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Japan-Glosse

Belohnt wird, wer mehr als sechs Stunden schläft

Von Tim Niendorf
 - 16:26

Freizeit ist gut, schlafen ist besser. In Japan, so ist nun zu hören, hat sich ein kleines Unternehmen zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen, der die Arbeitswelt vielleicht auch hierzulande dereinst revolutionieren wird: Ein Arbeitgeber will seinen sechzig Mitarbeitern Bonuspunkte geben, wenn sie mehr schlafen – der Gesundheit wegen, versteht sich. Auch in Fernost weiß man, dass Schlaf die beste Medizin ist. Ausgedacht hat sich das die Agentur Crazy Wedding. Und auch ihre Idee ist total crazy: Wenn sie mindestens fünfmal in der Woche mehr als sechs Stunden schlafen, bekommen die Arbeitnehmer Punkte, die sie dann, ausgeschlafen, in der Kantine einlösen können. Umgerechnet fünfhundert Euro können sie sich auf diese Weise im Jahr erarbeiten beziehungsweise erschlafen.

Die japanische Arbeitswelt ist für ihre Härten berüchtigt. Immer wieder werden Selbsttötungen und Todesfälle aufgrund von Überarbeitung bekannt. Das Phänomen hat sogar eine eigene Bezeichnung bekommen: Karoshi. Dieser Begriff wird auf Fälle angewendet, in denen jemand in dem Monat vor seinem Tod mehr als hundert oder aber in den sechs Monaten zuvor durchschnittlich achtzig Überstunden angesammelt hat. Eine Umfrage ergab, dass jedes fünfte Unternehmen so viele Überstunden von seinen Mitarbeitern verlangt. Und wer weiß schon, wie viele Arbeitgeber sich davor scheuten, die Wahrheit zu sagen.

Ein Beispiel für Karoshi: Miwa Sado. Die Fernsehreporterin wurde mit einunddreißig Jahren tot in ihrem Bett aufgefunden, noch mit dem Smartphone in der Hand. Diagnose: Herzversagen, nach 159 Überstunden binnen eines Monats. Und dann gibt es ja noch die Nomikai, also betriebliche Veranstaltungen. Gründe hierfür finden sich genügend. Auf ein Bier mit dem Vorgesetzten nach der Arbeit, das ist nicht unüblich, zwar freiwillig, und doch irgendwie Pflicht, des sozialen Drucks wegen. Und wer braucht schon Freizeit? Eben. So soll die ausgefuchste Idee der Heiratsagentur also der Erholung von den ganzen Nomikai und der Vorbeugung von Karoshi dienen.

Tote Arbeitnehmer bringen auch dem strengsten Arbeitgeber keinen Profit mehr. Doch was nach einer Idee zum Wohle der Gesundheit daherkommt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als das Gegenteil: Nicht nur, dass viele Japaner auf ihren Urlaub verzichten, bis zu fünfzehn Stunden am Tag arbeiten und zum Dank abends noch mit dem Vorgesetzten ein Bier trinken müssen; nun sollen sie also auch noch ihren Schlaf in den Dienst des Unternehmens stellen. Überwacht wird das Ganze mit einer App, frei nach dem Motto: Freizeit ist gut, schlafen besser, Kontrolle am besten. Vielleicht sollte der Agenturchef doch noch mal eine Nacht über die Idee mit den Bonuspunkten schlafen. Wenn man doch nur nicht so viel arbeiten müsste!

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Schlaf-Schalen in London
Ein Nickerchen für 20 Euro

Quelle: F.A.Z.
Tim Niendorf
Volontär.
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