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800 Jahre Thomanerchor

Johann Sebastian Bachs Kadetten

Von Julia Spinola
 - 16:50

Sie sind kleine Weltstars und führen ein spartanisches, straff reglementiertes Leben in einem Internat, das sie „Kasten“ nennen. Sie sehen ihre Eltern höchstens einmal pro Woche, sprechen dafür aber mit glänzenden Augen vom Chor als ihrer „Familie“. Sie weinen vor Heimweh, wenn sie als Neunjährige aufgenommen werden - und vergießen dann noch mehr Tränen, wenn sie als Abiturienten plötzlich ins Freie geschubst werden.

Der Leipziger Thomanerchor bildet trotz des steten Wechsels seiner Mitglieder eine geschlossene Gemeinschaft. Eine Welt, die voller Verheißungen, Chancen und Erfüllungen steckt und zugleich voller Zwänge und Entbehrungen; eine Welt, die verlangt und lehrt, die widersprüchlichsten Erfahrungen übereinzubringen, als handelte es sich dabei um die Stimmen eines chromatischen Fugensatzes, dessen dissonanter Verlauf sich irgendwann zur höchsten Formvollendung rundet. Ein Leben in Musik und aus Musik und wie Musik.

Das prägt. Was man bei den Thomanern lerne, sagt der Sänger Sebastian Krumbiegel von der Leipziger Popgruppe „Die Prinzen“, sei unersetzbar, das könne man auf keiner Musikhochschule nachholen. Er muss es wissen, denn er hat als Ehemaliger und Absolvent der Leipziger Musikhochschule beide Institutionen durchlaufen.

Bachs Passion trifft auf schnödes Schulpensum

Seinen 800. Geburtstag feiert der Thomanerchor dieses Jahr am 20. März: eine unfassbar weit zurückreichende Tradition. Tradition ist das Zauberwort von Georg Christoph Biller, der sich als 16. Thomaskantor heute dem berühmtesten seiner Amtsvorgänger - Johann Sebastian Bach - innerlich zutiefst verbunden weiß: mit ein klein wenig Stolz, vor allem aber mit einem aufrichtig empfundenen, protestantisch gestählten Pflichtgefühl. Tradition, das ist die täglich neu zu meisternde „große Aufgabe“, deren Kern allen Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg standgehalten habe und die in einer bis heute für die „Thomasser“, wie Biller sie nennt, maßgeblichen Trinität bestehe: Singen, Lernen, Glauben.

Schon bald nach seiner Gründung durch Markgraf Dietrich von Meißen war das Augustiner-Chorherrenstift Sankt Thomas über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, deren Schüler als Gegenleistung für ihre Ausbildung den liturgischen Gesang und andere gottesdienstliche Aufgaben zu übernehmen hatten. 1254 wurde eine „Scola exterior“ geschaffen, die gegen Schulgeld auch bürgerlichen Knaben offenstand. Während der Reformation gingen Schule und das „Alumnat“ genannte Internat an die Stadt über. Als Johann Sebastian Bach für die Zeit von 1723 bis 1750 das Kantorat übernahm, führte er mit den Knaben seine Passionen, die h-Moll-Messe und die sonntäglichen Kantaten auf - und stritt sich nebenbei mit dem Rektor darüber, wie viel ihrer knapp bemessenen Zeit die 55 Sängerknaben, die ihm für seine Werke zur Verfügung standen, denn für das schnöde Schulpensum noch zu opfern hätten. Die Bach-Renaissance im neunzehnten Jahrhundert bescherte dem Chor dann einen Ruhm, von dem er heute noch profitiert - und dem es auch mit zu verdanken ist, dass sich weder das NS-Regime noch die DDR-Diktatur an dem kulturellen Erbe, das er repräsentiert, nachhaltig vergriffen haben.

Harter Alltag statt fliegendem Klassenzimmer

Von all dem erfährt man in dem knappe zwei Stunden dauernden Dokumentarfilm „Die Thomaner - Herz und Mund und Tat und Leben“, den Paul Smaczny und Günter Atteln nun pünktlich zum Jubiläum herausbringen, so gut wie nichts - dafür gewährt er jedoch einen anrührenden Einblick in den Alltag der Thomaner von heute. Ein Jahr lang haben die Regisseure den Chor mit der Kamera begleitet und neben Biller vor allem ausgewählte Protagonisten in den Mittelpunkt gestellt: den neunjährigen Johannes etwa, dessen Ziel es „nämlich schon immer war“, in den Thomanerchor aufgenommen zu werden, und der, seit er die höchst anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bestand, offenbar überhaupt nie wieder aufgehört hat, unter seinem blonden Lockenkopf übers ganze Gesicht engelsgleich zu strahlen.

Im Leipziger Kino „Schauburg“ flitzt er bei der „family & friends“-Vorführung, die für alle Thomaner und ihre Familien stattfindet, aufgeregt zwischen seinen Mitschülern und Bewunderern umher, beschenkt jeden, den er anblickt, mit seinem Lächeln und schwärmt bereitwillig davon, wie schön das Leben als „Thomasser“ sei. Drei Säle sind prall gefüllt mit den Popcorn und Limonade naschenden, schnatternden und kichernden Chorknaben. Knapp hundert Thomaner gibt es zurzeit. Das Urteil nach der Vorstellung können sich die Regisseure ans Revers stecken: „Ihr habt uns endlich einmal so gezeigt, wie wir wirklich sind!“ Eine etwas skeptischere Mutter bekennt zwar, am Anfang habe sie gedacht, das sei ja „doch bloß wieder dieser ,Das fliegende Klassenzimmer’-Kitsch“, doch sei auch sie schließlich überzeugt worden von dem Gelingen des Films.

„Das fliegende Klassenzimmer“ zeigt den Tagesablauf der „Kasten“-Bewohner tatsächlich um einiges behaglicher, als er in Wirklichkeit ist. Vom Weckruf mit dröhnender Rockmusik aus dem Lautsprecher früh um halb sieben über Schul-, Chor- und Instrumentalunterricht bis zur Schlafenszeit ist hier der ganze Tag minutiös durchgeplant. Fürs Mittagessen bleibt gerade eine Viertelstunde. Geprobt wird schier endlos, hart und unnachgiebig. Nur so kann Biller den lupenreinen, klaren Klang dieses Elite-Ensembles erzielen. Dreimal die Woche singt der Chor in seinen altmodischen blau-weißen „Kieler Blusen“ in der Thomaskirche, dazu kommen die großen Konzertreisen, wie zuletzt die Südamerikareise, die das Filmteam begleitet hat. Doch offenbar wird dieses Pensum auch als Erfüllung betrachtet: „Was ich mich immer frage“, sagt ein junger Thomaner vor der Kamera, „ist, wie die Externen die Zeit totschlagen.“ Die „Externen“, das sind jene Schüler der Thomasschule, die nicht zum Chor gehören.

Das hierarchische System bleibt bestehen

Das Leben im Internat, wo ein junger Thomaner „Ultimus“ genannt und von den Stuben-Ältesten beaufsichtigt wird, wo bis vor kurzem bis zu zehn Jungs in einem spartanisch eingerichteten Schlafsaal wohnten und die strikten Regeln und Werte der Institution von den Älteren vermittelt bekamen, notfalls auch durch eine „Stunde“ genannte Strafe in Form einer abzuleistenden gemeinnützigen Arbeit - dieses Leben erfordert nicht nur eine herausragende Begabung, Disziplin und Begeisterung für die Sache, sondern auch eine stabile psychische Konstitution und außergewöhnliche schulische Leistungen, weil für die Hausaufgaben nicht viel Zeit bleibt.

Um die Lebensbedingungen im Alumnat zu verbessern und die Zukunft des Thomanerchores und seiner Idee einer umfassenden musikalischen Bildung zu sichern, wurde 2001 auf Initiative von Biller und dem Chorgeschäftsführer Stefan Altner der Verein „Forum Thomanum Leipzig“ gegründet, mit dem Ziel, ein international ausgerichtetes musikalisches Bildungszentrum zu schaffen. Neben der Eröffnung einer Kindertagesstätte, einer Grundschule und einer Jugendmusikakademie dient dem Projekt auch der Renovierung des Alumnats.

Die traditionellen „Stuben“ werden gerade zu Wohngemeinschaften umgebaut mit je einem großen Gemeinschaftsraum, von dem Zweierzimmer abgehen. Das hierarchische Tutorensystem der Stubenältesten aber soll nicht geopfert werden. Interessanterweise haben die Thomaner selbst darauf bestanden. Manche Jungen, die in Leipzig wohnen und zunächst öfter nach Hause dürfen, bleiben nach einer gewissen Zeit auf eigenen Wunsch hin lieber im Alumnat, wo ihnen der Stubenälteste bei den Hausaufgaben hilft, sie berät, wenn sie Probleme haben, und wo es mehr Abwechslung gibt.

Wer trifft die Entscheidung für dieses Leben?

Was die Kinder über ihr Heimweh und den Mangel an individuellen Freiräumen hinwegtröstet, ist das Gefühl, an einer Sache beteiligt zu sein, die es gemeinschaftlich zu befördern gilt. Die Gemeinschaft, das ist neben der Tradition das andere Schlüsselwort des Thomanerlebens. Und die Gemeinschaft ist es, die neben dem zweifellos unschätzbaren Wert des täglichen aktiven Umgangs mit großer Musik die Kinder fürs Leben prägt. Sie tritt an die Stelle der Familie - die man mit dem Abitur in der Tasche dann zum zweiten Mal verlassen muss.

Das ZDF ließ jüngst einen Psychologen zur Lebenssituation der Thomaner zu Wort kommen und fragte rhetorisch, ob denn Kinder im Alter von neun Jahren überhaupt schon fähig seien, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen wie die, ein Leben in einer so strengen Institution führen zu wollen. In Wahrheit - das stand hinter dieser Frage - seien es doch wohl die Eltern, die ihren Kindern diese Entscheidung aus eigener Ambition heraus aufzwängen. Man könnte natürlich auch umgekehrt fragen, mit welchem Recht weit weniger ambitionierte Eltern unter der Hand für ihre Kinder eine folgenreiche Entscheidung treffen, indem sie sie zum Beispiel von morgens bis abends mit einem verblödenden Fernsehprogramm ruhigstellen oder mit Süßigkeiten vollstopfen.

Aber seltsamerweise reagiert man in der Kulturnation Deutschland immer dann, wenn es um Kunst und speziell um die Musik geht, auf alles, was nach Arbeit, Disziplin und Ehrgeiz riecht, höchst allergisch. Nur im Sport legt man ganz andere Maßstäbe an.

Quelle: F.A.Z.
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