„Jenůfa“ an der Deutschen Oper

Lass uns gemeinsam in die dunkle Zukunft gehen

Von Jan Brachmann
06.03.2012
, 12:47
Erzählerisch sauber und konzeptionell uneitel: Christof Loy beschert der Deutschen Oper Berlin mit „Jenůfa“ eine restlos gelungene Regie. Seltenes Glück für den Zuschauer.

Und wirklich: Das ist ein glückliches Ende. Eines, das das Glück nicht mehr mit Namen nennt. Aber wenn es einen Namen haben sollte, dann heißt es „Liebe, die Gott gefällt“. Jenůfa besingt sie, nimmt den Mann, der ihr Gesicht einst mit dem Messer entstellt hat, an die Hand und geht mit ihm in eine gemeinsame Zukunft. Sie und Laca drehen uns den Rücken zu und begeben sich in die Tiefe des Raums. Das enge weiße Zimmer hat sich geweitet, die Rückwand mit Tür und Fenster ist verschwunden. Doch dort, wo man lange hinterm Haus ein Feld gesehen hatte, auf dem im Sommer der Weizen stand und winters der Schnee lag, da ist jetzt nichts. Schwarz, aber nicht hoffnungslos, wartet die Zukunft auf das Paar.

Das ist einfach und groß, das ist überraschend und doch schlüssig, was Christof Loy da ans Ende seiner Inszenierung von Leos Janáceks „Jenůfa“ an der Deutschen Oper Berlin gestellt hat. „Liebe, die Gott gefällt“ - das ist ja, wie wir aus dem ersten Korintherbrief des Paulus wissen, eine Liebe, die sich nicht erbittern lässt und das Böse nicht zurechnet: „Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ Nach Liebe sehnen sich alle in diesem Stück - Loy zeigt das deutlich.

Psychologisch genau

Da schmiegt Laca seinen Kopf in den Schoß der Großmutter, der alten Müllerin Buryja, weil er der ungeliebte Enkel ist und Steva bevorzugt wird. Auch Jenůfa liebt Steva und bekommt ein Kind von ihm. Da aber die Küsterin ihre Ziehtochter Jenůfa ebenso liebt, nimmt sie der schlafenden Wöchnerin das Kind weg und ertränkt es. Denn in diesem mährischen Dorf wären uneheliche Kinder eine Schande.

Dies sind alles Arten von Liebe, die besitzen und kontrollieren wollen, die alles schon wissen über die Zukunft; die dem Glück einen Namen und ein Gesicht geben und vorgreifen auf das, was sein soll. Bis dann Jenůfa über sich hinauswächst und den Teufelskreis von Begehren, Aggression und Vergeltung durchbricht. Loys Schluss übersetzt geradezu wörtlich ins Bild, was der Theologe Rudolf Bultmann einmal über die Gemeinschaft des Glaubenden mit dem jenseitigen Gott formuliert hat: Sie bestehe „in der Offenheit für die unverfügbare Zukunft, in der Bereitschaft, in das Dunkel der Zukunft einzutreten - wie Luther sagt: in die Finsternisse - getrost hineinzugehen“.

“Jenůfa“ in Berlin ist der ganz seltene Fall einer restlos gelungenen Opernproduktion. Lediglich die Szene des - wieder einmal fabelhaften - Hauschores nach der Militär-Musterung könnte choreographisch strenger gearbeitet sein. Die Führung der einzelnen Personen ist hingegen psychologisch so genau, erzählerisch sauber, dabei konzeptionell uneitel und zurückhaltend, dass man sie als vorbildlich bezeichnen muss. Man versteht gar nicht, warum der etwa in Frankfurt seit langem etablierte Christof Loy erst jetzt sein Berlin-Debüt gab.

Ein tragisches Motiv

Die Kostüme von Judith Weihrauch siedeln das Stück wirklich im ländlichen Milieu um 1900 an; der Himmelsprospekt hinter dem beweglichen Innenraum auf der Bühne von Dirk Becker ist geradezu altmeisterlich gestaltet und dennoch kein historisierender Fremdkörper. Aktualität entsteht eben nicht dadurch, dass man einen Stoff gewaltsam in die Lebenswelt unserer Gegenwart zerrt, sondern dass man ein Stück so zum Sprechen bringt, dass es uns betrifft.

Dazu hat Loy nicht nur das Drama von Gabriela Preissová gelesen, das Janáceks Oper von 1904 zugrunde liegt, sondern auch den Roman, den sie nach der Oper daraus gemacht hat. Der erzählt nämlich die Vorgeschichte der Küsterin, die als junge Frau genau das Gleiche erlebt hat, was ihre Ziehtochter Jenůfa jetzt durchmacht. Und so ist der erste Akt in Berlin als Erinnerungsrückblende der Küsterin erzählt, was ihrem Säuglingsmord ein wirklich tragisches Motiv gibt: Sie will nur das Glück der Frau, die sie einst an Kindes statt annahm.

Jennifer Larmore singt diese Küsterin nicht als kantige Matriarchin, sondern mit der zu größten Lyrismen fähigen Innigkeit einer liebenden Mutter. In dieser aggressiv-gehemmten Fürsorge, diesem diszipliniert-grausamen Liebesbedürfnis entsteht stimmlich und darstellerisch ein Rollenporträt von höchster Komplexität. Die beiden Stiefbrüder sind mit zwei exzellenten Tenören besetzt: schwärmerisch und schmachtend Joseph Kaiser als Tunichtgut Steva; ernst, fest und geradlinig Will Hartmann als Laca. Hanna Schwarz als alte Müllerin Buryja fokussiert sofort das gesamte Geschehen auf sich, sobald sie die Bühne betritt und dann mit ihrer vollen, warmen, gütigen Stimme zu singen anfängt.

Und in dieses Spitzenensemble fügt sich auch Michaela Kaune als Jenůfa ein, deren Sopran an den leisen Stellen zwar etwas schwer anspricht, dafür aber auf den Höhepunkten weich und anrührend bleibt. Innig und fließend hat Donald Runnicles den Orchesterpart gehalten, gelegentlich etwas zum Üppigen neigend, meistens aber die Feinheit der Zeichnung wahrend. Die Zustimmung des Publikums war widerspruchslos und euphorisch.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot