gibt. Das war schon das Paradox im Kalten Krieg. Unser Staat ist groß, und dagegen kann man sein. Man kann aber auch kritisieren, wozu diese Größe geführt hat. Die öffentlichen Schulen in Kalifornien sind in einem desaströsen Zustand. Man muss also für beides sein: weniger Staat und einen besseren Staat.

Aber niemand steht für weniger Staat.

Man muss realistisch und idealistisch zugleich sein, aber die Wähler werden weder in Europa noch in Amerika weniger Staatstätigkeit wählen.

Ein Unterschied zwischen Europa und den Vereinigten Staaten: Es gibt hier kein Silicon Valley und keine Big-Tech-Firmen. Was denken Sie, woran das liegt?

Das ist die Eine-Billion-Dollar-Frage. Meine Antwort lautet: Weil die europäischen Start-Ups zu früh verkauft werden. Sie werden gegründet, sind dann 150 oder 500 Millionen wert, und die Gründer geben sie ab. Als Yahoo Facebook kaufen wollte, für eine Milliarde Dollar, waren fast alle Anteilseigner dafür, nur Mark Zuckerberg nicht, weil er sagte: Was mache ich dann mit dem Geld, das ich nicht ausgeben kann? Ich kaufe mir wieder eine Firma, aber ich habe ja schon eine. Also machte er weiter und wurde richtig groß. In Europa gibt es so etwas nicht.

In welchen Bereichen ist für Sie die Zukunft bereits angebrochen?

Wenn Sie die Frage stellen, warum waren Wissenschaft und Technologie außerhalb des Internets für Konsumenten in den letzten vierzig, fünfzig Jahren langsamer als zuvor, ist die pessimistischste Antwort, die Sie geben können, dass die einfachen Entdeckungen gemacht wurden. Mit dem Ökonomen Tyler Cowen: Die niedrig hängenden Früchte wurden gepflückt, es gibt keine leicht zu habenden Ideen mehr. Ich lehne diese Antwort ab. Die Leute versuchen nicht, neue Entdeckungen zu machen, sie haben Angst davor, scheuen das Risiko. Dabei beweisen die mRNA-Impfstoffe doch, dass große Durchbrüche möglich sind. Noch 2012 glaubten die Leute im Silicon Valley nicht an Elektroautos. Wir sind also fasziniert von der Verrücktheit von Elon Musk, aber bleiben im Ganzen skeptisch.

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Hat das etwas mit der Art zu tun, wie an Universitäten mit Zukunftsfragen umgegangen wird?

Es geht um die Universitäten in den USA, Großbritannien und Frankreich, wo es ein extremes Elitesystem gibt. In diesem System geht es nicht wirklich ums Lernen, sondern um den Status. Es geht um Ausgrenzung. Wie anders wäre es, wenn Sie der Präsident von Stanford oder Harvard wären und sagten, wir bilden Menschen aus, geben ihnen all dieses großartige Wissen über die Welt, machen sie zu besseren Bürgern, wir schaffen die nächste Generation von Führungskräften. Dann müssten sie aber vierzigmal so viele Menschen für die Elite erziehen. Stattdessen führen wir die Spitzenuniversitäten nicht wie Bildungseinrichtungen, sondern wie Nachtclubs, an denen wichtig ist, dass fast niemand hineinkommt. In Deutschland wiederum müssen sich die Studenten sehr früh spezialisieren. Spezialisierung aber erzeugt nur Experten auf winzigen Feldern, und die Diskussion über gemeinsame Probleme trocknet aus oder wird dumm.

Aber gibt es einen Ausweg aus der Spezialisierung?

Wenn ich in ein Biotech-Unternehmen investiere oder in ein futuristisches Energieunternehmen oder ein Raketenunternehmen, bin ich kein vollständiger Experte dafür. Bei PayPal hatten wir natürlich Experten für bestimmte Fragen, aber PayPal selbst war keine Gründung von Experten. Die Experten für Dinge wie Zahlungen oder die Funktionsweise des Kreditkartensystems sagten uns meistens, dass so etwas niemals funktionieren würde. Und wir haben nicht auf sie gehört. Sie haben nämlich nur Schwierigkeiten bezeichnet, zurecht, die sich aber lösen ließen. Zu viele Leute glauben, sie könnten nichts tun, was sie nicht ein halbes Leben lang studiert haben. Wenn ich in ein Biotechnologie-Unternehmen investiere, kann ich nicht glauben, mehr über die Biotechnologie zu wissen als die Experten. Das wäre ein sehr großer, arroganter Fehler. Auch die Bitte um den Rat anderer Experten würde allein nicht weiterhelfen. Und so gibt es eine Art Zwischenreich, in dem ich mich bewegen muss, um die Frage zu beantworten, wie aussichtsreich ein bestimmtes Projekt ist.

Sie investieren auch stark in medizinische Forschung. Weshalb?

Präsident Nixon erklärte 1971 den Krieg gegen Krebs. Er sollte 1976, vor der amerikanischen Zweihundertjahrfeier, besiegt werden. Jetzt sind wir fünfzig Jahre später und fünfzig Jahre näher an der Heilung von Krebs. Aber es fühlt sich an, als wären wir mehr als fünf Jahre entfernt. Je länger die Reise ist, desto länger ist die erwartete Reise. Und das ist irgendwie der pessimistische Sinn, den man aus der Geschichte der letzten Jahrzehnte zieht. Aber man muss genau darüber nachdenken, warum es so schwer war, und dann auch darüber nachdenken, welche kulturellen Faktoren es möglicherweise verlangsamt haben und wie man sie ausschalten kann. Ich bin immer noch hoffnungsvoll in all diesen Dingen, denn selbst wenn ich nach kalifornischen Maßstäben eine ziemlich pessimistische Sicht auf die Technologiebranche habe, glaube ich auch sehr fest an die menschliche Entscheidungsfreiheit und unsere Fähigkeit, Dinge anders zu tun als sonst getan würden.

Erlauben Sie eine letzte Frage. Ich habe gehört, Sie haben bei René Girard, dem großen Romanisten und Kulturtheoretiker, studiert. Wie war das?

Ich saß in meinem letzten Jahr in einer seiner Klassen. Danach war ich sehr beeinflusst von seinen Theorien und nahm lange Jahre an seinen wöchentlichen Seminaren teil, wann immer es ging. Es gab zwei Aspekte von Girard, die ich kraftvoll fand. Das eine war die Frage nach der Wahrheit des Christentums als einer Ausnahme unter den Religionen. Es ist die eine Religion, die nicht passt. Und es ist in gewisser Weise diejenige, die dir die Wahrheit über die anderen sagt: Opfer sind sinnlos. Und deshalb könnten Sie so weit gehen zu sagen, dass es die einzig wahre Religion ist. Das andere war sein Versuch, ein Wissen über das Ganze zu erlangen, indem er ethnologische Befunde, religionswissenschaftliche Überlegungen und Interpretationen großer Literatur auf eine Weise synthetisieren und kombinieren konnte, die ganz gegen das Temperament der Zeit verstößt. Das war die Anti-Spezialisierung schlechthin. Und irgendwie war es der Schlüssel zu allem Wissen über die Welt. Im Zentrum die These, dass wir nachahmende Wesen und gefangen in unserem mimetischen Bedürfnis sind. Das war also etwas Intellektuelles, das ich super überzeugend fand, als Theorie und existentiell.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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