Kolumne „Bild der Woche“

Kämpferinnen des Geistes

Von Katja Petrowskaja
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 23:26
Natela Grigalashvili: Duchobor-Frauen auf dem Blauen Kurgan, 2014
In einem südgeorgischen Bergdorf lebt die ethnisch-religiöse Sekte der „Duchoboren“. Die Frauen tragen bunte Kleider und widersetzen sich jeglicher Staatsgewalt. Leben ist für sie Gottesdienst. Ein Blick auf die letzten ihrer Art.

Das Erste, was ich hier sehe, sind Blumen im Wind, die auf einem saftigen grünen Hügel Blumen pflücken – blumenpflückende Blumen. Diese buntgekleideten Frauen gehören zur ethnisch-religiösen Sekte der „Duchoboren“, was wörtlich „Geisteskämpfer“ heißt.

Ihr Kampf ist gewaltfrei. Auch die Farben ihrer Kleider bezeugen ihren praktischen Glauben – mit dem eigenen Wesen offenbaren sie ihre Freude an der Schöpfung, dienen ihrem fröhlichen Christentum im Geiste. Hier, mitten im Kaukasus, wo im Alltag schwarze Bekleidung vorherrscht, gehen sie sogar zu Begräbnissen bunt gekleidet, und ihre Grabkränze sehen wie in Folie gewickelte bunte Lutscher aus.

Den Frauen ist dieser Hügel, der Blaue Kurgan, heilig. Sie kommen einmal pro Jahr im Hochsommer hierher, um zu beten, Blumen zu pflücken und zusammen mit ihrer Gemeinde zu essen, bei einer Art religiösem Picknick. Der genaue Tag ist nicht festgelegt. Vielleicht fällt das Fest auf den Tag der Farbvollkommenheit?

Sie wohnen in Süd-Georgien im Dorf Gorelowka, das auf einer Höhe von zweitausend Metern liegt, unweit der Grenze zu Armenien. Die Ansiedlung dieser russischen Duchoboren im Kaukasus ist keine Folge einer himmlischen Landung, sondern das Ergebnis unaufhörlicher Vertreibung, die die Zarenherrschaft gegen Andersgläubige ausgeübt hat.

„Geisteskämpfer“ sind zuerst in Südrussland und in der heutigen Ukraine in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgetaucht und widersetzen sich jeglicher Form der Staatgewalt: kein Eid auf den Zaren, kein Wehrdienst, keine Steuern. Selbst die Orthodoxe Kirche als Institution lehnen sie ab. Ihr Glauben benötigt keinen materiellen Vermittler, keinen Priester, keine Ikone, kein Kreuz und kein Ritual. Geblieben sind die Psalmen, die Gebote, die Arbeit und die Schönheit.

Zuerst waren Anfang des 19. Jahrhunderts Tausende Familien in die unbewohnten Gegenden auf der Krim umgesiedelt worden. Als Russland den Südkaukasus in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts von der Türkei erobert hatte, wurden sie von der Krim in die klimatisch härteren Regionen des Kaukasus zwangsumgesiedelt. Dank ihrer Arbeitsethik und ihres Zusammenhalts – sie haben in Landkommunen gewirtschaftet – sind die Duchoboren stets zu Wohlstand gekommen (wie Max Weber doch recht hatte!).

Als wenn die Fotografin selbst eine der Blumenpflückerinnen wäre, sieht sie auf die Röcke im Wind, richtet sich auf und blickt hinunter, auf den schrägen Hügel, auf eine andere Gruppe da unten, auf die Schatten der Wolken auf der Wiese. Eines der merkwürdigsten Dinge bei diesem Foto ist es, dass es dem „À la russe“-Stil entspricht, der vor mehr als hundert Jahren in Europa so in Mode war – als wenn dies kein Foto, sondern ein Gemälde wäre. Die Archaik ist hier aber keine Maskerade, keine ethnographische Show.

Kaum zu glauben, aber diese Frauen sind direkt mit der Suche Leo Tolstois nach dem richtigen Glauben und der richtigen Tat verbunden. Tolstoi ist Ende des 19. Jahrhunderts zum einflussreichen Fürsprecher der Duchoboren geworden. Seine Wandlung vom Grafen zum einfachen Landwirt – und besonders sein Konzept vom „Verzicht auf gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“ und sein Vegetarismus standen den Prinzipien der Duchoboren sehr nahe. Als 1887 in Russland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, haben die Duchoboren des Kaukasus alle ihre Waffen eingesammelt und verbrannt.

Verewigt von Leo Tolstoi

Daraufhin wurden Kosaken-Verbände gegen die Wehrlosen aufgehetzt. Es kam zu Folter, Verbannungen und Zwangsumsiedlungen. Als klarwurde, dass das zaristische Russland die Duchoboren nicht in Ruhe lassen würde, hat Leo Tolstoi sein gesamtes Honorar für seinen Roman „Auferstehung“ (nach den Welterfolgen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ sein dritter, mit Spannung erwarteter Roman) für die Übersiedlung von Duchoboren aus dem Kaukasus nach Kanada gespendet, für siebentausend „Seelen“!

Und auch die Nachfahren der Zurückgebliebenen sind ihm bis heute dankbar: Diese Frauen aus Gorelowka sind zu einer Schule gegangen, die „mit dem Geld von Tolstoi“ gebaut wurde.

Für die Duchoboren wird das ganze Leben zum Gottesdienst, und vielleicht blicken wir in diesem kurzen Moment genau in das hinein, was die letzten kaukasischen Duchoboren auf dem Blauen Kurgan preisen.

Quelle: F.A.S.
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