IS und die Kulturgüter

Vollständige Vernichtung als Ziel

Von Marlies Heinz
11.03.2015
, 12:22
Statue einer Frau in Hatra
Video
Zur Zerstörung von Artefakten in Mossul, Nimrud und jetzt Hatra: Warum archäologisches Erbe als Zeichen der Gegenwart für den Islamischen Staat bedrohlich ist.
ANZEIGE

Amos Oz, der israelische Schriftsteller und unermüdliche Vermittler in den Auseinandersetzungen des Nahen Ostens, hat in den Vorlesungen seiner Tübinger Poetikdozentur 2002 ein äußerst prägnantes Bild fanatischen Anspruchs und des daraus resultierenden Handlungsmusters dargelegt: „Wenn ich der Meinung bin, dass etwas schlecht ist, dann zerstöre ich es, zusammen mit allem, was es umgibt.“

In den vergangenen Tagen haben sich die gewalttätigen Okkupanten des „Islamischen Staates“ mit solchem Vorgehen wieder einmal die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gesichert – durch die medial inszenierte Zerstörung archäologischer Artefakte in Mossul, Nimrud und jetzt Hatra. Von Dingen also, die vor mehreren tausend Jahren angefertigt und genutzt worden sind und, so könnte man meinen, für die heutigen Gesellschaften zwar historischen wie kulturellen Wert besitzen, aber kaum eine Bedeutung haben, die ihre unwiderrufliche Vernichtung veranlassen könnte.

ANZEIGE

Von Menschen gemachte Dinge

Wie die Gewaltausbrüche im Nordirak jedoch zeigen, haben archäologische Funde sehr viel mit der Gegenwart zu tun. Bei ihnen handelt es sich um von Menschen gemachte Dinge, die immer auch als Ikon, Index, Symbol, Verweis in komplexe Zeichensysteme integriert sind und denen wir durch Herstellung und Nutzung Bedeutungen zuweisen. Jeder Umgang mit diesen Dingen kann in fundamental verschiedene Bedeutungszuweisungen für ein und denselben Gegenstand münden.

Es dürfte gerade dieses Potential der vielfältigen Bedeutungszuweisungen sein und damit die Möglichkeit, die Bedeutung der Dinge in je verschiedenen Zusammenhängen als variabel zu erkennen, die dem Umgang mit historischen Hinterlassenschaften, ob im Bewahren oder im Zerstören, eine eminent wirkungsmächtige Rolle für das politische Handeln zukommen lässt. Archäologische Artefakte werden für jede sich historisch verankernde und einordnende Gesellschaft stets von neuem wirkungsmächtig, vor allem, wenn es um die zentralen Fragen geht, wie Gesellschaften zu organisieren sind, was Geschichte ist und wie Geschichte rekonstruiert und geschrieben wird. Solange die Hinterlassenschaften präsent und greifbar sind, ist dieser Prozess der Bedeutungszuschreibung nie abgeschlossen.

ANZEIGE

Warnung an alle

Die Bedeutung etwa der monumentalen Torwächterfiguren in der Umgebung von Mossul und vor allem in Nimrud, die vom zehnten bis zum siebten vorchristlichen Jahrhundert im assyrischen Großreich auf Anweisung der Herrschenden errichtet und an allen strategisch wichtigen Durchgängen ihrer Paläste und Städte aufgestellt worden sind, lag für die Erbauer darin, ihnen und der von ihnen repräsentierten gesellschaftlichen, politischen und religiösen Ordnung Schutz zu garantieren. Die monumentalen Figuren verkörperten eine ostentative Warnung an alle, die die herrschende Ordnung zu gefährden dachten.

Die Bedeutungen, die archäologischen Objekten heute zugeschrieben werden, hängen essentiell davon ab, welche Vorstellungen von Geschichte vorherrschen. Für die westlichen Betrachter erwächst die Bedeutung der nun vernichteten Artefakte aus einer Perspektive auf das Historische, die nach wissenschaftlichen Kriterien und Vorgaben ausgerichtet ist. Sicherlich spielt hier die europäische Tradition eine maßgebliche Rolle, kulturelle Güter einer geschichtlichen Einordnung zuzuführen, in deren Verlauf notwendig auch die heutigen Akteure einen Platz einnehmen. Das Eigene wird zum Teil eines größeren geschichtlichen Komplexes. Für die dafür zu leistende synchrone wie diachrone Betrachtung der Geschichte stellen die Artefakte aus dem Nordirak unentbehrliche Informationen bereit. Deren Zerstörern dagegen dürfte dieses Potential, den Dingen je nach Kontext und Praxis differenzierte und variierende Bedeutungen zuweisen zu können, als essentielle Gefährdung ihrer Vorstellungen von der Gestaltung einer alternativlosen gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaftsordnung vor Augen stehen.

ANZEIGE

Anzeichen einer respektierten Kultur

Es wäre jedoch falsch und eher eine Projektion eigener Wahrnehmung und Zuschreibung, die genannte westliche Perspektive bei den Bevölkerungsgruppen des Iraks vorauszusetzen. In vielen gesellschaftlichen Gruppierungen des Nahen Ostens besitzen antike Hinterlassenschaften keineswegs diesen Nimbus oder den kulturellen Wert eines historisch aussagekräftigen Dokuments. Ein historisches Verständnis muss nicht – wie für die europäische Tradition beschrieben – auf der Einbeziehung lokal vorgefundener Artefakte gründen. Vielmehr bilden Narrative, in denen clanbezogene Ereignisse und religiöse Vorgaben im Zentrum stehen, das Fundament. Archäologische Funde und Ausgrabungsstätten stellen daher für zahlreiche Menschen weniger Ikonen nationaler Identität oder weltgeschichtlicher Prozesse dar als vielmehr eher ferne Anzeichen einer durchweg respektierten, aber doch fremden Kultur, zu der wenig direkte Beziehung besteht und die oftmals lediglich mit touristischen Aspekten in Verbindung gebracht werden.

Die aktuellen Zerstörungen im Nordirak, die nicht allein die einfache Beschädigung der Artefakte, sondern deren unwiederbringliche Vernichtung zum Ziel haben, vollziehen sich aber vor einem ideologischen Konzept, das im eingangs angeführten Zitat von Amos Oz anklingt. Die Gewaltaktionen gegen geschichtsträchtige Objekte erweisen sich, jenseits des nicht zu vergessenden täglichen Mordens, als deutliche Zeichen einer Enthumanisierung der Akteure, deren ausgesprochenes letztliches Ziel die vollständige und endgültige Beseitigung des „anderen“ als fundamentaler Teil der gesellschaftlichen Realität ist. Mit der vollständigen Vernichtung der archäologischen Artefakte suchen die Täter den Prozess der Bedeutungszuweisung zu beenden, geschichtliche Erinnerung auszulöschen und so jedes Erkennen von und Denken in Alternativen zu beseitigen.

Video starten Video
Terrorgruppe im Irak
IS zerstört antike Stadt Nimrud

Archäologische Forschung hat in vielfältiger Hinsicht mit der Freilegung, der Wiederherstellung und dem Bewahren, der Erforschung und Bearbeitung von Hinterlassenschaften eine für die Etablierung einer offenen, toleranten und humanen Weltsicht notwendige Arbeit beigesteuert. Die Vernichtungsaktionen versuchen, Geschichte, die nicht zuletzt über die Forschung als Prozess sich wandelnder Konstellationen erkennbar wird, in eine einzige festgemauerte, alternativlose und unwandelbare Erzählung umzuformen. Die Grundlage solcher Zementierung der Welt erwächst aus einer verordneten fundamentalen Selbstgerechtigkeit, die keine andere Existenz mehr neben sich duldet und die nur noch danach trachtet, sich selbst ins Auge zu schauen.

Marlies Heinz lehrt Vorderasiatische Archäologie in Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE