Kolumne „Bild der Woche“

Die Brücke von Irpin und die erzählerischen Dimensionen des Kriegs

Von Katja Petrowskaja
03.07.2022
, 15:04
Ein Mädchen mit Hund auf einer zerstörten Brücke von Irpin
Die Fotografin Mila Teshaieva ist aus Berlin in die Ukraine aufgebrochen, als die russische Invasion begann. Ihr Foto einer Brücke im zerstörten Irpin und auch ihr Tagebuch dokumentieren, wie schnell im Krieg alles aus den Fugen gerät.
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Ich betrachte dieses Mädchen mit Hund auf der zerstörten Brücke von Irpin, die Betontrümmer und staune, dass das Bild bei mir Erinnerung wachruft, obwohl der Krieg noch in vollem Gange ist. Das Bild ist ikonisch, wie ein Schiff drängt die Erinnerung in mein Gedächtnis.

Der Krieg hat bereits zeitliche Tiefe, seine eigene Vergangenheit. Dabei verliert das Heute nichts von seinem puren Wahnsinn: Eine Rakete schlägt mitten in Kiew ein, eine andere trifft ein Einkaufszentrum voller Menschen in Krementschug, eine Schule brennt in Awdejewka, in Lyssytschansk sitzen Hungernde in Kellern unter Beschuss. Sind das Heeresberichte?

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In den sozialen Medien melden sich Menschen: Das ist mein Haus; das ist meine Schule; das war mein Freund. Sie melden sich mit ihren Ruinen, die an die Stelle ihrer Lebensorte getreten sind. Sie melden sich mit ihren Toten. Vier Monate Krieg, aber der Verstand weigert sich, eine solche Realität zu begreifen.

Ich staune darüber, dass mich dieses verhaltene Bild aus Irpin so fesselt. Über Irpin, einen Vorort von Kiew, schreibe ich immer wieder, als würde ich in mir keinen größeren Fleck des Krieges annehmen können, als würde ich den Krieg auf menschlich ermessbares Territorium reduzieren wollen. Man ahnt, dass das Mädchen mit dem Hund vom Rande der zerstörten Brücke gleich ins Ungewisse verschwindet. Nur die Ruine bleibt. Das Schicksal des Mädchens liegt im Ungewissen, wie in diesem grauen Nebel. Aber eines ist klar: Das Mädchen und jeder andere in diesem Land hat ein Schicksal, in das sich der Krieg für immer eingeprägt hat.

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Die Fotografin Mila Teshaieva zeigt das Schicksalhafte. Gleich zu Beginn des Krieges ist sie aus Berlin, wo sie lebt, nach Kiew gefahren, wo sie geboren ist: „Wenn der Krieg zu mir nach Hause kommt, möchte ich zu Hause sein“, schreibt sie in ihrem Foto-Tagebuch, das nun im Berliner Haus der Europäischen Kulturen ausgestellt ist. „Splitter des Lebens. Ukraine-Tagebuch“ heißt dieses beeindruckende Dokument der ersten Kriegsmonate. Verhaltene Bilder, knappe Worte: Die Fotografin bewegt sich zwischen dem Dokumentieren von Gräueln und dem Verzicht auf unmittelbare Darstellung von Gewalt.

Damit wirft sie die grundsätzliche Frage auf, wie man es vermeiden kann, durch Bilder dramatischer Ereignisse noch mehr Schaden und Schmerzen für die Protagonisten zu erzeugen. Auch in der Landschaft des Todes bewegt sich die Fotografin auf der Suche nach Splittern des Lebens. Stark und leise ist ihre Stimme, wie ein Barometer der Gefühle schwankt sie zwischen Individuellem und Kollektivem, zwischen Trauer und Vertrauen. Aus den Fragmenten entsteht eine epische Erzählung über Krieg und Widerstand.

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Wartende Menschenmassen in der Dunkelheit des überfüllten Kiewer Bahnhofs; das Lächeln einer Frau, die zurückgelassene Tiere rettet; ein berühmtes Denkmal, mit Säcken bepackt, von dem nur noch der Schweif eines Pferdes zu sehen ist; ein Mann im Bunker, zwischen Kisten, versucht einen Funkempfang zu finden; und immer wieder Staub, Ruinen, Geschossfragmente und Menschen am Rande dieser zerstörten Welt.

Das Eckige und das Warme

Es herrscht eine Spannung zwischen den Bildern und Texten des Tagebuchs, zwischen den eckigen Formen auf den Fotos und der umarmenden Wärme der Erzählungen. Sie passen nicht ineinander, auch diese Ästhetik zeugt davon, dass im Krieg alles aus den Fugen gerät.

Das Bild ist fast farblos, nur die Jacke des Mädchens ist grellgelb, sie wird mir im Gedächtnis bleiben. Der Hund des Mädchens blickt wachsam zur Seite, als wäre er auf Wachposten. Zwei ganz junge Soldaten der „Lokalen Verteidigung“ tragen gelbe Bänder. Ein Soldat schaut in die Kamera und stützt sein Kinn auf das Gewehr. Müde. Das Geländer der Brücke ist in den Farben der ukrainischen Flagge bemalt, und auch der Himmel hat eine Prise Blau. Gelb und Blau sickern durch das Bild. Aber das Grau dominiert an diesem trüben Tag.

Stundenlang hat die Fotografin die Menschen, die sich über die zerstörte Brücke retten, beobachtet: „Ein unendlicher Schmerz dringt in mich ein, denn ich verstehe nicht, warum ihnen, warum uns dieses Grauen widerfährt.“ Das Mädchen schaut von einer zerstörten Brücke auf uns herab, von der Höhe ihrer nichtkindlichen Erfahrung.

Quelle: F.A.S.
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