Ferraras Kanäle

Der vergessene Heimathafen

Von Helmut Luther
14.05.2021
, 07:12
Kanäle um Ferrara: In Comacchio bei Ferrara.
Über den Po und ein weitverzweigtes Kanalnetz ist Ferrara mit der Adria verbunden. Am besten lassen sich die Stadt und ihr Umland im Boot und mit dem Fahrrad erkunden.

Die Frauen fänden ihn zwar nicht mehr so umwerfend wie früher, gibt Dino Buzzoni grinsend zu. „Ich muss nun kürzertreten. Aber ich komme immer noch flink diese steile Treppe herunter, und auch sonst funktioniert alles noch einigermaßen. Die Lucrezia ist ein Werk meiner Hände!“ Der Lastkahn, von dem der alte Herr spricht, hat beinahe so viele Jahre auf dem Buckel wie er selbst: Kein Zweifel, mit 84 ist Dino Buzzoni wirklich nicht schlecht in Schuss. Mit Heißluftpistole, Schaber und Schleifpapier entfernt er den abblätternden Lack der Lucrezia und trägt neue Farbe auf.

Buzzoni hat zwei Kojen eingerichtet, einen Waschraum mit Toilette sowie die Wände und Decken mit Holz verkleidet. Als ich vorhin die Treppe am Po di Volano, an dem sich der Kai von Ferrara befindet, zur an zwei Mauerhaken hängenden Lucrezia herabstieg, schraubte der alte Herr, bäuchlings über das Heck gebeugt, am Motor herum. Inzwischen hat sich Buzoni die schmierigen Hände an einem Lappen abgewischt. Er hockt an Deck und blickt auf den von einem gepflasterten Streifen gesäumten Fluss. Mehr als ein halbes Dutzend Boote sind hier momentan nicht vertäut. Es gibt aber große Pläne. An dieser Stelle soll ein moderner Hafen entstehen, damit die Stadt am Po für die Schifffahrt wieder eine bedeutende Rolle spielt.

Per Wasserweg zum Landsitz

Hundertfünfzig Millionen Euro werden in den Ausbau einer bereits bestehenden, siebzig Kilometer langen Wasserstraße investiert, die Ferrara mit Comacchio und Porto Garibaldi an der Adriaküste verbindet. In Dino Buzzonis Ohren klingt das surreal. Kopfschüttelnd schaut der Alte über die schlammigen Fluten. „Laut Medienberichten sollen hier hundert Meter lange Frachtschiffe durchfahren, Schiffe mit einer Ladekapazität von siebzig Lkws. Ob ich das noch erleben werde? Wahrscheinlich nicht!“ Ferrara als blühende Hafenstadt – was heute schwer vorstellbar ist – war im Mittelalter Wirklichkeit. Damals befand sich hier einer der wichtigsten Häfen der italienischen Halbinsel. Am Po, dem größten Strom des Landes, ist Ferrara entstanden. Wo sich der breite Fluss in den Po di Volano und Po Primaro teilte, entwickelte sich Ferrara als Handelsplatz an der Salzstraße. Über den Po wurde das Material herantransportiert, um Ferrara in eine bedeutende Renaissancestadt auszubauen. Vom Castello Estense aus, ihrer Hauptresidenz, konnte die Herrscherfamilie Este über Wasserwege bequem zu ihren Landsitzen in der Umgebung gelangen.

Altstadt von Ferrara: Auf alten Stichen sieht man den Kanal noch, der heute zugeschüttet ist.
Altstadt von Ferrara: Auf alten Stichen sieht man den Kanal noch, der heute zugeschüttet ist. Bild: Picture-Alliance

„Auf alten Stichen sieht man den längst zugeschütteten Kanal, der das Castello Estense mit dem Po verbindet“, sagt Georg Sobbe. Der Endfünfziger, der aus der Nähe von Dortmund stammt, kennt Ferraras Wasserwege wie kaum ein anderer. Einen Steinwurf vom Altstadtzentrum entfernt, das 1995 als Weltkulturerbe anerkannt wurde, liegt Sobbes kleine Flotte. Am Uferstreifen erstreckt sich der backsteinerne Palazzo Savonuzzi, ehemalige Lagerhallen der Hafenfirmen. Hier haben gemeinnützige Organisationen ihren Sitz, darunter die Genossenschaft Fiumana, die sich dafür einsetzt, den Ferraresi den Po in Erinnerung zu rufen. Georg Sobbe und seine Frau Antonella gehören zu den Gründern. Mit dem Endfünfziger, dessen gebräuntes Gesicht auf viele im Freien verbrachte Stunden schließen lässt, sitze ich vor dem Palazzo. Am Flussufer stochern Enten im Schlick. Vor dreißig Jahren, erzählt Sobbe, sei er als Touristenführer hier durchgeradelt. „Ferrara ist eine unterschätzte Stadt mit riesigem Potential, so dachte ich damals, und denke es immer noch“, sagt Sobbe. Mit Antonella entwickelte er Theaterproduktionen, die um den Po als Lebensader Ferraras kreisten. So entstand die Idee, ein Boot als Bühne zu nutzen. Aus einem sind inzwischen drei geworden, mit denen Sobbe Exkursionen anbietet.

Manchmal gerät eine Matratze in die Schiffsschraube

Auf dem Schleppkahn mit dem Namen Lupo machen wir gleich eine Spritztour. Am Canale di Boicelli, unter einer Brücke hindurch, geht es stromaufwärts, vorbei an neuen Wohn- und Büroblöcken. Uns entgegen kommen einige Fischerboote und Kanufahrer, die unter einer weiteren Brücke Slalomtore für ihr Training aufgehängt haben. Dann wird die Gegend wilder. Am Ufer wuchert es dschungeldicht, aus dem Schlamm ragen rostige Eisenkonstruktionen – Überreste von Kränen. An den Brücken hängen Tafeln mit Höhenangaben sowie der Aufschrift „Idrovia Ferrarese“, Wasserstraße Ferrara. Etwa 180 Kilometer fahrbarer Kanäle und Flüsse gebe es in der kleinen Provinz Ferrara, erzählt Sobbe. „Theoretisch. Millionen werden für Projekte ausgegeben, anschließend fehlt das Geld für die Instandhaltung.“ Mehr als einmal, erzählt Sobbe, habe er über Bord springen und untertauchen müssen, um eine verhedderte Matratze aus der Schiffsschraube zu zerren. „Von den ins Wasser gestürzten Bäumen, die ich zersägt habe, um weiterzukommen, nicht zu reden.“ Als wir Pontelagoscuro erreichen, wo der Canale Boicelli vom Hauptstrom abzweigt, legt Sobbe den Rückwärtsgang ein. Nun schweben wir an Altstadtpalazzi und Türmen vorbei.

Etwa 180 Kilometer fahrbarer Kanäle und Flüsse gibt es in der Provinz Ferrara – theoretisch!
Etwa 180 Kilometer fahrbarer Kanäle und Flüsse gibt es in der Provinz Ferrara – theoretisch! Bild: Picture-Alliance

Wenn man im Boot unterwegs ist, nimmt man die Dinge aus einer ungewohnten Perspektive wahr. Man ist mittendrin und doch abseits des Gedrängels. Da ist das barocke Stadttor Porta Paula mit seinem Rundbogen, der Turm der Kathedrale mit Streifen aus rotem und weißem Marmor sowie die grasbewachsene backsteinerne Stadtmauer, ein neun Kilometer langes, begehbares Bollwerk mit Türmen, Schießscharten und feucht riechenden Gängen, das die ganze Altstadt umgürtet: Alles in greifbarer Nähe. Auf den Mauern traben Jogger, Rentner führen ihre Hunde aus. Studenten lassen ihre Beine über die Ufermauer baumeln. Die Stummel ihrer Selbstgedrehten schnippen sie in den glucksenden Po di Volano. Man könnte das Boot jetzt an einen Mauerring hängen, aussteigen und den jungen Herrschaften die Leviten lesen. Oder man legt in einem der zahlreichen Cafés in Ufernähe eine Pause ein. Da ich mein Fahrrad mit an Bord habe, lasse ich mich bei einer Brücke absetzen, die von vier Marmorfiguren, den Stadtpatronen Ferraras, geschmückt wird.

Hier, wo sich rechter Hand eine dem heiligen Georg geweihte Basilika erhebt, ist Ferrara entstanden. Über den Corso Ercole I d’Este komme ich zum Quadrivio degli Angeli, dem von Palazzi gesäumten Mittelpunkt eines im sechzehnten Jahrhundert im Schachbrettmuster entstandenen Stadtviertels. Piazze werden von einem weiten Himmel überspannt, Laubbäume recken ihre jetzt kahlen Äste über moosbewachsene Mauern. In bröckelnden Ritzen haben sich Weinbergschnecken verkrochen. Als „gerade wie ein Schwert“ hat der vor zwanzig Jahren verstorbene Dichter Giorgio Bassani den Corso Ercole I d’Este in seinem Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ bezeichnet. Bassani war Jude und wuchs in Ferrara auf. Am Haus in der Via Cisterna del Follo, wo sich seine Eltern und seine beiden Geschwister in einem Schrank vor den Schergen Mussolinis versteckten, wird der Dichter mit einer Tafel geehrt.

Girolamo Savonarola blickt skeptisch

Mit dem Fahrrad bin ich in wenigen Minuten am Schloss der Este, unter denen das Herzogtum Ferrara seine Glanzperiode erlebte. Das Fahrrad ist das beliebteste Fortbewegungsmittel der Ferraresi. Ihren Trick, den besten Platz auf den mit Flusssteinen gepflasterten Gassen für sich zu behaupten, hat man schnell raus. Die unebenen Gassen bilden kein ideales Fahrradgelände, werden jedoch längs der Hauswände von einem Streifen aus Flachsteinen gesäumt. Stur vor sich hin strampelnd, dabei einen imaginären Punkt über dem Kopf des entgegenkommenden Fußgängers fixierend, bringt man jeden dazu, auf die Holpersteine auszuweichen – er tut sich ja leichter.

Umweltschonend und gemächlich: Boot in Comacchio, Provinz Ferrara.
Umweltschonend und gemächlich: Boot in Comacchio, Provinz Ferrara. Bild: Picture-Alliance

Hölzerne Rundbogenportale mit Durchschlupf führen in Innenhöfe mit Ziehbrunnen. Auf der Piazza Savonarola gegenüber dem eckigen, mit Zeigeruhr verzierten Estense-Schloss genehmige ich mir einen Espresso. Vorbei radeln herausgeputzte Stadtbewohner. Im Vergleich mit ihren Eingang-Klapperkisten, am Gepäckträger ein Plastikkorb für die Einkäufe, nimmt sich mein altes Tourenrad wie ein SUV-Bike aus. Girolamo Savonarola, nach dem der Platz benannt ist, blickt skeptisch von seinem Marmorsockel herab. Der Bußprediger, der in Florenz verbrannt wurde, nachdem er weltlichen Tand in einem „Fegefeuer der Eitelkeiten“ den Flammen übergeben hatte, stammt aus Ferrara. Kurzberockte Schönheiten, die an ihm vorüberschweben, erregen sichtlich sein Missfallen, aber was soll er machen?

Langsam lichtet sich der Nebel, als ich am nächsten Morgen Contrapo’ erreiche. Die Nacht verbrachte ich in Georg Sobbes Hausboot im Hafen Ferraras. Mit einem letzten Bier saß ich an Deck. Umhüllt von Finsternis und ringsum keine Seele, lauschte ich den Lauten, die der Fluss von sich gab. Enten tappten über den Algenteppich am strömungsarmen Ufer, es hörte sich wie ein Schmatzen an. Springende Fische fielen klatschend ins Wasser zurück. Untermalt wurde die Stille bis kurz vor Mitternacht von einer im Palazzo Savonuzzi Schlagermelodien trällernden Frau. Später zog ich die Vorhänge innen am Kajütenfenster zurück, um auf das schwarze Gewässer zu blicken, in dem sich das Mondlicht spiegelte, ringsum war ja niemand.

Rudern auf venezische Art

„Erst das Fahrrad, nachher du selbst einsteigen, und dann keinen Mucks!“, empfiehlt Antonio Antonioni, bevor er mir mit ausgestreckter Hand zu sich ins Boot hilft. Auf dem Rad bin ich den Po di Volano entlang nach Contrapo’ gefahren. Ein Stück könne er mich Richtung Küste mitnehmen, erklärte Antonioni, als ich ihn gestern im Kanuclub Ferrara, dessen Mitglied er ist, im Hafen am Vereinssitz kennenlernte. Mein Plan ist, entlang der Wasserstraße abwechselnd per Boot und Fahrrad nach Porto Garibaldi zu gelangen, umweltschonend und gemächlich. Nachdem Antonioni, pensionierter Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch, ein morsches Holztor geöffnet hatte – geflochtene Drähte ersetzten Schloss und Angeln – , kletterten wir über einen Trampelpfad die Böschung zu einer Überdachung am Po di Volano hinunter.

Fast an der Adria: Hebenetze im Po-Delta.
Fast an der Adria: Hebenetze im Po-Delta. Bild: Picture-Alliance

Von den Booten, die dort an Pfählen hängen, hat Antonioni eine „Batlina“ ausgewählt, ein hölzernes Flachboot mit eckigem Bug. Im seichten Schilfgewässer diente dieser Bootstyp früher zum Fischen und für die Vogeljagd, heute zur Traditionspflege und zum Spaß. Ein schweißtreibender Spaß, wie ich gleich merke. Die Batlina wird nämlich „alla veneta“ gerudert, auf venezianische Art. Wie ein Gondoliere am Heck stehend, stemmt sich Antonioni mit angezogenen Armen gegen ein Holzruder. Sein Körpergewicht einsetzend, streckt mein Chauffeur das Ruder anschließend wie auf einer Hantelbank durch. Vor und zurück, so geht das in langsamem Rhythmus. Das Ruder zurück in die Ausgangsposition zu bringen sei das eigentlich Schwierige bei dieser Technik, erklärt Antonioni, um dann schnell wieder nach Luft zu schnappen. Beim Zurückholen des Ruders werde gleichzeitig der Kurs korrigiert. „Dazu braucht es Übung, das lernt man am Schluss.“

Pappelplantagen und weite Felder

Auf diesem Abschnitt des Volano herrscht so gut wie keine Strömung. Von den Rändern dringt Schilf vor, umgeknickte Baumstämme ragen bis weit über die Flussmitte herein und müssen umkurvt werden. Manchmal verfängt sich das Ruder in Algen, die wie fransige, vom Wind bewegte Fadenvorhänge unter der Wasseroberfläche schwimmen. Ansonsten geschieht nicht viel. Wir passieren Einfamilienhäuser mit Gemüsegärten, Hühnerställen und Hundekäfigen. Hebenetze, die mit Seilen ins Wasser gelassen und wieder hochgezogen werden, stehen wie Galgen am Ufer Spalier – der Fisch, der sich gerade im Netz umschaute, hat Pech gehabt. Ein paar Fischer heben grüßend ihren Kopf, ein Schlauchboot dreht sich mit drei biertrinkenden Insassen im Kreis. Ein Eisvogel mit bläulich schillerndem Gefieder gibt uns ein Stück das Geleit. Er hockt in den Zweigen und flattert, sobald wir näher kommen, ein paar Bäume weiter, wo er abermals auf uns wartet. Geschichte am Wegrand gibt es auch, etwa bei Copparo die Villa Mensa, eine Sommerresidenz der Este – vielleicht ein anderes Mal. Nach etwa einer Stunde wende ich mich um. Die Schweißperlen auf Antonionis Stirn sind ein schwer erträglicher Anblick, wenn man deutlich jünger ist und außer Schauen nichts zu tun hat.

Bild: F.A.Z.

Hinter der Ortschaft Denore, wo eine Schleuse die Durchfahrt blockiert, nehme ich Abschied von Antonio Antonioni, der zum Ausgangspunkt zurückrudert. Die Landschaft wird nun offener, längs des Kanals silbrig schimmernde Pappelplantagen sowie weite Felder. Traktoren pflügen Furchen in die schwarze Erde, in denen Möwen auf der Suche nach Würmern herumstaksen. Bei meiner Ankunft in Porto Garibaldi weht mir salzige Meeresluft entgegen. Am Canale Migliarino liegen Dutzende Fischkutter.

Am nächsten Morgen, vom Tuten der Schiffshörner geweckt, frühstücke ich auf einer verglasten Terrasse. Vor mir am Kanal trudeln nacheinander die Fischerboote aus der Adria ein. Der Fang wird unter Sonnenschirmen aus Styroporkisten direkt auf der Ufermauer angeboten. In Plastikschlappen und Trainingshosen kommen Kunden aus den umliegenden Häusern angeschluft. Einem dicken Mann, der eine Kiste voller Meerbarben und Doraden auf die offene Ladefläche seines Ape-Rollers hievt, folge ich mit den Augen bis zum Restaurant, in dem er samt Beute verschwindet. Am Abend werde ich dort ordentlich zuschlagen.

Quelle: F.A.Z.
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