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Aufwachsen in München

Ja mei, die jungen Leute

Von Julia Bähr
Aktualisiert am 21.09.2019
 - 15:02
Das Baden ist untersagt, aber es kostet nichts: Schwanenpaar mit menschlichen Passagieren auf dem Eisbach im Englischen Gartenzur Bildergalerie
München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

Ein Euro und achtzig Cent. So viel kostet eine Kugel Eis bei einer ganz normalen Eisdiele im Münchner Glockenbachviertel. Ein paar Häuser weiter gibt es Trüffel-Pommes für 6,50 Euro oder Avocado-Brot für 8,50 Euro. Eine bekannte Café-Kette verlangt fünfzig Cent, wenn jemand nebenbei sein Handy aufladen möchte, und 1,50 Euro für ein „zweites Gedeck“: wenn man um eine weitere Gabel bittet, um sich ein Stück Kuchen zu teilen. Das Leben in München ist teuer geworden, und das betrifft nicht nur die exorbitanten Wohnungsmieten. Deshalb sind die Preise nicht nur ein Thema für Erwachsene, sondern auch für Schüler, Auszubildende und Studenten, die noch zu Hause wohnen. „Der Bayer hat einen gemächlichen, gemütlichen Puls. Man kann dabei sehr alt werden“, schrieb Erich Kästner. Alt werden, das mag gut gehen in München – aber wie ist es, hier jung zu sein?

Dieser Text stammt aus der Feuilleton-Beilage über München – am Samstag, 21.9., am Kiosk oder digital.

Dass es zu wenig Entfaltungsspielraum gibt, finden junge Menschen in der bayerischen Landeshauptstadt schon seit Jahrzehnten. Proberäume für Bands etwa befinden sich traditionell an Orten, die man kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht. Das Oktoberfest sieht zwar auf den ersten Blick aus wie ein großartiger Zeitvertreib für Jugendliche, aber nur, bis man die Preise für Brezn und Fahrgeschäfte sieht. Und das Vergnügungsviertel direkt hinter dem Ostbahnhof, das je nach Ära und Areal Kunstpark Ost, Kultfabrik oder Optimolwerke hieß und neben den Diskotheken Platz für kulturelle und andere Veranstaltungen bot, wurde zwischen 2016 und 2018 fast vollständig geschlossen und abgerissen. Dort ist das sogenannte Werksviertel entstanden, mit Büroflächen, 1150 Wohnungen und fünf Hotels.

Wer sich fragt, womit die jungen Leute sich nun also die Zeit vertreiben, muss nur in den Sommerferien in den Englischen Garten gehen. Dort lagert an einem heißen Tag die halbe Stadtbevölkerung unter fünfundzwanzig. Hinter der stehenden Welle, an der die Surfer die Touristen erfreuen, beginnt das coolste, kostenlose Freizeitvergnügen, das München zu bieten hat: Ganze Gruppen von Jugendlichen steigen hier in den Eisbach, um sich von ihm quer durch den Englischen Garten mitreißen zu lassen. Der Bach trägt seinen Namen nicht zufällig, er ist selbst dann noch äußerst erfrischend, wenn der Ammersee sich schon zur Badewanne aufgeheizt hat. Und er hat eine starke Strömung, weshalb man die Beine anziehen und sich in der Mitte halten sollte, wenn man die Tour nicht mit blauen Flecken beenden will. In ordentlichem Tempo geht es unter Brücken hindurch, auf denen Flaneure stehen, die man ungestraft nassspritzen kann – bis sie bemerkt haben, woher der Schwall Wasser kommt, sind die Übeltäter längst weiter.

Die Eisbachtour pausiert einige hundert Meter weiter an der zweiten Surferwelle. Dort stehen hauptsächlich diejenigen auf den Brettern, die noch nicht so geübt sind oder nicht gerne so viele Zuschauer haben wie an der großen Welle. Kurz vor der Welle hat jemand ein dickes Seil quer über den Eisbach gespannt, an dem sich die Schwimmer festhalten. Erst wenn einer der Surfer sie durchwinkt, lassen sie los. Bis zu fünfzig Menschen treiben dann innerhalb kürzester Zeit zwischen den Betonwänden hindurch, ehe der nächste Surfer auf sein Brett springt. Auf Höhe der Tivolistraße hängen zwei Leitern am Ufer. Spätestens hier müssen die Schwimmer aussteigen. Den Kilometer, den sie zurückgelegt haben, gehen sie entweder zu Fuß zurück, oder sie steigen in die Trambahn zum Nationaltheater. Die Fahrkartenkontrolleure sind daran gewöhnt, zwei Stationen lang tropfnasse Menschen in Badebekleidung in der Tram zu haben, und ignorieren sie meist. Auch die Ordnungsbehörden kümmern sich nicht um die Angelegenheit. Das Baden im Eisbach und auch das Surfen an der zweiten Welle sind verboten, mehrere Schilder warnen vor Lebensgefahr. Aber niemand kontrolliert, die Stadt vertraut der Eigenverantwortung.

Der Preis dafür ist hoch: In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Badeunfällen, die teilweise tödlich ausgingen. Das Wasser ist kalt, die Strömung stark und die Schwimmer oft angetrunken – eine fatale Mischung. An manchen Stellen ist der Bach so tief, dass man den Grund mit den Füßen nicht erreicht. Und wenn viele Schwimmer gleichzeitig durch den Eisbach treiben, ist es nicht so leicht, rechtzeitig die Leitern zum Ausstieg zu erwischen. Die Stadt hält ihre Pflicht für erfüllt, indem sie immer wieder neue Warnschilder aufstellt. Zum Einsatz von Rettungsschwimmern dagegen, der an den bayerischen Seen üblich ist, konnten sich die Verantwortlichen bisher nicht durchringen. Reglementieren kostet nichts.

Dabei bemüht sich das Stadtjugendamt, Kindern und Jugendlichen etwas zu bieten. In der vom Stadtrat abgesegneten Rahmenkonzeption der Offenen Kinder- und Jugendarbeit werden die Probleme dabei klar benannt: „Eine Schattenseite der Prosperität Münchens ist, dass Baugrund teurer wird und Planungen für Kinder- und Jugendliche in Konkurrenz zu anderen Nutzungen stehen. Die hohen Investitionskosten von Immobilien erfordern einen hohen Auslastungsgrad. Schon jetzt finden in den Einrichtungen – je nach baulichen Gegebenheiten – innerhalb und außerhalb der Öffnungszeiten zahlreiche Nutzungen durch andere Altersgruppen statt.“ Was das heißt, kann man schnell herausfinden mit folgendem Gedankenspiel. Angenommen, ein Mädchen möchte seinen achtzehnten Geburtstag feiern. Zu Hause geht es nicht, zu wenig Platz, genervte Nachbarn, vielleicht sind auch die Eltern nicht begeistert vom Gedanken, eine Teenie-Party zu beherbergen.

Party mit Hemmnissen

Viele Kinder- und Jugendzentren stellen kostengünstig ihre Räume für Feiern zur Verfügung. Juristisch handelt es sich nicht um eine Vermietung, sondern um eine Raumüberlassung, aber das spielt in der Praxis keine Rolle. Im Internet gibt es eine Liste mit Adressen und Bedingungen, die das Mädchen herunterladen kann. Und da fängt der Spaß an. Der Club im Hasenbergl: ab 22 Uhr nur noch Zimmerlautstärke; dafür gibt es ein Kaminzimmer, da stehen die jungen Leute ja drauf. Jugendtreff Cosimapark: Hier müssen mindestens drei volljährige Personen den Vertrag unterzeichnen. Wer soll das sein – Mutter, Vater und Großtante? Das Intermezzo an der Graubündener Straße verbietet Tanzpartys von vornherein, gibt aber an, es passten „max. 260 Personen (stehend)“ hinein. Die dürfen bloß nicht anfangen, zur Musik mitzuwippen. Im Jugendtreff Pasing muss die Vertragsperson mindestens 27 Jahre alt sein und einen Personalausweis vorlegen, im Treff Mosaik sind es sogar mindestens dreißig Jahre. Im Zentrum kommen ohnehin nur drei Räume in Frage, von denen zwei lediglich für Bewohner der benachbarten Viertel anzumieten sind und einer das Ende der Party um 22 Uhr vorschreibt.

Kindergeburtstage hingegen sind in vielen dieser Räume problemlos möglich. Kinder werden ja die ganze Zeit von vernünftigen Erwachsenen beaufsichtigt, grölen nicht angetrunken vor der Tür und gehen pünktlich nach Hause. Aber Kinder werden Teenager und junge Erwachsene, und deren Bedürfnis, mit ihren Freunden zu feiern, Eis zu essen und zu baden, ist nicht so revolutionär neu, dass man sich als Stadt nicht darauf einstellen könnte. Vorausgesetzt, man ist nicht schon vollauf damit beschäftigt, sich auf die Bedürfnisse von Porschefahrern, Operntouristen und ruhebedürftigen Rentnern einzustellen. München reagiert auf seine Weise auf das Dilemma: Im Jugendinformationszentrum findet jeden Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr eine von mehreren Schuldnerberatungen für Menschen bis 25 Jahre statt. Auf der Website empfehlen die Organisatoren, vor 16 Uhr da zu sein, wenn man noch drankommen möchte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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