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Das Massaker von Babyn Jar

Ein Versteck unter den Erschossenen

Von Gerhard Gnauck
29.09.2021
, 21:24
Erinnerung an ein Massaker: Szene aus der Kiewer Aufführung Bild: Heiner Sehr
Der Holocaust durch die Kugel: Kiew gedenkt des Judenmords von Babyn Jar mit Stolpersteinen und einem deutsch-ukrainischen Dokumentartheaterstück.
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Erst lange nach der Jahrtausendwende wird der „Holocaust durch die Kugel“ aufgearbeitet und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Mit diesem Begriff be­zeichnet man inzwischen den Judenmord weit im Osten Europas, wo das System der Gaskammern nicht mehr hinreichte. Am morgigen Donnerstag werden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew die ersten „Stolpersteine“ verlegt werden. Vitali Klitschko wird dabei sein, der einstige Boxweltmeister, dessen sportliche Karriere eng mit Deutschland verbunden war und der dann zum Bürgermeister der Dreimillionenstadt gewählt wurde, aber auch Anka Feldhusen, die deutsche Botschafterin.

Mit dem ersten dieser kleinen Gedenksteine wird Ljudmyla Tkatsch gewürdigt werden. Die ukrainische Jüdin, 1936 ge­boren, verlor 1938 im stalinistischen Terror zunächst ihren Vater. Drei Jahre später erreichte die Wehrmacht Kiew, und schon in den ersten Tagen ihrer Anwesenheit, am 29. und 30. September 1941, setzten die deutschen Besatzer das Massaker von Babyn Jar ins Werk. Ljudmyla und ihre Mutter liefen, wie viele Kiewer Juden, auf Anweisung der Besatzungs­behörden zu einer Sammelstelle. Sie wurden am Rand der hügeligen Stadt in das Tal Babyn Jar (zu Deutsch: „Weiberschlucht“) getrieben. Hier wurden – laut Behördenbericht – an diesen zwei Tagen 33.771 Juden erschossen. Ljudmyla und ihre Mutter sprangen zu den Erschossenen in die Grube und entgingen so den Kugeln; in der Nacht konnten sie fliehen, wurden von Kiewer Mitbürgern versteckt und überlebten den Krieg. In dieser Wo­che sollen insgesamt 80 Steine verlegt werden. Eine Internetseite dokumentiert die Schicksale dazu (kyivstones.org).

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Viele Intellektuelle laufen Sturm

Damit dehnt sich das Netz der Stolpersteine in Europa wieder ein Stück weiter nach Osten aus. Der 1947 in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig hatte in den Neunzigerjahren damit begonnen, die Betonwürfel mit darauf angebrachten Messingtafeln ins Pflaster der Bürgersteige zu setzen. Sie sollten namentlich an NS-Opfer erinnern ­ – nicht nur Ermordete, auch Deportierte oder Vertriebene. Auch im europäischen Ausland finden sich diese fast golden glänzenden Mahnmale. In mehreren Städten in Polen stieß die aus Deutschland kommende Gedenkarbeit jüngst auf besondere Empfindlichkeit. Das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), eine Archiv- und Geschichtsbehörde, gab zu der Steinverlegung kri­tische Stellungnahmen ab („widerspricht der in Polen üblichen Erinnerungskultur“). Das IPN, ganz auf Linie der derzeitigen rechten Regierung, monierte auch, es fehle auf den Steinen der Hinweis auf die (deutschen) Täter.

In Kiew gab es keine Einwände. Zu schwer wiegt Babyn Jar, das größte Massaker der an Gewalttaten so reichen Weltkriegszeit. Zu laut wird auch gestritten über das aufwendige und vom Staat abgesegnete Gedenkprojekt, an dem der russisch-jüdische Künstler Ilya Khrzhanovski mitwirkt; es wird die gewachsene Erinnerungslandschaft mit ihren vielen kleinen Denkmälern in der Parkanlage bei Babyn Jar regelrecht umpflügen. Viele Intellektuelle im Land, auch einige jüdische Aktivisten, laufen Sturm dagegen.

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Theater als Bildungsarbeit

Auch eine weitere Gedenkinitiative zum achtzigsten Jahrestag des Massenmords ist enger deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit zu verdanken. Das Berliner Dokumentartheater und sein Partner, das Kiewer Theater Studio 11, bringen am heutigen Mittwoch in der Stadt erstmals ihr Stück „Babyn Jar – Die fast vergessene Schlucht“ auf die Bühne. Die beiden Truppen, geleitet von Marina Schubarth in Berlin und von Vlada Belosorenko in Kiew, haben in dieser Woche in der Ukraine erstmals zusammen geprobt. Sie werteten für das Stück selbst Archivmaterial aus. Die Ukrainer waren er­staunt, wie viel in deutschen Archiven zu finden war, bis hin zu den von einem Polizisten 1941 in Kiew ge­machten Fotos.

All das wird in diesem künstlerischen Requiem verarbeitet; die Deutschen werden auf der Bühne sprechen, die Ukrainer ges­tikulieren, tanzen, singen, beispielsweise das jiddische Lied „Unser Schtetl brennt“. „Es ist vor allem Körpersprechtheater“, sagt Schubarth der F.A.Z., „vielleicht ist es, mehr noch als Theater, Bildungsarbeit. Denn gewisse Themen kann man einfach nicht spielen.“ Am Ende werden wichtige Requisiten als Geschenk in Kiew bleiben, etwa Tafeln, auf die Schüler aus dem niedersächsischen Hude die Namen Tausender Toter aus Babyn Jar geschrieben haben. Mehr kann ein Theater für die Opfer wohl nicht tun.

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Quelle: F.A.Z.
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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