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AfD-Doku „Volksvertreter“

Angetreten, um zu quälen

Von Elena Witzeck
27.05.2022
, 07:27
„Gestehe, dass ich glücklich bin“: Armin-Paul Hampel in investigativer Mission auf Samos Bild: Wilckefilms
„Sinnentleeren ist etwas Wunderschönes“: Im Dokumentarfilm „Volksvertreter“ diskreditieren sich vier AfD-Politiker selbst.
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Ein schnöder Konferenzraum, auf dem Tisch stehen Fahnen der Bundesländer. Verhandelt wird über Identität. Philosophische Überlegungen werden angestellt: Haben Kinder schon eine Identität – im Sinne einer kulturellen Identität als Deutsche? Schweigen, Rascheln, eigentlich nein, ist das nicht ein Prozess? So richtig sicher ist sich niemand. Schließlich das finale, für seine Partei charakteristische Argument von Götz Frömming, dem bildungspolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion: „Da kommen die anderen Schlaumeier und sagen, wir schreiben eine neue, multikulturelle Identität – wenn eure Kinder sowieso keine Identität haben.“ Besser, „im Sinne von Goethes Entelechiegedanken“ zu sagen: „Die haben die eigentlich schon.“

In den letzten Tagen hat die AfD mal wieder etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. Erst vergangene Woche erschienen die „AfD Leaks“, eine Auswertung von 40 000 internen Chatnachrichten der Bundespolitiker der Partei in der letzten Legislaturperiode. Die Protokolle aus dem Chat, dem seit ihren ersten Tagen im Parlament bis nach der letzten Bundestagswahl mehr als 70 der 92 Abgeordneten angehörten, zeigen eine Partei, in der gegen Vorstand und Kollegen gehetzt wird, die von Rachephantasien und Homophobie, Hohn und Selbstmitleid getrieben ist. So weit, so vorhersehbar.

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Nun erscheint beinahe zeitgleich eine Arbeit des Dokumentarfilmers Andreas Wilcke, „Volksvertreter“. Wilcke hat den Film allein und ohne Förderung gedreht und daraus anders als das „AfD­Leaks“-Team von NDR und WDR eine kommentarlose Verhaltensstudie entworfen, die vier AfD-Politiker in ihren ersten Jahren im Bundestag begleitet: Norbert Kleinwächter, Lehrer und inzwischen stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Götz Frömming, ebenfalls Lehrer und parlamentarischer Ge­schäfts­führer mit mehr als 17 000 Twitter-Followern, Armin-Paulus Hampel, ehemals Journalist und außenpolitischer Sprecher, inzwischen nicht mehr im Bundestag, und Enrico Komning, Rechtsanwalt, der im Wirtschaftsausschuss sitzt und mittlerweile parlamentarischer Geschäftsführer ist. Auch Wilckes Dokumentation beginnt 2017 mit den ersten Tagen im Bundestag, im „Elfenbeinturm“, wie die AfDler sagen, mit Spott in der Stimme als schnelle Maßnahme gegen den Respekt, den die Institution ihnen in ihrer plötzlichen Präsenz einflößt.

Wer Höcke seinen Freund nennt

Wilcke hat sich für verschiedene Charaktere entschieden, die politischen Lager der Porträtierten spielten eine nachgeordnete Rolle. Kleinwächter ist der Mann, auf dessen Tasse „Monsieur le Président“ steht und den die Wörter seiner eigenen Rede rühren, Hampel der Elder Statesman, der Schiller zitiert. Es gibt aber auch Parteikollegen in ihrem Umfeld, die keinen Schimmer davon haben, was es bedeutet, wenn sich eine Bundeskanzlerin einer Regierungsbefragung stellt. Dann ist da der galante Frömming, der früher bei Greenpeace mitmachte, und Komning, der Björn Höcke seinen Freund nennt. Wie Komning T-Shirts entwirft, auf denen „Kommando Komning“ stehen soll, wie Hampel vor Publikum erklärt, dass Kitas nicht dazu da seien, Kinder möglichst gut zu versorgen, sondern sie zu indoktrinieren, wie Kleinwächter beim Bürgerdialog in Berlin die Herkunftsländer der Fußballnationalspieler vorliest und zulässt, dass seine Zuhörer wüste rassistische Beschimpfungen ausstoßen: All das geschieht im Beisein der Kamera.

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Falkenberg, Brandenburg: Bei einem Seminar erklärt Kleinwächter die besten Tricks im Umgang mit dem politischen Gegner, die sogenannte Quälstrategie. „Torpedieren geht natürlich auch“, sagt er. „Sinnentleeren ist auch etwas Wunderschönes.“ Mit Schmutz bewerfen, die moralische Legitimation angreifen: Das sei dann die letzte Alternative.

Diese Vorgänge, Störmanöver, der strategisch herbeigeführte Hammelsprung am Freitagnachmittag, sie sind den Parlamentariern aller Parteien seit 2017 vertraut. Die Arbeit des Bundestags haben sie erschwert, aber nicht verhindert. Gequält wurden alle Parlamentarier, auch die der eigenen Partei, das geht auch aus den Recherchen der „AfD Leaks“ hervor. Wofür sie angetreten sind, fragen sich also die AfD-Bundespolitiker. Wohl nicht ausschließlich zum Quälen? Wie rechts­ex­trem soll die Partei denn nun sein? Darf man sich zu den Guten zählen, die im Sinne eines übergeordneten Wohls auch hin und wieder fies handeln dürfen? Kann man aus dem Konsens der Wohlmeinenden ausscheiden und sich dennoch für einen besseren Menschen halten?

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Es muss eine Herausforderung gewesen sein, die Fülle von mehr als hundert Stunden Material in eine Form zu bringen, die nicht zur Schau stellt, sondern weitgehend nüchtern beobachtet, aber es ist Wilcke gelungen. Nicht die bekannten, fassungslos machenden Töne aus der Berichterstattung über die Partei stehen im Vordergrund und auch nicht der Blick auf politische Großereignisse. Pandemie und Querdenker kommen nur am Rande vor. Mit Zeit und Raum agiert Wilcke spielerisch. Stamm­tische, Teamgespräche, Machtkämpfe, Wahlkampfreden, all diese Momente überlagern sich und formen das Bild einer zerrütteten Partei, die immer noch achtzig Abgeordnete im Bundestag hat und sich im Sinnentleeren übt.

© Andreas Wilcke

Wilckes Protagonisten unterscheiden sich in ihrer Professionalität, der Beherrschung dessen, was sie für den deutschen Kanon halten, ihrer Fähigkeit zur Faktenverdrehung und ihrer Auffassung von Scham. Gemein ist ihnen die Eitelkeit. Auf einer Recherchereise nach Samos lässt der ehemalige Journalist Hampel die Flüchtlingslager filmen und stellt jungen Geflüchteten Suggestivfragen nach ihrem Wunschziel in Europa. Als er zurückkommt, berichtet er: Die wollen alle nach Deutschland. Ausnahmslos.

Wenn Einzelne von ihnen miteinander oder mit anderen Parteikollegen zusammentreffen, wird es unterhaltsam: Dann dozieren, belehren und monologisieren sie aneinander vorbei, und niemand hört dem anderen zu. Das sind die Momente, auf die der Film zuläuft, in denen Selbst- und Fremdwahrnehmung himmelweit auseinanderklaffen und klar wird, dass allein die Eitelkeit jede strategische Zusammenarbeit unmöglich machen muss. Das zeigt sich auch in der echten Empörung der AfD-Parlamentarier über ihre Kollegen im Bundestag, wenn ihnen der Gegenwind zu stark wird. „Das war blanker Hass“, heißt es dann, und: „Die können nicht differenzieren.“ Es sind zwar AfD-Politiker, die bei den Holocaust-Gedenkstunden stören und den Überlebenden den Applaus verweigern, aber in der Partei ist von „unerträglichen Provokationen“ der anderen die Rede, von Mobbing, man fühlt sich wahrhaftig schlecht behandelt.

Und so zeigen viele kleine Szenen den Niedergang einer Partei, die seit März 2020 vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In der weder in privaten Chats noch im Bundestag im Sinne der Sache argumentiert wird, die von Politikern bevölkert wird, deren beständige Beschäftigung mit sich selbst gar keinen Platz für die Zukunft ihres Landes lässt. Man muss sich das nicht alles ansehen. Aber als Zeitdokument ist es doch sehr aufschlussreich.

Quelle: F.A.Z.
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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